Klimaserie: In den Städten muss es viel grüner werden

Braunschweig.  Henri Greil vom Julius-Kühn-Institut in Braunschweig fordert ein Umdenken beim Städtebau – für mehr Arten- und Klimaschutz.

Henri Greil vom Julius-Kühn-Institut in Braunschweig an dem Maisfeld auf dem Gelände der Bundesbehörde.

Henri Greil vom Julius-Kühn-Institut in Braunschweig an dem Maisfeld auf dem Gelände der Bundesbehörde.

Foto: Bernward Comes / Braunschweiger Zeitung / Bernward Comes

Einfach alle Flachdächer und Bushaltestellen begrünen! Das
würde schon sehr helfen.

Das meint Soeren Hundertmark auf den Facebook-Seiten unserer Zeitung

Zu dem Thema recherchierte
Dirk Breyvogel

Henri Greil vom Julius-Kühn-Institut (JKI) kümmert sich von Berufs wegen um die Biene. Der Wissenschaftler hat sich zum Ziel gesetzt, die Anzahl der Wildbienen und deren Vielfalt zu steigern: in Braunschweig, Deutschland und der Welt. Die Löwenstadt soll zur Forschungsmodellstadt, zur „Bienenhauptstadt“ Deutschlands werden.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger hat sich das JKI als Bundesinstitut auf die Fahnen geschrieben. Seit Monaten ist Greil deshalb auf der Suche nach geeigneten Orten, an denen sich die Insekten künftig wieder verstärkt zum Bestäuben der Pflanzen im Stadtgebiet niederlassen können. Seine Ausbildung als Architekt hilft ihm bei der Suche. So treibt sich Greil nicht nur in Grünanlagen und auf begrünten Kreuzungen herum, sondern klettert auch auf städtische Dächer – auf Schulen, Turnhallen oder Behördenkomplexe.

Doch ist Artenschutz immer auch automatisch Klimaschutz? Greil widerspricht deutlich. Es gebe viele Beispiele, da stünden sich aktuell beide Ziele im Weg, sagt er. So wie bei dem Getreide, das jetzt nur wenige Meter vor ihm aus dem Boden ragt. Greil blickt auf den angebauten Mais auf der Anlage des JKI, dann entfährt es ihm: „Der massive Maisanbau im Zuge der Energiewende stellt für Bienen und andere Bestäuber ein großes Problem dar.“ Bienen könnten mit dem Mais-Pollen wenig anfangen. „Grundsätzlich spricht natürlich nichts gegen den Anbau von Mais in Deutschland, aber große, zusammenhängende Mais-Flächen stellen eine ökologische Wüste dar“, sagt er.

„Oft stehen sich Arten- und Klimaschutz im Weg“

Greil war zwölf Jahre an der TU Braunschweig und hat viel zu Stadtplanung und -entwicklung gearbeitet. Der Wissenschaftler macht sich in der Debatte um einen besseren Klimaschutz weniger Sorge darüber, dass die Menschen aktuell zu wenig an die ökologischen Auswirkungen ihres Handelns denken, sondern, dass sich die Initiativen gegenseitig ausschließen. So wie der Maisanbau, der seit dem Jahr 2011 zur Gewinnung von Bio-Kraftstoff und zur Stromerzeugung großflächig in Deutschland gestartet war, nun aber laut Greil dazu führt, dass die Insektenpopulation darunter leidet. Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht – und oftmals nicht nachhaltig genug gedacht.

Positiver sieht Greil den Anbau von Raps als Energiepflanze. Mit Blick auf Nektar und Pollen sei diese Feldfrucht für Honig- und Wildbienen verwertbarer. Doch auch beim Raps gibt es ein großes Aber. Durch die trockenen Sommer der vergangenen Jahre und immer striktere gesetzliche Einschränkungen beim Pflanzenschutz gehe die Rapsanbaufläche aktuell stark zurück, erklärt der Forscher.

Am besten ließen sich Klima- und Artenschutz jedoch durch den Anbau von Wildpflanzenmischungen unter einen Hut bringen, so Greil. Diese förderten eine große Zahl verschiedener Wildbienenarten, seien trockenheitsresistent und ließen sich problemlos in Biogasanlagen einsetzen. „Wir arbeiten daran, dies auch in Braunschweig umzusetzen.“

Städte sind zu stark versiegelt – die Gefahr von Überflutungen nach Starkregen wächst

Aber wie sieht denn nun die Stadt der Zukunft für den Wissenschaftler aus? Greil geht es nicht um Besserwisserei, sondern darum, Kommunen und kommunale Träger zu sensibilisieren. „Es muss das Verständnis für eine neue Ästhetik bei der Städteplanung geschaffen werden.“ So sei es ungewohnt für das Auge, wenn blühende Wiesen auf innerstädtischen Grünflächen entstehen. Da sei man in manchen Kommunen in Süddeutschland weiter als in Norddeutschland und auch in unserer Region. „Für die Bienen ist eine derartige Vegetation viel wertvoller als eine kurzgemähter Rasen. Es muss auch mal Wildwuchs geben dürfen.“

Mittlerweile sei man darüber auch mit kommunalen Trägern wie dem Fachbereich Stadtgrün und Sport im Austausch. Vermehrt würden sich bei ihm Mitarbeiter von Ämtern, Firmen oder Bürger melden, die den Schutz von Wildbienen bei ihren Projekten berücksichtigen möchten, berichtet Greil. Er sieht diese Entwicklung, dass man sich zumindest austauscht, sehr positiv.

Alle Texte unserer Klimaserie lesen Sie hier

Dieser Austausch, so Greil, wäre auch nötig gewesen bei Bauprojekten in Braunschweig. Er verweist auf die Plätze an den Brawo-Hochhaustürmen unweit des Braunschweiger Hauptbahnhofs. Hier hätten die Planer eine große Fläche versiegelt, ohne die entsprechend angemessene starke Begrünung des Platzes mitzudenken. „Extremwetterphänomene nehmen zu. Bei Starkregen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es durch die versiegelten Flächen zu Überschwemmungen kommt, weil das Wasser nicht versickern kann.“

Heutzutage, in Zeiten erregter Debatten zum Klimawandel, sei eine derartige Planung nicht mehr zeitgemäß. Mit zunehmender Verdichtung sollten die Dach- und Fassadenflächen neuer Büro- und Gewerbebauten mit Blick auf Klima- und Artenschutz intensiv begrünt werden, teilt er die Ansichten des Lesers. „Ich bin sehr gespannt, ob dies bei künftigen Projekten wie dem nächsten Bauabschnitt des Brawo-Parks, dem Bahnhofs-Viertel oder der Bahnstadt Berücksichtigung findet.“

Auch zum Streit, der in Braunschweig rund um die Bäume in Viewegs Garten schwelt, hat Greil eine Meinung. Der Rückbau nicht mehr benötigter Infrastruktur biete einmalige Chancen, Braunschweig widerstandsfähig gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels zu gestalten. Die überbreiten Straßen im Bereich des Hauptbahnhofs sollten daher nicht nur als Raum zur weiteren Verdichtung der Stadt gesehen werden. „Mindestens genauso wichtig ist die Ausbildung großzügiger grüner Korridore durch die Stadt“. Greil nennt ein Beispiel für nachhaltige Stadtplanung, das rund 200 Jahre zurückliegt. „Als die Braunschweiger Verteidigungsanlagen nicht mehr benötigt wurden, hat der Architekt Peter Joseph Krahe einen bedeutenden Teil der freiwerden Flächen in einen grünen Ring verwandelt. „Von diesem Weitblick Krahes profitieren wir noch heute.“ Wenn öffentlicher Raum in bester Stadtlage privatisiert werde, wie im Fall der Bebauung der Straßenräume vor dem Bahnhof, könnten bei der Architektur maximale Auflagen gegenüber den Bauherren durchgesetzt werden.

Begrünte Fassaden: Positive Beispiele aus Paris, Mailand oder Singapur

Gute Beispiele für intensiv begrünte Gebäude gebe es zum Beispiel in Paris, Mailand oder Singapur. Greil nennt es Habitecture, eine Verbindung von Architektur und Habitat, also Lebensraum. „Habitecture kann, wenn man es richtig macht, dem Klimawandel und Artensterben entgegenwirken.“ Davon profitierten Bewohner, Investoren und vor allem auch das Image der Stadt. Nicht der Streit um jeden einzelnen Baum sei im Hinblick auf die Klimaanpassung entscheidend, sondern eine strategisch geplante Weiterentwicklung „verinselter Grünflächen zu einer vernetzten grünen Infrastruktur“. So stelle das Ringgleis in Braunschweig einen sehr gelungenen Anfang dar, der nun im gesamten Stadtgebiet konsequent fortgeführt werden sollte, sagt Greil.

Insgesamt sei der Grad der Versiegelung in den allermeisten deutschen Städten aber viel zu hoch. „Die Innenstädte sind oft überbaut“, sagt er. Die meisten Städteplaner müssten auch die extreme Hitze stärker berücksichtigen. Naturgemäß sei es in urbanen Räumen wärmer als in Gebieten mit einem hohen Grünanteil. In Städten könne die Hitze oft nicht entweichen, sie werde in den Fassaden der Gebäude und im Pflaster der Straßen und Plätzen gespeichert. „Durch den sogenannten Wärmeinseleffekt kann die nächtliche Minimaltemperatur um bis zu 10 Grad Celsius über der am Stadtrand liegen“, sagt Greil.

Zu dichte Bebauung: Kein Luftzug möglich

Zudem fehlten durch die dichte Bebauung Schneisen, die dafür sorgen, dass die Luft stärker zirkuliere. Schaue man sich heute Straßenquerschnitte an – auch in Neubaugebieten – seien die Flächen von „Hauskante zu Hauskante komplett befestigt“. Es gebe höchstens kleine Bauminseln. Aber auch diese würden oft mit hitzespeicherndem Granulat aufgeschüttet, um den Aufwand der Bewirtschaftung bewusst gering zu halten. „Mit den Erfahrungen der letzten Sommer, muss sowohl beim privaten als auch beim städtischen Bau umgedacht werden. Hitze ist nicht nur unangenehm, sondern kann für eine immer älterwerdende Gesellschaft gesundheitsschädigende, sogar tödliche Folgen haben.“

In dem Gebäude, in dem Greil forscht, hat man es kräftig wuchern lassen. Hier wachsen wilder Wein und Efeu großflächig an der Fassade. Das hat gleich mehrere Vorteile. „Es erhöht den Sauerstoffanteil in der Luft, Tiere könnten dort nisten und Insekten Nahrung finden“, sagt der Forscher. Doch auch die Menschen, die an dem Institut arbeiten, profitieren von der Begrünung außen. „Wer Hauswände und Dächer bepflanzt, isoliert die Gebäude. So heizen sich die Räume weniger schnell auf“, sagt Greil. Der Wissenschaftler ist davon überzeugt: Klimaschutz, so groß das Problem weltweit ist, fängt im Kleinen an.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder