Leitartikel

Bürger zahlen die Zeche

„Skandalös ist nicht, dass der Staat Urlauber entschädigt. Skandalös ist, dass er es hat dazu kommen lassen.“

Hannah Schmitz

Die Bundesregierung entschädigt Thomas-Cook-Kunden – also zahlt am Ende der Steuerzahler verpasste Pauschalurlaube. Das ist erst einmal empörend: Warum soll ich die gecancelte Reise von Kreti und Pleti auf die Malediven zahlen, die doch schon im Frühjahr in Thailand geurlaubt haben und sich nächstes Jahr während einer Aida-Kreuzfahrt die Sonne auf den Bauch scheinen lassen? Aber so einfach ist es nicht. Zunächst einmal geht es ja nicht jedem so gut wie Kreti und Pleti. Viele der betroffenen Cook-Kunden sind Familien, die auf ihren Urlaub gespart haben, Studenten, die allgemein eher knapp bei Kasse sind oder Senioren oder Singles, die sich mit einer großen Afrika-Reisen endlich ihren Lebenstraum erfüllen wollten. Sie sind erstens um ihr Geld gebracht – laut der Verbraucherzentrale Niedersachsen schon mal im fünfstelligen Bereich – und sie sind zweitens um ihre Reise und der Freude daran gebracht worden, für die sie nun einmal gezahlt haben. Skandalös ist es deswegen nicht, dass der Staat diese Urlauber entschädigt, auch wenn einem das vielleicht schwer runtergeht. Skandalös ist, dass die Regierung es überhaupt hat dazu kommen lassen. Denn hätte sie, wie schon seit Jahren gefordert, die Pauschalreiserichtlinie der EU im Sinne des Erfinders umgesetzt, wäre die Haftungssumme nicht bei 110 Millionen Euro gedeckelt. Sie hätte so hoch sein müssen, dass sie für die Insolvenz eines großen Reiseunternehmens wie Thomas Cook Deutschland ausreicht. Der Cook-Versicherer Zurich ist damit fein aus dem Schneider . Und auch Thomas Cook profitierte, weil es jahrelang nur niedrige Versicherungsbeiträge zahlen musste.

Es ist grotesk, dass nun – schon wieder – der Steuerzahler statt eines Unternehmens die Zeche zahlen muss. Es ist deswegen höchste Zeit, dass die Regierung die EU-Richtlinie umsetzt – und ihre Bürger nicht noch einmal für Urlaube zur Kasse bittet.

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