Pendler steigen immer häufiger ins Auto

Braunschweig.  In der Ökobilanz liegt das Auto weit hinten. Doch Berufstätige lassen sich immer seltener für öffentliche Verkehrsmittel begeistern.

Klar, wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, verbraucht kein Treibhausgas. Der Zug schneidet in der Ökobilanz laut Umweltbundesamt sehr gut ab.

Klar, wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, verbraucht kein Treibhausgas. Der Zug schneidet in der Ökobilanz laut Umweltbundesamt sehr gut ab.

Foto: Simone Breyvogel

Irgendetwas ist immer wichtiger. Die Fahrtkosten sind wichtiger. Die Fahrtzeit ist wichtiger. Und erst, wenn das alles geklärt ist, verschwendet man eben noch mal schnell einen Gedanken an die Natur. Dabei nimmt die Pendler-Zahl immer mehr zu. Und damit natürlich auch die Belastung für die Umwelt. 13 Millionen Menschen in Deutschland pendeln regelmäßig zur Arbeit. Das sind 39 Prozent aller Arbeitnehmer – mehr als jeder Dritte also.

Deutschlands Pendlerhauptstadt ist eindeutig Frankfurt. Fast zwei Drittel der Arbeitnehmer der Finanzmetropole stammen von außerhalb. Diese Zahlen stammen aus dem Pendleratlas der Bundesagentur für Arbeit.

Auch in unserer Region steigt die Zahl der Pendler demnach jährlich: Etwa 300.000 Menschen fahren zum Job zwischen Gifhorn und Göttingen in einen anderen Landkreis oder in eine kreisfreie Stadt. Alleine Wolfsburg hat täglich 78.000 Einpendler. In Braunschweig sind es 65.000 Einpendler, in Salzgitter 25.000. Unter den Landkreisen liegt Göttingen mit 37.000 Einpendlern vorne.

Die meisten Berufspendler in Deutschland haben lediglich einen Weg von bis zu zehn Kilometern. Sie fahren also nur in die Nachbargemeinde oder in die Nachbarstadt zur Arbeit. Seit Ende der Neunzigerjahre sank die Zahl der Kurzstreckenpendler (bis 25 Kilometer) leicht, dafür wuchs die Gruppe der Mittel- und Langstreckenpendler stark an. Mit der Entfernung stieg auch die Zeit, die man in der Bahn oder im Auto verbringt.

Der durchschnittliche Arbeitsweg der Pendler in Deutschland dauert mehr als 20 Minuten. Das klingt erstmal nicht nach viel. Doch rechnet man es aufs Jahr hoch, saßen die deutschen Pendler durchschnittlich 7,1 Tage entweder im Auto oder im Bus oder der Bahn. Das ist eine ganze Woche.

Wenn die Menschen weiter fahren müssen, läge es nahe, dass sie statt dem Auto eher den Zug nutzen. Schließlich kann man dort lesen, Musik hören oder schon etwas arbeiten. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen nutzen das Auto. In den vergangenen 25 Jahren stieg die Zahl der Autopendler um fast 20 Prozent. Analog nutzten 21 Prozent weniger Menschen zum Pendeln öffentliche Verkehrsmittel.

Dass mehr Pendler das Auto nutzen, lässt sich auf den Autobahnen ablesen. Der ADAC ermittelte im vergangenen Jahr einen neuen Staurekord auf den Fernstraßen. Im Durchschnitt bilden sich jeden Tag 2000 Staus. Vor allem an einigen, neuralgischen Stellen, darunter die A2 und die A7 in Niedersachsen.

Dabei gibt das Umweltbundesamt ganz klar die Maßgabe aus: „Fahr Bus und Bahn! Denn mit Bus und Bahn kommen Sie umwelt- und klimafreundlicher ans Ziel als mit dem Auto.“ Die Bundesbehörde will es den Pendlern schmackhaft machen und schreibt: „Häufig sind Sie auch kostengünstiger unterwegs.“ Wer beispielsweise ein Jahr lang mit öffentlichen Verkehrsmitteln statt mit dem Auto zur Arbeit fährt, kann demnach bei einer Entfernung von 25 Kilometern rund 3700 Euro und rund 320 Kilogramm CO2 sparen.

Klima und Umwelt

Beim Vergleich der Verkehrsmittel ist es wichtig, zu berücksichtigen, wie voll besetzt ein Auto, ein Bus oder ein Zug ist. Ein Auto ist im Schnitt mit 1,5 Personen besetzt, ein Zug im Nahverkehr ist zu etwa 27 Prozent besetzt, ein Linienbus zu 21 Prozent und so weiter.

Das Umweltbundesamt hat die Auslastung der Verkehrsmittel in Relation zum Treibhausgas-Ausstoß gesetzt. Die Experten sprechen von Personenkilometern. Bezugsjahr ist 2017. Das Ergebnis ist eindeutig: Ein Linienbus stößt mit 75 Gramm Treibhausgas pro Personenkilometer demnach nur etwa die Hälfte eines Autos (139 Gramm pro Personenkilometer) aus.

Noch besser als der Linienbus ist die Ökobilanz der U-, S- oder Straßenbahn (64 Gramm pro Personenkilometer). Davor liegen der Nahverkehrszug (60) und der Fernverkehrszug (36). Spitze ist etwas überraschend der Reisebus (32). Er ist mit 60 Prozent zum Teil deutlich höher ausgelastet als die anderen öffentlichen Verkehrsmittel.

Zwar pendelt so gut wie niemand mit dem Flugzeug zur Arbeit, aber der Vollständigkeit halber hier die Ökobilanz laut Umweltbundesamt von Flugzeugen: Sie beträgt etwa 201 Gramm pro Personenkilometer. Flugzeuge sind mit 82 Prozent sehr gut ausgelastet, sonst wäre die Bilanz noch schlechter.

Der Kostenvergleich

Ein Kostenvergleich mit dem Auto ist abhängig von den Umständen. Grundsätzlich gilt: Autofahren ist teurer, als die meisten denken: Zwischen 30 und 40 Cent kostet jeder gefahrene Kilometer, werden die Ausgaben für Versicherung, Betrieb, Wartung, Steuern und Wertverlust eingerechnet. Bei rund 15.000 Kilometern Fahrleistung im Jahr kostet ein Auto in der Golfklasse bis zu 500 Euro im Monat. Demgegenüber kostet ein Jahresticket für den ÖPNV durchschnittlich 70 bis 80 Euro pro Monat.

Die Hürden für den ÖPNV

Geschlossene Fahrkartenschalter, unverständliche Ticket-Automaten und die vielen Tarife sind für Wenig-Fahrer immer wieder eine Hürde. Hier hilft es, genügend Zeit vor der Abfahrt einzuplanen oder die Hilfe von Mitreisenden in Anspruch zu nehmen, rät das Umweltbundesamt. Oft lohne es sich auch, Fahrkarten vor der Reise online zu kaufen und auszudrucken.

Die Sicherheit

Die Bahn zählt zu den sichersten Verkehrsmitteln: Die Gefahr, bei einem Unfall verletzt zu werden, ist im Auto 38-mal höher.

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