Besser ist, man weiß, was war

„Geschichtsbewusstsein schützt vor katastrophalen Irrtümern. Sally Perel ist mit seinen 95 Jahren ein Mann der Zukunft, weil er wortmächtig für die Menschenwürde eintritt.“

„Lieber Gott,
mach meine Träume für mich passend
Alles was ich kenne ist
die Geschichte des Moments“
–Simon Neil für Biffy Clyro

Geschichtsbewusstsein ist wahrscheinlich das uncoolste Wort, mit dem man eine Kolumne eröffnen könnte. Bei flüchtiger Betrachtung scheint dieser Begriff auch keine besondere Bedeutung mehr zu haben. Abgesehen von Dokumentationen, die mit dräuender Hintergrundmusik und Erzählstrukturen im Schnipsel-Format eine gewisse TV-Reichweite erzielen, spielen historische Zusammenhänge eine erstaunlich geringe Rolle.

Galionsfigur dieses Zeitgeistphänomens ist der amerikanische Präsident, der Politik mit Börsenhandel verwechselt und deshalb glaubt, alles sei per „Deal“ zu regeln. Partnerschaftliche Bindung, kulturelle Gemeinsamkeit, Solidarität kennt er nicht. Sigmar Gabriel hat darauf hingewiesen, dass es Amerikas Stärke immer war, andere hinter sich zu versammeln. Es ist die vielleicht wichtigste Grundlage der Ordnung der westlichen Welt seit 1945. Republikanische Parteifreunde müssen Trump jetzt darauf hinweisen, dass er seinem eigenen Land schadet, wenn er 10.000 Soldaten aus Deutschland abzieht – und damit den unendlich verlängerten russischen Präsidenten Putin zu weiteren Abenteuern verleitet. (Gabriel? Darf man den in dieser Woche überhaupt zitieren, werden Sie vielleicht fragen, wo er doch Fleischmogul Tönnies beriet? Ja, darf man. Gabriel hat einem damals in höchsten Kreisen gesellschaftsfähigen Unternehmen aus einer Exportklemme geholfen und dafür ein Honorar genommen. Die Abkühlphase nach dem Ende seines Ministeramtes hatte er beachtet. Das muss man nicht schön finden, aber es ist auch kein Skandal, zumal sich Gabriel in seiner Zeit als Wirtschaftsminister als einziges Kabinettsmitglied bemüht hatte, die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie zum Thema zu machen. Die Heftigkeit der Reaktionen ist, um es in ganz anderem Sinn mit den Worten des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil zu sagen, peinlich und befremdlich.)

Geschichtsbewusstsein kann vor Kleinlichkeit schützen, und es ist eine Kraftquelle. Was könnte ein eindrucksvollerer Beleg sein als unser regionales Hauptereignis – der Aufstieg der Braunschweiger Eintracht? Wie hätte der Verein sich jahrelang gegen den drohenden Bedeutungsverlust stemmen können ohne die tiefe Identifikation mit der Tradition dieses Vereins seit 1895, vor allem aber ohne das Wissen darum, was dieser Verein um das Jahr 1967 erreicht hat? Präsidium, Aufsichtsrat, Sportdirektor, Trainer, Spieler, Fans und ganz wesentlich auch die Sponsoren dürften sich sehr bewusst sein, dass sie einen Auftrag haben, der sich nicht nur auf aktuelle Tore, Punkte und Bilanzen bezieht. Tradition wirkt als starker, positiver Motivator – Eintracht ist wohl gerade deshalb jetzt wieder da, wo der Verein historisch hingehört.

Zum Geschichtsbewusstsein gehört, aus schmerzhaften Erfahrungen zu lernen. Deutschland hat nach der Katastrophe zweier Weltkriege begriffen, dass die Welt nicht am deutschen Wesen genesen wird, sondern dass Deutschland nur als guter Partner eine leuchtende Zukunft haben kann. Kanzlerin Merkel hat die deutsche EU-Ratspräsidentschaft in diesem Sinn eröffnet.

Geschichtsbewusstsein ist insofern eine Versicherung gegen Irrtümer, die katastrophale, ganze Länder erschütternde Folgen haben können. Der Blick auf geschichtliche Entwicklungslinien erleichtert das Wiederfinden der Grenzmarken, die in unserem Zeitalter der Beliebigkeit allzuleicht vom Zeitgeist überwuchert werden. Wir erinnern uns mit Grausen eines Alexander Gauland, der glaubte, er könne die 12-jährige Nazi-Diktatur in Relation zu 1000 Jahren deutscher Geschichte setzen und durch einen simplen Subtraktionsvorgang zum „Vogelschiss“ herunterreden. Motto: 988 ist mehr als 12. Das ist auch und nicht zuletzt einfach nur idiotisch. Dahinter verbirgt sich aber eine Geschichtslosigkeit, die die Schuld der Täter, das Leid der Opfer und die Verantwortung der Nachgeborenen verkennt. Weil aus dieser Verantwortung die Chance wächst, dem Lauf der Welt eine bessere Wendung zu geben, betrügt der Geschichtslose alle nachfolgenden Generationen: Die Nachfahren derer, die Hitlers Massenmörderclique in grauenhafter Verblendung zugejubelt haben, werden die furchtbaren Folgen des Militarismus, des Nationalismus und des Rassismus nie ertragen müssen – wenn wir alle verhindern, dass Geschichte vergessen wird.

Braunschweig geht einen ganz anderen Weg, einen Weg, der jeden Bürger unserer Region stolz machen sollte. Braunschweig will Sally Perel die Ehrenbürgerwürde verleihen, einem Mann, der unendlich viel dafür getan hat, jungen Menschen klarzumachen, was Verfolgung, Rassenwahn und Vernichtung bedeuten. Sally Perel ist mit seinen 95 Jahren ein Mann der Zukunft, weil er wortmächtig für Respekt und Menschenwürde eintritt. Er ist einer, der Augen öffnet, während andere sie zu verkleistern suchen. Braunschweig hat eine weise Wahl getroffen.

Man darf daran erinnern, wer die Verbindung zwischen Sally Perel und Braunschweig am intensivsten pflegt: Der Betriebsrat des VW-Werks Braunschweig hat mit seiner Arbeit für Respekt und Toleranz, mit der Auslobung des Sally-Perel-Preises die einzig richtige, geschichtsbewusste Konsequenz aus der Geschichte gezogen. Bewerbungen für den Preis sind unter www.sally-perel.de gerade möglich. Ein Werk, das in den Industrialisierungsplänen der Nazis wurzelt, ist heute ein Bollwerk gegen Hetze und Diskriminierung. So nimmt Geschichte eine gute Wendung.

Vielleicht ist Geschichtsbewusstsein doch kein so uncooles Wort.

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