Abu Walaa-Prozess: Ex-Rockerboss kommt vorübergehend in Beugehaft

Celle.  Im Celler Terror-Prozess soll Yildiray K. als Zeuge aussagen. Doch das Gericht muss zu harten Mitteln greifen, um ihn zum Reden zu bewegen.

Der damalige Präsident der Duisburger Rockergruppe Satudarah sitzt vor Beginn des dritten Prozesstages im Verhandlungssaal. Bei der Fortsetzung vom Prozess gegen mutmaßlichen Anführer der Terrormiliz IS in Deutschland, Abu Walaa, war die Aussage des Ex-Rockerchefs geplant.

Der damalige Präsident der Duisburger Rockergruppe Satudarah sitzt vor Beginn des dritten Prozesstages im Verhandlungssaal. Bei der Fortsetzung vom Prozess gegen mutmaßlichen Anführer der Terrormiliz IS in Deutschland, Abu Walaa, war die Aussage des Ex-Rockerchefs geplant.

Foto: Roland Weihrauch / dpa

Der ehemalige Boss des Rockerclubs Satudarah kommt als Zeuge durch den Vordereingang des Oberlandesgerichts in Celle. Er trägt eine rote Schirmmütze, Bart. Am Hals zeichnet sich eine Tätowierung unter der schwarzen Jacke ab. Als er den Saal im Hochsicherheitstrakt betritt, lässt er den Blick über die fünf Angeklagten hinter der Scheibe aus Panzerglas schweifen. Nur kurz. Dann wendet er sich ab.

Es ist der Beginn eines Verhandlungstages im derzeit wohl größten deutschen Verfahren gegen den islamistischen Terrorismus, der viele Überraschungen bereithält. Die größte ist, dass zur Mittagspause die Handschellen klicken und der Zeuge Yildiray K. in die Zelle geführt wird. Weil der ehemalige Rocker wiederholt beteuert, dass er sich nicht erinnern kann und weil die Richter ihm das nicht abnehmen. Er kommt vorübergehend in Beugehaft. Nach der Pause kehrt seine Erinnerung zumindest teilweise wieder. Was war geschehen?

Yildiray K. hatte gegenüber Ermittlern Hasan C. schwer belastet

„Jeder denkt nur an sich. Ich wollte damit nichts zu tun haben“, erklärt Yildiray K. seine zunächst vorgeschobenen Erinnerungslücken. Mit „damit“ sind wohl die mutmaßlichen Islamisten auf der Anklagebank gemeint. Seit gut anderthalb Jahren müssen sich der Hildesheimer Prediger Abu Walaa und vier seiner mutmaßlichen Helfer unter anderem wegen Unterstützung und Mitgliedschaft in der Terrormiliz IS verantworten. Sie sollen junge Gläubige radikalisiert und für den Kampf in Syrien und dem Irak geworben haben.

Als eine Schlüsselfigur in dem mutmaßlichen Netzwerk gilt Hasan C., ehemals Inhaber eines Reisebüros in Duisburg-Rheinhausen. Die Anklage geht davon aus, dass er in einer Hinterzimmer-Islamschule junge Männer indoktriniert und Hilfe bei deren Ausreise in die ehemaligen Gebiete des IS geleistet haben soll. Gegenüber Ermittlungsbeamten der Polizei hatte auch Yildiray K. den „Islam-Lehrer“ schwer belastet.

Briefe aus dem Hochsicherheitstrakt der JVA Düsseldorf geschmuggelt

Vor Gericht räumt er nur zögerlich ein, dass er für den heute 53-Jährigen tatsächlich Briefe aus dem Hochsicherheitstrakt der JVA Düsseldorf schleuste – Schreiben, in denen von „Operationen“ gegen mögliche Belastungszeugen die Rede war; Yildiray K. sollte sie an Gefolgsleute weiterleiten. Stattdessen händigt er sie seinem Verteidiger aus – und trat eine Lawine in Gang, mit der er so offensichtlich nicht gerechnet hatte.

Yildiray K., einst als „Ali Osman“ als schillernde Person in der Rockerszene bekannt und berüchtigt, spricht stockend, manchmal ist er kaum zu verstehen. Er bricht Sätze ab, als er von seiner Begegnung mit Hasan C. erzählt: Beide Männer aus Duisburg-Rheinhausen verbringen 2017 einige Monate zusammen in Haft; Yildiray K. sitzt in Düsseldorf wegen Drogen- und Waffengeschäften ein.

Zeuge fürchtet Islamisten mehr als Rocker

Er schildert, wie sich ihm Hasan C. nach und nach anvertraut hat. Wie sie erst nur über den Koran sprechen, dann die Gesinnung von Hasan C. immer deutlicher, seine Sympathien für den IS erkennbar werden und er auch Anschläge rechtfertigt. „Es wurde für mich unerträglich“, sagt der Zeuge.

Als ehemaliger Satudarah-Präsident hatte Yildiray K. im eigenen Verfahren freimütig über Drogen- und Waffengeschäfte ausgepackt, selbst Namen von Hintermännern genannt. Als Zeuge im Celler Terror-Prozess wirkt er dagegen unsicher. „Sie haben meine Familie in Gefahr gebracht“, sagte er zu den Richtern. Man versuche ihn, in irgendetwas reinzuziehen. „Wenn hier von Schutz die Rede ist – vielleicht sind die Jungs jetzt auch böse auf mich“, sagte er mit Blick auf die Angeklagten.

Zum Gotteskrieger in drei Schritten

Nur widerwillig bestätigt er, was er gegenüber Ermittlern des Landeskriminalamtes in Düsseldorf angegeben hat. Aus Aktenvermerken ist zu entnehmen, wie Yildiray K. ein ausgeklügeltes System beschreibt, in dem Gläubige für den IS geworben werden sollten: Demnach nimmt zunächst ein Mitglied der Szene, der nicht als Salafist zu erkennen ist, Kontakt zu Jugendlichen auf, gewinnt ihr Vertrauen und lädt sie zu Unterrichten ein. In einem zweiten Schritt werden die frisch Geworbenen zu Hasan C. gebracht und dort „ideologisch geschult“.

Ausgewählte sollen dann in einer dritten Stufe weiter radikalisiert und auf bestimmte Aufgaben vorbereitet werden. Das heißt: in die Kampfgebiete des IS geschickt oder für „Tätigkeiten“ in Deutschland eingesetzt werden. Hasan C. soll sich als Gebietsvertreter für den Raum Duisburg ausgegeben haben. Über allem schwebte den Schilderungen zufolge aber Abu Walaa, als letzte Instanz. „Herr C. hat ihn laut Yildiray K. in solch leuchtenden Farben beschrieben, dass er wie ein Heiliger da stand“, erinnert sich der Leiter der Ermittlungskommission.

Hart gesottener Rocker erschüttert

Und er erinnert sich auch, wie erschüttert sich der sonst eher hart gesottene Rocker in den Vernehmungen gab. „Er sprach von Bildern, Symbolen, von psychologischen Mitteln, die angewandt wurden, um Menschen zu manipulieren.“ Er habe die Islamisten fortlaufend als Parasiten bezeichnet, so der LKA-Beamte – als jemanden, der sich in die Gehirne anderer einnistet. Das wiederholt Yildiray K. so vor Gericht nicht.

Er erwähnt aber die Zwillinge Mark und Kevin K., die dem Vernehmen nach den Unterricht des Reisebüro-Inhabers besuchten und bei Selbstmord-Attentaten im Irak viele Menschen mit in den Tod rissen. Hasan C. sei sehr stolz auf sie gewesen. „Er sagte: Das sind Löwen.“ Von einem deutschlandweiten Rekrutierungs-Netzwerk will K. indes nichts wissen.

Motivation des Zeugen unklar

Warum plaudert der Ex-Rocker so freimütig die Geheimnisse eines ehemaligen Haft-Kumpanen aus? Der LKA-Ermittler beschreibt Yildiray K. als Taktierer. Sein Ziel sei es gewesen, nach zwei Dritteln seiner verbüßten Haftstrafe frei zu kommen, immer wieder habe er den Ermittlern „Zuckerstückchen“ hingeworfen, brisante Informationen versprochen, doch dann dicht gemacht. Yildiray K. bestreitet das. Er habe die Ideologie des mutmaßlichen Islamisten nicht geteilt, sagt er. Deswegen habe er die Briefe an die Ermittler übergeben.

Am morgigen Mittwoch soll Yildiray K. wieder vor Gericht erscheinen. Die Beugehaft hat der Senat vorerst aufgehoben – mit einer deutlichen Warnung: Er müsse sich auch weiter an die Wahrheit halten.

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