Leitartikel

Mord als Recht des Stärkeren

„Wer Wladimir Putin zuhört, wird den Verdacht nicht los, dass der russische Präsident den Lauf der Dinge billigt.“

Gelegentlich wird man drastisch daran erinnert, dass wir auf einer Insel der Seligen leben: Dass der Rechtsstaat weltweit die Ausnahme ist, nicht die Regel.

Woanders gilt es zwar nicht als legal, aber doch als legitim, einen Staatsfeind um die Ecke zu bringen. So einer war Zelimkhan Khangoshvili, der Georgier, der im August mitten in Berlin am helllichten Tag ermordet wurde. Hingerichtet.

Wer Wladimir Putin zuhört, wird den Verdacht nicht los, dass der russische Präsident den Lauf der Dinge billigt und rechtfertigt. Wenn man seine Haltung auf einen Nenner bringt, dann am besten mit einem hartgesottenen „So what“?

Nicht nur Menschen haben Rachefantasien. Staaten haben sie nicht minder. Aus der Sicht der Rebellen in Tschetschenien war Khangoshvili wohl ein Freiheitskämpfer – aus der Sicht Putins ein Bandit und Verbrecher. Wenn sich die todbringende Gelegenheit bietet, heiligt der Zweck die Aktion.

Siegerjustiz ist ansteckend, immun sind wenige. Dieselbe Angela Merkel, die heute von den Russen Hilfe bei der Aufklärung eines Verbrechens anmahnt, gratulierte 2011 US-Präsident Barack Obama zum Einsatz gegen den Gründer der Al-Kaida: „Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.“ Wenn man tatsächlich von einem Sittenverfall reden kann, hat er vor Jahren angefangen, nicht erst mit dem Mordfall von Berlin.

Die Bluttat belastet das Verhältnis zu Russland schwer. Es ist gut, dass der Generalbundesanwalt ermittelt, die Bundesregierung mit der Ausweisung von zwei Diplomaten ein Zeichen setzt, unsere Behörden unaufhörlich Fragen stellen. Aber wir werden keine zufriedenstellenden Antworten bekommen.

Man werde über weitere Reaktionen beraten und entscheiden müssen, hat CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer neulich gesagt. Aber ja, man hört es gern. Allein der Glaube, der fehlt.

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