Prof. Eiffert: Potenzial für Corona-Welle nach Urlauben

Göttingen.  Prof. Helmut Eiffert spricht im Interview über die Möglichkeit einer zweiten Corona-Welle durch Urlauber, Herdenimmunität und die Virus-Spätfolgen.

Ein Corona-Test wird verarbeitet.

Ein Corona-Test wird verarbeitet.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Das Corona-Virus rückt derzeit in den Hintergrund, die Infektionszahlen sinken. Dennoch ist Sars-Cov-2 noch da. Über die Sackgasse Herdenimmunität und die Hotspots in Göttingen spricht der medizinische Mikrobiologe Prof. Helmut Eiffert im Interview mit Redakteurin Britta Bielefeld.

Sie sind auch in Ihrer Tätigkeit als Infektiologe bei amedes ja ganz nah dran am aktuellen Geschehen. Wie viele positive Nachweise hatten Sie heute?

In Göttingen genau einen. Aber: Das Virus ist nicht verschwunden, es ist noch immer da. Wir müssen aufpassen, dass es sich nicht wieder ausbreitet.

Wie kann das gelingen?

Wir müssen viel testen und sofort reagieren, wenn irgendwo ein Ausbruch droht, wie etwa bei den beiden Hotspots in den Göttinger Hochhäusern. Wenn ich einen positiven Nachweis auf dem Tisch habe, informiere ich das Gesundheitsamt, den Hausarzt oder gegebenenfalls den Patienten selbst. Wie beispielsweise über das Gesundheitsamt einen Arbeitgeber, der einen Mitarbeiter aus einem Balkanstaat hat testen lassen – mit positivem Ergebnis. Wichtig sind die schnelle Information und dann eine ebenso schnelle Reaktion nebst Isolation.

Die Lage ist demnach aber relativ entspannt?

Was die Neuinfektionen angeht derzeit ja. Was wir allerdings auch sehen, ist, dass sich beim klinischen Verlauf der Covid-19-Erkrankungen viel tut. Was wir in den vergangenen Wochen gelernt haben, ist, dass viele Organe bei einer Infektion massiv geschädigt werden können. Covid-19 ist weit mehr als eine Lungenerkrankung.

Welche Organe meinen Sie?

Das Virus kann beispielsweise das Gehirn befallen, bis hin zu einer Enzephalitis, einer Hirnentzündung. Auch das Herz-Kreislauf-System kann geschädigt werden, beispielsweise durch eine Herzmuskelentzündung. Das Virus kann die Nieren massiv schädigen und die Leber befallen. Zudem wissen wir jetzt, dass es die Blutgerinnung verändern kann. Viele Patienten leiden unter Spätfolgen – auch bei moderaten Krankheitsverläufen.

Das klingt wenig aufmunternd. Aber werden denn nicht immer mehr Menschen immun?

Auch hier zeigen neue Erkenntnisse, dass die Immunität oft nur für einen kurzen Zeitraum besteht. Die mittlerweile sehr zuverlässigen Antikörpertests zeigen, dass beispielsweise in Deutschland nur 1,3 Prozent der Blutspender Antikörper aufweisen. Eine Untersuchung an Schülern und Lehrern zeigte eine Quote von 0,6 Prozent. Eine natürliche Durchseuchung findet nicht statt. Dazu kommt, dass die Zahl der Antikörper, die im Blut von zuvor infizierten Patienten gefunden wurden, sehr schnell wieder sinkt. Das ist schon überraschend.

Also stirbt die Hoffnung auf Herdenimmunität?

Ja. Die Herdenimmunität funktioniert nicht. Deshalb ist auch die Idee von einem Immunitätsausweis Unsinn.

Was bleibt also?

Prophylaxe. Masken, Abstand und Hygiene. Nicht immer ist das aber möglich. Wenn beispielsweise nach den Ferien der Schulbetrieb wieder startet, sollte man über Tests nachdenken. Am Einlass einer Schule kontaktlos die Temperatur der Kinder zu messen, könnte sinnvoll sein. Sobald ein Kind infiziert ist, müssen schnelle Maßnahmen greifen.

In Göttingen gibt es ja bereits Erfahrungen mit lokalen Ausbrüchen. Wie bewerten Sie den Umgang?

Der Umgang mit den Ausbrüchen war professionell, es ist gelungen, das Geschehen lokal zu begrenzen.

Sie rechnen also mit einer nächsten Welle?

Ich glaube, wenn alle Urlauber aus dem Ausland zurückkommen, gibt es Potenzial für eine Welle. Zudem nimmt die Zahl der respiratorischen Erkrankungen im Herbst generell zu. Wenn sich alle an Prophylaxemaßnahmen halten und kleine Ausbrüche sofort lokalisiert und isoliert werden, könnte es aber bei einer kleinen Welle bleiben.

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