Nationalpark-Leiter: „Der Harz braucht den Klimaschutz“

Wernigerode.  Der Chef des Nationalparks Andreas Pusch spricht im Interview über Totholz-Missverständnisse und echte Wald-Not.

Trinets sollen den Borkenkäfer im Harz dezimieren

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Foto: Armin Maus

Der Harz ist den Menschen unserer Region wichtig, der Zustand des Waldes macht Besucher betroffen. Über das Konzept der natürlichen Regeneration im Nationalpark Harz wird kritisch diskutiert. Ein Gespräch mit Nationalparkleiter Andreas Pusch.

Herr Pusch, Harz-Besucher kehren mit besorgten Mienen zurück. „Da geht ja alles kaputt“, ist zu hören. Verstehen Sie die Sorge?

Wir verstehen die Sorgen gut und hören sie oft, zumeist von Menschen, die sich erstmals mit solchen Bildern konfrontiert sehen. Allerdings sprechen wir sehr oft mit den Wanderern, Mountainbikern u.a. bei uns im Wald – die Ranger, andere Mitarbeiter und auch ich selbst. Da klingen die Diskussionen oft schon differenzierter, zumal die Gäste auch bei sich zu Hause wahrnehmen, dass die Fichten massiv absterben.

Manchem wi

rd bewusst, dass es mit den letzten Dürrejahren zusammenhängt und nicht nur dem Nationalpark. Und wenn man dann noch über die überall in der Fläche hochkommenden jungen Bäume spricht, die jeder Wanderer sehen kann, werden solche Gespräche auch schnell sachlicher. Es sind eben Waldbilder, die man hierzulande noch nicht kennt. In Skandinavien, so hören wir oft, sieht es teilweise ähnlich aus.

Im Nationalpark bleibt, anders als im bewirtschafteten Forst, das Totholz liegen. Für den sich ohnehin explosionsartig ausbreitenden Borkenkäfer ein gefundenes Fressen. Müsste man dem durch Trockenheit und Sturm gebeutelten Wald nicht mehr Schutz bieten?

Das Totholz bleibt nicht überall bei uns liegen, aber natürlich vor allem in der Kernzone. Allerdings beräumen wir auch dort, wo es zur Senkung der Brandlast nötig ist, den Wald teilweise und bepflanzen ihn mit heimischen Bäumen neu. Das geschieht vor allem in den Randzonen des Parks und nur dort, wo diese Bäume – zumeist Buchen – auch hingehören.

Das Totholz ist KEIN gefundenes Fressen für den Käfer, denn die gehen nur in gesunde Bäume. Ich bin froh, dass Sie diese Frage stellen, denn dieses ist eines der häufigsten Missverständnisse in der Diskussion. Im Totholz ist kein Borkenkäfer – das Totholz ist aber ein wichtiger Lebensraum für viele andere Arten. Die Spechte sind sicherlich die bekanntesten Tiere.

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Eine ähnliche Diskussion ist im Bayerischen Wald Jahrzehnte früher geführt worden. Wie bewerten Sie die Erfahrungen dort? Fühlen Sie sich bestätigt?

Ja, absolut. Die Diskussionen im Bayerischen Wald hatten die gleiche Heftigkeit wie bei uns. Heute hat sich der Wald genau so entwickelt, wie die Experten es vorhergesagt hatten, und die Debatten sind abgeflaut. Übrigens hat die Totholzentwicklung im Bayerischen Wald die Gäste nicht vertrieben – im Gegenteil. Das ist sehr genau erforscht worden. So ist es jetzt auch im Harz. Man muss den Gästen die neuen Waldbilder aber erklären und Sorgen ernst nehmen.

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Was bräuchten Sie, um dem Wald zu helfen, sich an das sich ändernde Klima anzupassen?

Viel Geduld und Verständnis ist das eine, denn in Mitteleuropa ist man an solche Waldbilder nicht gewöhnt. In der Naturentwicklungszone brauchen wir Kraft und Geld – wir haben in den letzten zehn Jahren schon fast fünf Millionen junge Bäume gepflanzt und die allermeisten haben die Dürren auch überlebt. Denn der Harz ist ja gar nicht das trockenste Gebiet im Land – das sind bei uns eher die Heidelandschaften.

Aber was wir vor allem brauchen, ist eine Klimapolitik, die das Pariser Ziel einhält, sonst werden wir unsere Landschaften bald nicht mehr wiedererkennen, denn wir haben dann nicht nur eine Waldkrise, sondern auch eine Wasserkrise über Tage und unter Tage im Grundwasser. Auch die Landwirtschaft leidet ja schon massiv. Aber für die Klimapolitik ist ein Schutzgebiet wie wir nicht zuständig. Wir können nur informieren und aufklären.

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