Trierer Chefredakteur Roth: Trier befindet sich in Schockstarre

Braunschweig.  Thomas Roth, Chefredakteur des Trierischen Volksfreunds, gibt im Interview ein Stimmungsbild nach der tödlichen Amokfahrt.

Trauernde legen nach der Amokfahrt mit fünf Toten in Trier an der Porta Nigra Kerzen und Blumen nieder. Zahlreiche Menschen gedenken hier der Opfer der Amokfahrt eines 51-jährigen Mannes durch die Innenstadt.

Trauernde legen nach der Amokfahrt mit fünf Toten in Trier an der Porta Nigra Kerzen und Blumen nieder. Zahlreiche Menschen gedenken hier der Opfer der Amokfahrt eines 51-jährigen Mannes durch die Innenstadt.

Foto: Harald Tittel / dpa

Es waren vier tödliche Minuten, in denen am Dienstag in Trier fünf Menschen starben, 14 weitere verletzt wurden. Thomas Roth, Chefredakteur des Trierischen Volksfreunds, gibt einen Einblick in das Seelenleben der rheinland-pfälzischen Stadt. Roth war von 2011 bis 2017 stellvertretender Chefredakteur unserer Zeitung.

Eine ganze Stadt dürfte unter Schock stehen. Welche Beobachtungen macht Deine Redaktion, welchen Eindruck hast Du selbst?

Ja, am Montag war die ganze Stadt in einer Art Schockstarre. Die Polizei hat die komplette Fußgängerzone nach der Amokfahrt abgesperrt. Dazu muss man wissen: Trier hat eine der größten Fußgängerzonen in ganz Deutschland. Der Amokfahrer ist fast ganz durch diese mehr als ein Kilometer lange Strecke gerast. Aufgrund der Absperrung gab es also keine Menschenansammlungen. Die Porta Nigra am Beginn der Fußgängerzone hat sich schnell zu einer Art Gedenkstätte entwickelt. Die Leute haben sich noch am Abend dort versammelt, es gab zudem im Dom einen Gedenkgottesdienst. Es hat kaum einer die richtigen Worte finden können, die Stimmung war sehr bedrückend.

Wie haben denn die vielen Rettungskräfte den Einsatz erlebt?

Auch hartgesottenen Einsatzkräften sind die Tränen gekommen. Das ging übrigens auch unserem Oberbürgermeister Wolfram Leibe so. Er hat nur wenige Sätze sagen können. Er hat erzählt, dass er einen Schuh am Tatort gesehen hat, der einem gestorbenen Mädchen gehört hat. Dann sind ihm die Tränen gekommen. Das sitzt offenbar sehr tief, denn der OB war schon wenige Minuten nach der Tat am Einsatzort in der Innenstadt.

Wie haben die Kollegen aus der Redaktion das wahrgenommen?

Unsere Kollegen waren sehr schnell in der Innenstadt und haben das alles mitbekommen. Auch wenn es keine Blutlachen gab, sieht man auf den ersten Blick, was passiert ist.

Was wisst Ihr denn über den Amokfahrer, denn so kann man ihn ja wohl bezeichnen?

Ein Amokfahrer war es ganz sicher, es gibt aber keinerlei Hinweise auf eine terroristische Tat. Der Mann ist aus seiner Wohnung geflogen, hat zuletzt in dem SUV gewohnt, mit dem er die Tat verübt hat. Das Auto hat ihm nicht gehört. Er war während der Tat betrunken, hatte zuvor wirre Sachen auf seinem Facebook-Profil geschrieben. Er hatte aber nach unserem jetzigen Kenntnisstand keine Gewalttaten angedroht. Der Mann war psychisch labil, wahrscheinlich psychisch krank. Das sagt bisher auch die Staatsanwaltschaft, die ihn zur Stunde, in der wir dieses Interview führen, vernimmt. Die bisherigen Aussagen des Täters gegenüber den Sicherheitsbehörden waren offenbar auch sehr wirr.

War der Mann denn ansonsten irgendwie auffällig?

Nein, das war er nicht. Er ist aufgefallen, weil er öfter betrunken war. In seinem Trierer Ortsteil hat er immer wieder Lokalitäten und auch eine Dönerbude angesteuert. Er hatte Alkoholprobleme und war offensichtlich verwirrt. Er hatte zum Beispiel geschrieben, dass er radioaktiv verseucht sei.

Es handelt sich aber definitiv um einen Einheimischen?

Ja, wir kennen seinen Namen, schreiben ihn aber ganz bewusst nicht. Er wohnt im Trierer Stadtteil Zewen. Das ist ein ganz normaler Stadtteil, auch nicht prekär. Der 51-Jährige war früher nicht arm, hat aber möglicherweise einfach vieles vertrunken.

Es gab offenbar eine Polizeikontrolle, der sich der Mann entziehen wollte. Dann ist er durch die Innenstadt gerast. Ist das auch euer Informationsstand?

Das wissen wir noch gar nicht so richtig. Es gibt verschiedene Aussagen dazu. Was wir wissen, ist, dass der Mann aus Richtung Konstantinbasilika in die Fußgängerzone und dann fast komplett durchgefahren ist. Alles andere ist noch nicht gesichert. Wir haben uns als Zeitung auch nicht an Spekulationen beteiligt. Das gilt ebenso für den Zugriff durch die Polizei.

Nach Amokfahrt: Dreyer legt Kranz in Trier nieder
Nach Amokfahrt- Dreyer legt Kranz in Trier nieder

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz hat gesagt, dass sich eine solche Amokfahrt mit einem Auto als Mordwaffe nur schwer verhindern lässt. Macht sich da eine gewisse Ohnmacht in Trier breit?

Das Schlimme ist ja, dass der Mann vor einem Jahr, als wir in Trier den Weihnachtsmarkt hatten, aufgrund der Betonpfeiler nie in die Fußgängerzone hätte fahren können. Wegen Corona gibt es keinen Weihnachtsmarkt, in der Fußgängerzone ist nicht viel los, und man hat in Trier von sehr vielen Zufahrten aus die Möglichkeit, in die Fußgängerzone zu fahren.

Am Berliner Breitscheidplatz, in Nizza und auch in Münster gab es vor gut zwei Jahren Amokfahrten beziehungsweise Anschläge mit Fahrzeugen als Tatwaffen. Trier wird jetzt in einem Atemzug mit diesen Städten genannt. Lässt sich diese Tat schon begreifen?

Nein, die Trierer Innenstadt ist ein richtiges Schmuckkästchen. Die Amokfahrt hat in der Nähe der Porta Nigra geendet, die fast jeder kennt. Die Fußgängerzone ist eigentlich der sicherste Ort in der Stadt. Da fährt sonst niemand, da fühlt man sich sicher. Da geht man hin, um einzukaufen oder um einen Kaffee zu trinken oder ein Eis zu essen. In Nicht-Corona-Zeiten herrscht hier ein Stimmenwirrwarr, da sind viele Touristen unterwegs. Da ist immer was los, auch unter der Woche. Da herrscht sonst immer eine positive Stimmung. Es geht jetzt auch um die Frage, wie eine Stadt mit dieser Tat umgeht, wie man es schafft, wieder nach vorne zu blicken. Das wird dauern.

Gibt es denn irgendeinen Hinweis darauf, dass diese Tat hätte verhindert werden können? Gibt es Schuldzuweisungen?

Nein, es gab keinerlei Hinweise auf diese Tat. Wir haben im Gegenteil mitbekommen, wie schnell Hunderte von Rettungskräften und Polizisten vor Ort waren. Auch das Spezialeinsatzkommando der Polizei war da. Es waren ja Polizisten, die den 51-jährigen Amokfahrer nach vier Minuten gestoppt haben. Es gab nicht nur die fünf Toten, sondern auch 14 Menschen, die zum Teil schwer verletzt wurden. Diese wurden sehr schnell versorgt. Es gibt zwei große Krankenhäuser, die sofort sämtliche Verletzten aufnehmen konnten. Ich wüsste nicht, was man hätte besser machen können.

Gab es auch Hilfsangebote von außerhalb?

Ja, das nahe Luxemburg, Saarbrücken und andere Städte haben angeboten, zu helfen. Das brauchte man aber gar nicht, da die zwei großen Trierer Kliniken wirklich richtig gut aufgestellt sind.

Du hast schon gesagt, dass Kollegen aus der Redaktion ziemlich schnell am Tatort waren. Wie geht ihr damit um?

Erst in ein paar Tagen, wenn die Spannung abfällt, wird man merken, was da eigentlich passiert ist. Wir werden Gespräche anbieten. Ein seltsamer Zufall: Vor ein paar Monaten haben wir uns mit einer Trainerin, die auch Professorin an der Uni ist, darüber unterhalten, wie wir mit schlimmen Situationen umgehen. Damals haben wir natürlich nie und nimmer daran gedacht, dass es in Trier eine Amokfahrt geben könnte. Alle müssen aufpassen, dass sie sich jetzt nicht überfordern. Wenn selbst hartgesottene Rettungskräfte in Tränen ausbrechen, merkt man, dass da etwas außergewöhnlich Schlimmes passiert ist.

Es gab ja auch noch viele Passanten in der Innenstadt.

Ja, in der Fußgängerzone waren zur Tatzeit Hunderte von Menschen unterwegs, die das alles gesehen haben. Ich bin am Montagabend kurz vor Mitternacht noch einmal den Weg abgelaufen. Der Tatort ist markiert, das ist gespenstisch. In Abständen von 50, 60 oder gar 100 Metern sind die Markierungen – mal auf der linken, mal auf der rechten Straßenseite. Der Täter hat also ganz gezielt Jagd auf Menschen gemacht. Er ist extra in Zickzacklinien gefahren. Direkt vor einem Geldautomaten zum Beispiel gibt es eine Markierung. Da stand also jemand, der ahnungslos Geld abgehoben hat und dann erfasst wurde.

Amokfahrer von Trier hatte wohl psychische Probleme
Amokfahrer von Trier hatte wohl psychische Probleme

Triers Oberbürgermeister Leibe hat bereits angekündigt, dass am Donnerstag zur Tatzeit um 13.46 Uhr alle Kirchenglocken in der Stadt läuten sollen. Schöpft man daraus Mut, oder ist das nur eine gut gemeinte Geste?

Ich war heute um 10.30 Uhr bei einer Gedenkveranstaltung, bei der OB Leibe, Vertreter der Kirchen und Ministerpräsidentin Malu Dreyer, die ja auch in Trier wohnt, teilgenommen haben. Man merkt, dass auch ihnen die Worte fehlen. Es waren Hunderte von Leuten vor Ort, obwohl das gar nicht angekündigt wurde. Das hat sich schnell verbreitet. Es geht um Zeichen des Zusammenhalts. Mehr kann man im Moment wahrscheinlich gar nicht machen. Der OB hat in seiner kurzen Rede einen sehr passenden Satz gesagt: „Trier trauert, Trier leidet, Trier resigniert aber nicht.“ In diese Richtung muss man denken. Ein Gefühl von Nähe ist wichtig.

Das ist gerade in diesen Corona-Zeiten schwierig.

Absolut. Gerade jetzt bräuchten die Angehörigen der Opfer Hilfe und Unterstützung. Sie brauchen Nähe, eine Umarmung. Gerade mal die allerbesten Freunde und die betroffenen Familien können das leisten. Anders geht es ja gerade nicht.

Eine Familie ist offensichtlich ganz besonders betroffen.

Ja, ein neun Wochen altes Baby und sein Vater sind gestorben, die Mutter und die Tochter liegen im Krankenhaus. Es wird eine Spendenaktion seitens der Stadt Trier für Betroffene geben. Wir merken ja schon als Beobachter, wie schwer es uns fällt. Wie soll es erst den Betroffenen und deren Angehörigen gehen?

Wie habt Ihr denn bisher über die Amokfahrt berichtet?

Wir hatten online natürlich alles, was es zu berichten gibt: einen Live-Ticker, Videos, Texte über den Täter und die Opfer. Wir werden in unserer Printausgabe und auch online noch einmal stark auf die Retter eingehen. Wir werden Danke sagen und nach dem bisherigen Kenntnisstand den Zugriff der Polizei beleuchten. Wir berichten über die Gedenkveranstaltung, haben einen Psychologen, der sagt, wie man diese Tat den eigenen Kindern erklärt. Wir stellen Hilfsangebote vor. Unter den Toten ist auch eine Berufsschul-Lehrerin, darüber berichten wir. Wir erklären also, wer unter den Opfern ist. Andererseits stehen wir natürlich nicht vor der Haustür und klingeln. Das ist ein Spagat. Wir schreiben ein Stimmungsbild über die Lage in der Stadt. Wegen Corona war die Stimmung unter den Innenstadt-Händlern ja schon nicht gerade sonderlich gut. Jetzt dürften viele Trierer den Gang in die City meiden. Hinzu kommt: Viele Mitarbeiter der Geschäfte in der Fußgängerzone haben diese Tat vor der Tür miterlebt. Wir wollen über das Menschliche berichten, dem Täter selbst nicht zu viel Raum geben. Andererseits muss man natürlich sagen, wer hinter dieser Tat steckt. Das wird aber nicht der Aufmacher auf der Titelseite sein.

Seinen Namen nennt Ihr also weiterhin nicht

Nein, wir sprechen nur von einem 51-Jährigen. Die Leute suchen deutschlandweit per Google bereits nach seinem bekannten Vornamen und der Abkürzung seines Nachnamens. Auch das bringen wir nicht. Das kostet uns Online ein paar Klicks, ist uns aber egal. Wir hatten am Montag schon so viele Seitenzugriffe wie sonst in einem ganzen Monat. Wir haben ganz bewusst alle Artikel zum Thema vor die Bezahlschranke gestellt. Sie sind also kostenlos. Das machen wir heute auch noch bis zum Abend so, dann müssen wir mal schauen. Irgendwann müssen wir aber wieder auf einen anderen Modus umschalten. Der Live-Ticker wird vor der Bezahlschranke bleiben, damit wesentliche Informationen weiterhin gelesen werden können. Wir haben am Montag bereits erklärt, was wir bringen – und was nicht. Das kam bei unseren Lesern sehr gut an. Da ging es zum Beispiel darum, dass wir nicht alle Fotos vom Tatort, die uns zur Verfügung stehen, zeigen.

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