Radon – die unsichtbare Gefahr aus der Tiefe

Braunschweig.  Niedersachsen hat ein Messprogramm für das natürliche radioaktive Gas gestartet. Auch Privathaushalte können kostenlos daran teilnehmen.

Eine Radonbelastung von 49 Becquerel pro Kubikmeter misst ein Radonmessgerät in einem Keller.

Eine Radonbelastung von 49 Becquerel pro Kubikmeter misst ein Radonmessgerät in einem Keller.

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Die Strahlung, die die Deutschen am meisten beunruhigt, ist die Radioaktivität aus Kernkraftwerken. Gleichzeitig haben die wenigsten jene Strahlenquelle auf dem Schirm, die am meisten zur Belastung der Deutschen beiträgt: das Radon. Das Gas aus der Gruppe der Edelgase entsteht durch radioaktiven Zerfall von Uran im Erdreich, entweicht über Gesteinsritzen aus dem Boden und gelangt so in die Luft, die wir atmen.

In der Ende November 2019 veröffentlichten Studie „Was denkt Deutschland über Strahlenschutz?“ des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) stuften nur 22,9 Prozent der Befragten die Gesundheitsgefahr von Radon als hoch ein. In der Öffentlichkeit spielte das unsichtbare, geruchs- und geschmacksneutrale Gas bisher kaum eine Rolle. Vielleicht, weil es sich um eine natürliche Quelle von Radioaktivität handelt. Dabei ist Radon nach dem Rauchen (mit einigem Abstand) die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs. Rund 1900 Todesfälle jährlich schreibt die in Salzgitter ansässige Bundesbehörde BfS dem Gas zu.

Strahlenschutzgesetz fordert, Vorsorgegebiete zu benennen

Um den Schutz vor Radon zu verbessern, verpflichtet der Bund die Bundesländer nun per Gesetz, Gebiete zu benennen, in denen eine besondere Radonvorsorge notwendig ist. Seit der Neufassung des Strahlenschutzgesetzes 2017 müssen Bauherren und Arbeitgeber, Schutzmaßnahmen treffen. Hiermit setzt die Bundesrepublik eine Vorgabe der EU um. Für Wohnräume wie für Arbeitsplätze in Innenräumen gilt nun ein einheitlicher „Referenzwert“ für die Konzentration der Radon-Aktivität in der Atemluft: 300 Becquerel pro Kubikmeter im Jahresmittel.

Dieser Wert ist allerdings nicht gleichbedeutend mit einem Grenzwert. Laut dem niedersächsischen Umweltministerium dient er als „Maßstab für die Prüfung der Angemessenheit von Maßnahmen“. Da es bei Radonbelastung keine untere Grenze der Schädlichkeit gebe, seien Schutzmaßnahmen womöglich auch unterhalb dieses Wertes sinnvoll. Privatpersonen sind allerdings nicht verpflichtet, Messungen oder gegebenenfalls gar Sanierungsarbeiten durchzuführen. Eine Messpflicht gibt es jedoch ab 2021 in den noch festzulegenden Radonvorsorgegebieten an Arbeitsplätzen im Keller und Erdgeschoss.

Messungen der Radonkonzentration draußen und in Wohnräumen

Um diese Vorsorgegebiete benennen zu können, führt Niedersachsen nun Radonmessungen durch. Zwar gibt es bereits eine Radon-Deutschlandkarte des BfS, jedoch handelt es sich bei den Angaben zur Konzentration des Gases in der Bodenluft zum großen Teil um Schätzungen. „Diese Karte gibt einen tollen ersten Überblick. Für eine echte Radon-Vorsorge reicht sie aber noch nicht aus“, erklärt die Umwelt-Ingenieurin Cindy Liebetruth vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), der jetzt im Auftrag des Landes die Messungen durchführt.

Rund 300 Messpunkte für die Radon-Aktivität in der Bodenluft plant der NLWKN in Niedersachsen, so Liebetruth. „Hierfür bohren wir Löcher von einem Meter Tiefe und messen dort rund eine Dreiviertelstunde lang“, erläutert sie. „Zum Vergleich: In die bisherige Karte mit den Schätzwerten flossen dagegen nur die Daten von 137 Messpunkten in Niedersachsen ein.“

Außer in der Bodenluft misst der NLWKN auch die Radonaktivität in Innenräumen. Bürger können hierzu aktiv beitragen – und so nebenbei auch etwas über die Strahlenbelastung in ihrer persönlichen Umgebung erfahren. Haushalte können sich kostenlos an dem Messprogramm beteiligen und über die Internetseite der „Radonberatungsstelle“ des NLWKN anmelden. „Dazu werden zwei bis drei kleine, unauffällige Messgeräte pro Anmeldung für ungefähr drei Monate in den wichtigsten Aufenthaltsräumen ausgelegt und anschließend ausgewertet“, heißt es in einer Mitteilung des niedersächsischen Umweltministeriums. Rund 800 Haushalte haben sich bereits zum Messprogramm angemeldet, berichtet Cindy Liebetruth. Die Anmeldefrist zur Messkampagne läuft noch bis zum 19. Januar. Ende Juni muss der NLWKN seine Messwerte beim BfS einreichen. Im Herbst soll eine zweite Messkampagne stattfinden.

Verbraucher, die nicht an dem Programm teilnehmen wollen, können selbst messen. Am günstigsten sind dabei sogenannte Passiv-Messgeräte, die zwischen 30 und 50 Euro kosten, erläutert BfS-Pressesprecher Jan Henrik Lauer. Solche passiven Messgeräte brauchen bis zu drei Monate, damit ein Jahresmittelwert errechnet werden kann. Aktive Messgeräte kommen schneller zum Ziel, sind aber auch deutlich teurer, schwieriger zu bedienen – und damit eher das Handwerkszeug von Firmen, die sich auf Radon-Messungen spezialisiert haben.

Wie gelangt das Radon in die Innenräume?

„Manche Leute sind wegen des Radons schon sehr beunruhigt“, berichtet Liebetruth, die beim NLWKN auch regelmäßig mit Verbrauchern spricht, die sich an die Radonberatungsstelle wenden. „Oft erzählen sie, dass sie beim Blick auf die Radon-Karte festgestellt haben, dass sie in einem Risikogebiet wohnen und sich nun große Sorgen machen.“ Zu Panik bestehe allerdings kein Anlass, sagt die Umweltingenieurin gegenüber unserer Zeitung.

Zum einen handele es sich bei der Karte, wie gesagt, nur um Schätzwerte. Zweitens unterscheide sich der Radon-Ausstoß des Bodens mitunter sehr kleinräumig – teils sogar „von Grundstück zu Grundstück“. Drittens sagten die Bodenluft-Werte wenig aus über die Belastung der Luft, die wir atmen. Denn normalerweise verteilt sich das Radon an der Erdoberfläche umgehend so stark in der Außenluft, dass keine Gefahr mehr besteht.

Problematisch wird es dann, wenn sich das Gas in Innenräumen ansammelt. Über Rohre, Leitungen, Schächte, aber auch direkt durch Bodenplatten und Wände kann Radon in Wohnhäuser gelangen. Vor allem Kellerräume können in Risikogebieten erhöhte Radon-Konzentrationen aufweisen, wenn sie schlecht belüftet sind. Durch das begrenzte Luftvolumen in Kellern können sich relativ schnell hohe Konzentrationen bilden. Das wichtigste Mittel, um die Belastung mit dem radioaktiven Gas gering zu halten, lautet deshalb: Lüften!

Ob sich hohe Konzentrationen überhaupt bilden, hänge neben dem Radon-Wert der Bodenluft entscheidend von der Bausubstanz – etwa der Dichtigkeit des Kellergeschosses gegenüber dem Untergrund – und dem Nutzerverhalten ab, erklärt Liebetruth: „Auch in Gebieten mit hoher Radonkonzentration im Boden können die Messwerte in modernen oder gut gelüfteten Gebäuden völlig in Ordnung sein. Deshalb ist es wichtig, in jedem Einzelfall zu messen.“

Kuren mit radonhaltiger Luft für Schmerzpatienten

Im Gegensatz dazu scheint zustehen, dass Radon sogar zu medizinischen Zwecken eingesetzt wird – in Deutschland etwa im rheinland-pfälzischen Kurort Bad Kreuznach. Schmerzpatienten halten sich dort für wenige Stunden auf Liegen in einem stillgelegten Bergwerksstollen auf. Hier atmen sie unter ärztlicher Aufsicht extrem radonhaltige Luft ein. Seit 1912 nutzen Patienten diese Form der Therapie.

„Da die Patienten dieser Radon-Konzentration aber nur kurze Zeit ausgesetzt sind, erhöht sich ihr Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, durch die Kur nur in geringem Maße“, schreibt das BfS auf seiner Webseite. Mit einer Dauerbelastung – etwa in den eigenen Wohnräumen – seien solche kurzzeitigen hohen Dosen nicht vergleichbar, sagt auch Liebetruth. Dennoch: Aber auch diese Risikoerhöhung sei nur gerechtfertigt, wenn ein entsprechender medizinischer Nutzen zu erwarten sei. „Zu Wellnesszwecken nicht zu empfehlen“ lautet der dringende Rat des Bundesamts für Strahlenschutz mit Blick auf die umstrittenen Therapien. „Die Ärzte müssten bei der Verordnung den Leidensdruck und das mögliche Krebsrisiko für die Patienten gegeneinander abwägen“, so Liebetruth.

Niedersachsen wenig betroffen – Risikogebiete im Harz

Insgesamt zählt Niedersachsen zu den Bundesländern, die am wenigsten von Radon betroffen sind. Auf der vorläufigen Radon-Karte des BfS erscheint die norddeutsche Tiefebene als hellgraue Fläche. Das heißt, die geschätzte Radon-Konzentration in der Bodenluft liegt hier unterhalb von 20.000 Becquerel pro Kubikmeter. In den südlichen – und bergigeren – Landesteilen dagegen wurden örtlich deutlich höhere Radonkonzentrationen im Erdboden festgestellt.

Die durchschnittlich gemessene Radonaktivitätskonzentration in Wohnungen in Niedersachsen liegt laut Landesumweltministerium bei etwa 35 Becquerel pro Kubikmeter Wohnraumluft, der deutsche Durchschnittswert bei etwa 49 Becquerel pro Kubikmeter.

Bundesländer, die stärker von Gebirgen oder Bergbau geprägt sind weisen im Schnitt deutlich höhere Konzentrationen des Gases auf. Auf der Radon-Deutschlandkarte des BfS mit den Schätzwerten ist dies gut zu sehen. Vor allem Mittelgebirgsregionen und der Alpenrand sind betroffen – insbesondere dort, wo Granitgestein anzutreffen ist: im Erzgebirge, im Bayerischen Wald, im Schwarzwald, im Thüringer Wald, aber auch in Teilen des Harzes. Je poröser der Boden, umso stärker kann Radon ausströmen. Dazu können Bergbaureviere mit ihren Stollen und Schächten im Untergrund beitragen.

Beim Blick auf den Harz korrespondieren die Radon-Werte weitgehend mit der vielschichtigen Geologie des Mittelgebirges: Am Brocken sind die Werte am größten, denn er besteht aus Granitgestein. Südlich von Bad Harzburg in Richtung St. Andreasberg und Braunlage wurden aus dem gleichen Grund die höchsten Werte im Landkreis Goslar ermittelt. Sie liegen teils über 200.000 Becquerel pro Kubikmeter „Bodenluft“.

Zu den Risikogebieten mit über 100.000 Becquerel pro Kubikmeter gehört laut der Radon-Karte auch das Schiefergestein, der sogenannte Oberharzer Devonsattel, zwischen Langelsheim, Lautenthal und Goslar. In der Goslarer Altstadt – von der Kaiserpfalz bis zum früheren Bergbaurevier rund um den Rammelsberg – zeigt die Karte Radon-Werte von 120.000 bis 130.000 Becquerel pro Kubikmeter „Bodenluft“.

Radon – Beratung und Teilnahme am Messprogramm

Die Radonberatungsstelle des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz in Hildesheim steht interessierten Bürgern als Anlaufstelle zur Verfügung – bei allgemeinen Fragen zum Thema Radon oder für Hilfe bei konkreten Fragestellungen.

Erreichbar ist die Stelle unter (05121) 509313, im Internet (www.nlwkn.niedersachsen.de/radonmessung) oder per Post: Radonberatungsstelle im NLWKN
An der Scharlake 39
31135 Hildesheim

Anmeldungen zum laufenden Radon-Messprogramm sind beim NLWKN noch möglich bis zum
19. Januar 2020.

Radon ist ein natürlich vorkommendes, radioaktives Edelgas, das Beim Zerfall von Uran im Boden entsteht. Es existieren verschiedene Isotope des Radons, die sich in der Zusammensetzung ihres Atomkerns unterscheiden Hier ist mit „Radon“ das für den Strahlenschutz bedeutendste Isotop Radon-222 gemeint. Es besitzt eine Halbwertszeit von 3,825 Tagen.

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