April 1919 – Braunschweig am Rande des Bürgerkriegs

Braunschweig.  Vor 100 Jahren besetzten Freikorps-Truppen Braunschweig, setzten die Landesregierung ab und beendeten die Novemberrevolution in der Region.

Am Ostersonntag, 20. April 1919, drei Tage nach ihrem Einmarsch, paradierten die Truppen über den Braunschweiger Löwenwall. Das Bürgertum ließ die Soldaten hochleben, die Arbeiter hatten sich laut Historiker Hans-Ulrich Ludewig „resigniert und verbittert“ zurückgezogen.

Am Ostersonntag, 20. April 1919, drei Tage nach ihrem Einmarsch, paradierten die Truppen über den Braunschweiger Löwenwall. Das Bürgertum ließ die Soldaten hochleben, die Arbeiter hatten sich laut Historiker Hans-Ulrich Ludewig „resigniert und verbittert“ zurückgezogen.

Foto: Stadtarchiv Braunschweig

Was waren die Errungenschaften dieser letztlich doch unvollendeten Revolution?

Dies fragt Timo Retuer auf unseren Facebook-Seiten.

Die Antwort recherchierte Andreas Eberhard.

Einen „Aufbruch in die Moderne“ nannte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Novemberrevolution am 9. November 2019, ihrem 100. Jahrestag, im Reichstag. Auch der Braunschweiger Historiker Hans-Ulrich Ludewig muss nicht lange überlegen, fragt man ihn nach ihren Errungenschaften: „Das Ende der Monarchie, das Wahlrecht für Frauen, der Achtstundentag, die Einführung der betrieblichen Mitbestimmung“, zählt der 75-jährige Experte für die Geschichte der Weimarer Republik einige aus seiner Sicht begrüßenswerten Ergebnisse auf.

Auf Tagungen, Gedenkveranstaltungen und in Ausstellungen wurde zuletzt an das Ereignis erinnert – auch in unserer Region. Das Land Braunschweig war besonders früh betroffen. Herzog Ernst August, seit 1913 auf dem Thron, dankte als erster deutscher Monarch ab.

10.000 Freikorps-Soldaten besetzten Braunschweig

Vergleichsweise kurz kam beim Gedenken aber das Ende der Revolution. Gerade für das Land Braunschweig sei dieses noch wenig erforscht, bemerkt Ludewig. Anhand alter Zeitungen und Archivquellen rekonstruiert er, der 36 Jahre an der Technischen Universität Braunschweig lehrte, die Apriltage 1919. Damals marschierten 10.000 Freikorps-Soldaten auf Befehl der Reichsregierung in den „Freistaat Braunschweig“ ein, setzten dessen Regierung ab und entwaffneten die Arbeiterschaft. Die Arbeiterräte, bis dahin verfassungsgemäßer Teil der Landespolitik, wurden entmachtet.

Der „Reichsexekution“, also der Besetzung Braunschweigs durch Truppen des Reichs, war ein monatelanger Streit vorausgegangen. „An dessen Ende“, sagt Ludewig, „ging nichts mehr zwischen Braunschweig und Berlin. Da waren die Brücken abgerissen.“ Die Rolle der Räte war nicht der einzige Streitpunkt. Die Reichsregierung unter Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann (beide MSPD) verfolgte im Bündnis mit den alten militärischen Eliten des Kaiserreichs eine Politik der „Ruhe und Ordnung“. Ihr Ziel: die Revolution, notfalls mit Gewalt, in „geordnete“ parlamentarische Bahnen lenken.

In Braunschweig dagegen regierte, angeführt von Sepp Oerter, eine Koalition aus beiden Arbeiterparteien: der MSPD und der linken USPD. Diese begnügte sich nicht mit verbaler Kritik an Berlin. Sie untersagte etwa Freikorps-Truppen, die andernorts Unruhen und Streiks niederschlagen sollten, die Durchreise. Zeitweilig verfolgte die Braunschweiger Regierung sogar die Gründung einer von Berlin unabhängigen, sozialistischen „Nordwestdeutschen Republik“. Die Reichsregierung beobachtete all dies mit wachsender Verärgerung.

Trotz der linken Politik ihrer Regierung, waren 1919 auch in Braunschweig große Teile der Arbeiterschaft zunehmend enttäuscht von den Ergebnissen der Revolution. Die Sozialisierung der Wirtschaft, von der sich die Arbeiter weitreichende Mitbestimmung in den Betrieben erhofft hatten, kam nicht voran. Auch erhielten die von ihnen gewählten Arbeiterräte nicht die erhoffte Macht.

„Alle Macht den Arbeiterräten“

Am 9. April riefen sie deshalb in einer großen Versammlung auf dem Schlossplatz mit zehntausend Teilnehmern den Generalstreik aus. Die Streikleitung, die sich vor allem auf die radikalen Arbeiter in den Großbetrieben der Braunschweiger Metallindustrie stützte, forderte: „Alle Macht den Arbeiterräten, die Beseitigung der Mörderregierung Ebert-Noske, restlose Abschaffung des alten Militärsystems, der Offizierskamarilla und der Freiwilligenkorps, Bewaffnung der Arbeiterschaft, Auflösung der Parlamente, Anschluss an die russische Räterepublik, Freilassung politischer Gefangener, Entfernung der Mehrheitssozialisten aus der Braunschweiger Regierung“.

So utopisch manche der Forderungen – etwa der Anschluss an Sowjetrussland – waren, so prophetisch waren Ludewig zufolge andere: „Der Wunsch, mit dem alten Militärsystem zu brechen, zeigt schon eine gewisse Hellsichtigkeit der Braunschweiger Revolutionäre.“ Schließlich, so Ludewig, sei es in der Weimarer Zeit nie gelungen, die deutschen Streitkräfte wirklich demokratisch zu kontrollieren.

Der Ost-West-Verkehr kam zum Erliegen

Um ihre Forderungen durchzusetzen, besetzten die Streikenden Regierungsgebäude und Bahnhöfe – nicht nur in Braunschweig. Auch in Ludewigs Wohnort Schöppenstedt etwa rissen sie Eisenbahnschienen auf. Da das Land Braunschweig ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt war, kam der Ost-West-Verkehr in Deutschland nahezu zum Erliegen. Die Versorgung des Reichs mit Kohle, auch mit Lebensmitteln, stockte. „Nun geschah etwas Unerwartetes“, erzählt Ludewig. „Das Bürgertum antwortete auf die Arbeiter mit einem Gegenstreik.“ Lehrer, Ärzte und Beamte legten ebenfalls die Arbeit nieder. Auf den Flugblättern ihrer Streikleitung war zu lesen: „Wir sind in den Streik getreten, um den Terror der revolutionären Arbeiterschaft endgültig zu brechen.“ Die Situation hatte sich weiter zugespitzt.

In dieser Situation befahl Reichspräsident Friedrich Ebert am 13. April die „Reichsexekution“. Über das Land Braunschweig wurde der Belagerungszustand verhängt. Der General Georg Maercker wurde mit der „Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit“ beauftragt und in Marsch gesetzt. Zwar gelang es Vertretern der im Landtag vertretenen Parteien, die beiden gegnerischen Gruppen zur Beilegung ihrer Streiks zu bewegen, aber es war schon zu spät. „Der Militärapparat lief schon“, erklärt Ludewig: „Und wahrscheinlich wollte die Reichsregierung ihren Befehl auch gar nicht mehr stoppen.“ Vor allem dem Reichswehrminister Gustav Noske sei es wohl auch darum gegangen, den „Unruheherden“ die Macht des Reiches zu demonstrieren.

Mehrfach versuchte der überparteiliche „Ältestenausschuss“ des Braunschweiger Landtags mit seinem Sprecher Heinrich Jasper (MSPD), den Einmarsch noch abzuwenden – jedoch erfolglos. Da die Braunschweiger Politiker erkannten, dass Widerstand gegen die Soldaten aussichtslos wäre, setzten sie alles daran, Blutvergießen zu verhindern. In Zeitungen und auf Flugblättern appellierten sie an die teils bewaffnete Braunschweiger Arbeiterschaft, gegen die Truppen keinen Widerstand zu leisten.

Widerstand war zwecklos

Zeitgleich warnten die Maercker-Truppen auf aus der Luft abgeworfenen Flugblättern, dass jeder Widerstand zwecklos sei. Die Appelle wirkten. „Vielleicht waren in Braunschweig die Radikalen letztlich doch realistischer als woanders“, vermutet Ludewig. Das Argument der Arbeiter, weitestgehend auf Gegenwehr zu verzichten, sei jedoch gewesen: „Wir schonen unsere Kräfte für später.“ Diese Besonnenheit erklärt aus Ludewigs Sicht, warum der Einmarsch in Braunschweig nicht in einem Blutbad endete – anders als die Niederschlagung des Märzstreiks in Berlin oder der Bayerischen Räterepublik, die Tausende beziehungsweise Hunderte Tote forderte.

Opfer gab es dennoch. Bei einem Gefecht am Bahnhof Börßum wurde neben drei Arbeitern auch ein Bauer getötet. Ein Kleinkind, das von einem Querschläger getroffen wurde, starb ebenfalls. Auch in Schöningen und Jerxheim kam es zu Kämpfen. In Helmstedt, wo Arbeiter den Bahnhof besetzt hielten, gab es laut Ludewig bei einem Gefecht einen Toten und mehrere Verletzte. Keine Opfer forderte dagegen der Einmarsch in Braunschweig. In den Morgenstunden vom Gründonnerstag, 17. April, rückten die Freikorps-Verbände schwer bewaffnet mit Panzern, Geschützen und Minenwerfern in die Landeshauptstadt ein – „mit gezogenem Bajonett, wie in eine eroberte Stadt“, bemerkt Ludewig.

Die Soldaten verhängten das Kriegsrecht und verhafteten zahlreiche Personen, darunter auch den bisherigen Regierungschef Oerter, der für die Zustände im Land verantwortlich gemacht wurde. Die Pressefreiheit wurde außer Kraft gesetzt, eine Ausgangssperre verhängt. Die roten Fahnen, die auf den Regierungsgebäuden wehten, wurden eingeholt und vor dem Schloss verbrannt. „Braunschweig hat sich den traurigen Ruf erworben, eine Eiterbeule des deutschen Reiches genannt zu werden. Ich werde diese Eiterbeule gründlich ausräumen“, erklärte General Maercker, der das Hotel „Deutsches Haus“ als Hauptquartier auserkoren hatte, am 17. April dem „Ältestenausschuss“.

Jasper: „Unzulässige Eingriffe in Länderrechte“

Die demokratisch vom Landtag gewählte Landesregierung erklärte der General für abgesetzt. Den Sozialdemokraten Jasper forderte er auf, eine neue Regierung zu bilden. An dieser sollten alle im Landtag vertretenen Parteien, darunter auch der bürgerlich-konservative „Landeswahlverband“, beteiligt sein. Dies jedoch lehnten die Vertreter der Arbeiterparteien USPD und MSPD ab. Schließlich einigte man sich darauf, dass das bisherige Kabinett – ohne Oerter, dafür erweitert um den einen parteilosen Finanzpräsidenten – geschäftsführend im Amt bleiben sollte. Trotzdem protestierte der „Ältestenausschuss“ in einem von Jasper verfassten Telegramm an die Reichsregierung in Berlin gegen die „Militärdiktatur“ und die „unzulässigen Eingriffe in Länderrechte“. Die Verhaftungen von Abgeordneten, die Immunität besäßen, würden gegen die Verfassung verstoßen und seien „politisch bedenklich und unerwünscht“.

Unter der Besatzung wurde die Braunschweiger Arbeiterschaft entwaffnet. An ihrer Stelle ließ Maercker „Landeseinwohnerwehren“ bewaffnen – „eine Art Selbstschutztruppe des Bürgertums“, wie Ludewig erklärt. Diese Truppe ersetzte die ab Ende April wieder abrückenden Maercker-Truppen. „In diesen Tagen wird einiges umgedreht in Braunschweig“, resümiert Hans-Ulrich Ludewig. Die revolutionären Arbeiter in Braunschweig zogen sich resigniert zurück. Die Regierungsform einer Räterepublik war vollends vom Tisch.

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