Experten: Corona-Anstieg liegt nicht allein an höheren Testzahlen

Braunschweig.  Dies hatte ein Leser unserer Zeitung behauptet. Die Fachleute sehen hier verschiedene weitere Faktoren – und ein „verändertes Infektionsgeschehen“.

Die Menge der Covid-19-Tests ist in den vergangenen Wochen deutschlandweit gestiegen – und gleichzeitig die Zahl an positiv Getesteten. Experten sind aber der Auffassung, dass man sich die „Corona-Gleichung“ nicht so einfach machen dürfe.

Die Menge der Covid-19-Tests ist in den vergangenen Wochen deutschlandweit gestiegen – und gleichzeitig die Zahl an positiv Getesteten. Experten sind aber der Auffassung, dass man sich die „Corona-Gleichung“ nicht so einfach machen dürfe.

Foto: H_Ko / Shutterstock / H_Ko

„Aus den aktuellen Daten des Robert-Koch-Instituts kann man wunderbar ableiten, dass wir in Deutschland kein Covid-19-Infektionsproblem haben, sondern der Anstieg der Fälle allein auf die Verdoppelung der Tests zurückzuführen ist. Auch die vermehrten Auslandsinfektionen sind nur logisch, da ja mehr Wiedereinreisende getestet werden. Jeden Tag können wir in den Medien sehen und hören, wie dramatisch angeblich die Entwicklung ist. Mathematisch ist das nachweisbar kompletter Unsinn.“

Dies schreibt uns Christian Pöhling aus Braunschweig.

Das Coronavirus und seine Auswirkungen haben auch Deutschland seit Anfang dieses Jahres im Griff. Laut Lagebericht des Berliner Robert-Koch-Instituts vom 31. August haben sich bundesweit bislang 242.381 Menschen mit Covid-19 infiziert. In Niedersachsen liegt diese Zahl bei 16.763, in unserer Region bei 1830.

Auf eine mögliche Covid-19-Infektion getestet werden die Betroffenen mittels der sogenannten Polymerase-Kettenreaktions-Methode, besser bekannt als PCR-Tests. Auskunft darüber, wie viele dieser Tests bisher in Deutschland vorgenommen worden sind, gibt das RKI wöchentlich, der aktuellste Stand datiert vom Dienstag, 25. August. Demnach gab es seit Beginn der medizinischen „Corona-Maßnahmen“ über 11,2 Millionen Testungen – laut Bericht übermitteln um die 180 Labore aus dem gesamten Bundesgebiet einmal in der Woche ihre Daten an das RKI.

Was sagen die aktuellen Zahlen?

Was bei Betrachtung dieser Zahlen auffällt: Die Anzahl der vorgenommenen Covid-19-Tests pro Woche ist in der jüngsten Vergangenheit stetig angestiegen. Nachdem dieser Wert Ende Juni noch bei rund 466.000 Testungen lag, wurden Anfang August bereits rund 734.000 gemeldet. In der Woche darauf waren es laut RKI-Daten dann etwa 892.000, am 25. August wurden für Kalenderwoche 34 (17. bis 23. August) exakt 987.423 Tests erfasst. Vergleich: Mitte März lag die entsprechende Zahl bei 127.457.

Ein ähnlicher, wenn auch nicht identischer Kurvenverlauf ist in letzter Zeit hinsichtlich der positiv auf Covid-19 Getesteten zu verzeichnen. Seit Kalenderwoche 28, 6. bis 12. Juli, in der dieser Wert bei knapp 3000 lag, ist die Zahl der Tests mit „positivem“ Ergebnis auf 8.655 in Woche 34 gestiegen.

Wie sieht es nun also mit der Aussage unseres Lesers Christian Pöhling aus? „Merkel warnt vor dem Corona-Herbst“ hat etwa unsere Zeitung am vergangenen Samstag getitelt – die Bundeskanzlerin mahnt im zugehörigen Artikel, nicht zuletzt wegen der wieder gestiegenen Infektionszahlen, zu einem sorgsamen Miteinander in der Gesellschaft. Sind solche Aussagen von Politik und Presse nun also „Unsinn“, wie Pöhling schreibt?

Zehntausende, die am Wochenende in Berlin gegen die geltenden Corona-Maßnahmen demonstriert haben, dürften das ähnlich sehen. Auch weitere Leser unserer Zeitung schlagen in den sozialen Netzwerken in diese Kerbe. „Wo mehr getestet wird, gibt es natürlich auch mehr positive Ergebnisse. Ich persönlich halte diese ganze Sache für aufgebauscht“, lautet etwa ein Statement. Ein anderes Zitat: „Die steigenden Fallzahlen liegen nur an der Anzahl der Tests. Damit kann man die Zahlen immer hochtreiben und diese Szenarien erzeugen.“

Was sagen die Experten?

Wir fragen beim RKI nach. „Eine Ausweitung der Testfrequenz kann zu einem Anstieg der Fallzahlen führen, da zuvor unentdeckte Fälle erkannt werden“, erklärt Pressesprecherin Susanne Glasmacher. Das Mehr an Covid-19-Fällen sei jedoch „nicht allein mit dem verstärkten Testaufkommen zu erklären“. Im Gegenteil gebe es „zahlreiche Gründe“, weshalb die Zahlen derzeit ansteigen. Glasmacher nennt hier „viele kleinere Ausbruchgeschehen in verschiedenen Landkreisen“, die etwa mit „größeren Feiern in Familien- und Freundeskreisen, aber auch Freizeitaktivitäten sowie dem Geschehen am Arbeitsplätzen und in Gemeinschafts- wie Gesundheitseinrichtungen“ in Verbindung stehen.

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Mike Wonsikiewicz, Sprecher des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, antwortet uns ebenfalls, dass die aktuell steigenden Fallzahlen sich nicht alleine durch vermehrte Testungen erklären lassen. Er sehe derzeit ein im Vergleich zu vorangegangen Phasen „verändertes Infektionsgeschehen“ in Bezug auf Covid-19: „Die Fälle verteilen sich nun in der Fläche und nicht mehr auf einzelne Ausbrüche, wie das im Frühjahr der Fall gewesen ist.“

Betroffen seien zudem aktuell stärker die jüngeren Altersgruppen. Niedersachsenweit kamen in der vergangenen Woche mehr als 500 Covid-19-Infizierte hinzu – rund ein Viertel davon sind nach Angaben der Gesundheitsämter zwischen 20 und 29 Jahre alt.

Wie sieht es mit Reisenden aus?

Ein Faktor, der zumindest teilweise damit zusammen hängen könnte: 39 Prozent der positiv Getesteten sind laut RKI aktuell Reiserückkehrer, insbesondere solche aus dem Kosovo, der Türkei oder Kroatien. Unter den Covid-19-Fällen mit Angabe „Kosovo“ oder „Türkei“ befinden sich demnach eher Kinder und Personen mittleren Alters, was auch auf Familienbesuche schließen lasse. Diejenigen, die sich das Virus wahrscheinlich in Kroatien oder auch Spanien eingefangen haben, sind häufig zwischen 20 und 24 Jahren alt, so das RKI – dies deute auf (unvorsichtigen) „Vergnügungstourismus“ hin.

Eines haben die genannten Länder dieser Tage gemein: Sie sind komplett oder zumindest in Teilen als Corona-Risikogebiete eingestuft. Seit dem 8. August gilt für Rückkehrer aus solchen Gebieten eine verbindliche Testpflicht. Von diesem Tag an hat die bundesweite Zahl der Covid-19-Tests drastisch zugenommen – zu Lasten der (über die Zeit bereits aufgestockten) Kapazitäten der auswertenden Labore. Resultat waren etwa die starken Verzögerungen bei der Ergebnisübermittelung für bayerische Reiserückkehrer, darunter auch 900 positiv Getestete.

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Rückgereiste aus Risikogebieten sollen voraussichtlich ab dem 1. Oktober ihre Corona-Quarantäne frühestens durch einen Test ab dem fünften Tag nach der Rückkehr beenden können. Dies sieht ein Bund-Länder-Beschluss von Ende vergangener Woche vor. Geprüft werden soll auch, ob betroffene Personen die bislang kostenfreien Tests fortan selbst bezahlen müssen.

Die freiwilligen, aber ebenfalls kostenlosen Covid-19-Tests für Rückkehrer aus Nichtrisikogebieten sollen derweil – hier nimmt sich Bayern aus – bereits zum 15. September enden. Bernd Riexinger, Bundeschef der Linken, kritisierte die Beschlüsse: „Die Infektionszahlen steigen, und das Hauptergebnis der Bund-Länder-Runde ist, dass weniger getestet werden soll.“

Welche Faktoren sind noch wichtig?

Ein weiterer Punkt, vereinzelt auch von unseren Lesern in den sozialen Netzwerken genannt, sind die sogenannten falsch-positiven Testergebnisse. Sprich: Jemand ist nicht mit Covid-19 infiziert, sein Testergebnis sagt dies aber aus – und somit entstehen fälschlich höhere Infektionszahlen. Dieses Prinzip funktioniert auch anders herum, dann wird von falsch-negativen Ergebnissen gesprochen.

Bei der epidemiologischen Beurteilung spielen zwei Parameter eine wesentliche Rolle: „Sensitivität“ und „Spezifität“. Während die „Sensitivität“ die Wahrscheinlichkeit angibt, mit der Infizierte als solche erkannt werden, bildet die „Spezifität“ die Wahrscheinlichkeit ab, dass Gesunde zutreffend diagnostiziert werden.

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Insbesondere zweiteren Wert vermutet Dr. Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig in Zusammenhang mit PCR-Tests bei annähernd 100 Prozent – es sei aber nicht auszuschließen, „dass auch mal ein nicht Infizierter in Quarantäne muss, weil ein falsches Testergebnis vorliegt“, erklärt die Epidemiologin gegenüber unserer Zeitung. Eine pauschale Aussage darüber, wie zuverlässig PCR-Testungen seien, empfinde sie als „schwierig“. Es seien dabei – neben der Testgüte der Laboruntersuchungen – auch weitere Faktoren zu beachten. Etwa, zu welchem Zeitpunkt im Krankheitsverlauf, in welchem Umfeld und von wem – Betroffene oder Fachpersonal – die Abstriche vorgenommen wurden.

„Aufgrund der Eigenschaften von PCR-Tests und hoher Qualitätsanforderungen kommen falsch-positive Befunde nach derzeitigen Erkenntnissen nur selten vor“, schreibt derweil das RKI auf seiner Website. Epidemiologin Lange sieht eine „meist adäquate Kommunikation“ der offiziellen Stellen, was das Erklären solcher Test-Spezifika anbelangt.

Und was sagt uns das alles?

Die Frage, die übrig bleibt: Wie sind die aktuellen Fallzahlen nun zu beurteilen? Die Menge der Covid-19-Fälle sei „jedenfalls deutlich gestiegen“, sagt RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher – dabei aber nicht so steil wie in der ersten „Hochphase“ des Virus im vergangenen Frühjahr.

Damals lag die Positivenrate, also der Anteil der positiv Getesteten, teilweise bei rund 9 Prozent – bei weniger zur Verfügung stehenden Testkapazitäten. In Kalenderwoche 34 lag der Wert laut RKI-Zahlen nun bei 0,88 Prozent. In den beiden vorangegangenen Wochen waren es 0,99 beziehungsweise 0,96 Prozent, Anfang Juli aber nur rund 0,6. „In den vergangenen Wochen war ein klares Mehr an Neuinfektionen und auch ein leichter Anstieg der Testpositivrate zu verzeichnen“, sagt HZI-Wissenschaftlerin Berit Lange – die in den letzten Tagen vom RKI veröffentlichten Fallzahlen und Verbreitungsparameter seien aber wieder „etwas weniger besorgniserregend.“

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