Klimaforscher warnen vor Katastrophe

Braunschweig.   Trotz Begrenzung der Kohlendioxid-Emissionen könne die Erwärmung immer weitergehen. Doch es gibt auch Zweifel daran.

Der Eisbär ist zu einer Ikone des Klimawandels geworden. Sein Lebensraum in der Arktis ist bedroht durch steigende Temperaturen und schmelzendes Eis. Anders als häufig behauptet wird, ist der Eisbär allerdings nicht vom Aussterben bedroht. Mit einer Population von rund 20 000 Individuen gilt er aber als gefährdet.

Der Eisbär ist zu einer Ikone des Klimawandels geworden. Sein Lebensraum in der Arktis ist bedroht durch steigende Temperaturen und schmelzendes Eis. Anders als häufig behauptet wird, ist der Eisbär allerdings nicht vom Aussterben bedroht. Mit einer Population von rund 20 000 Individuen gilt er aber als gefährdet.

Foto: David Goldman / dpa

Peine liegt 68 Meter über N.N. Das würde bedeuten, dass Peine nahe an der Ernennung zum Seebad ist.

Das meint unser Leser Jürgen Winter auf unseren Facebook-Seiten.

Zum Thema recherchierte
Johannes Kaufmann

Am Telefon muss Hans von Storch kurz das Lachen unterdrücken. Der Professor am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg und ehemalige Direktor am Helmholtz-Zentrum für Material- und Küstenforschung in Geesthacht hat über die neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) im Urlaub in der dänischen Zeitung „Politiken“ gelesen. Dort stand allerdings nichts über den um bis zu 60 Meter steigenden Meeresspiegel, auf den unser Leser anspielt und der in einer aktuellen Pressemitteilung des PIK erwähnt wird.

Am Ende bezeichnet der Klimaforscher die Zahl diplomatisch als „beeindruckend“, um dann doch konkreter zu werden: „Das ist hart an der Grenze zur reinen Spekulation.“ Denn für einen derart drastischen Anstieg gebe es derzeit keinerlei Hinweise. „Dafür müsste nicht nur der Grönland-Eisschild, sondern auch ein erheblicher Teil der Antarktis abtauen“, so von Storch.

Der Meteorologe zweifelt nicht am Klimawandel und daran, dass menschliche CO2-Emissionen dazu einen entscheidenden Beitrag leisten. Er gilt aber seit Jahren als Kritiker einer alarmistischen und politisierten Klimaforschung.

An deren Speerspitze wiederum steht das PIK, das federführend an der nun diskutierten, internationalen Studie beteiligt war. Erschienen ist sie am Montag in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) in den USA. „Das ist eine angesehene Zeitschrift, die aber zu einem politisierten Verein gehört“, sagt von Storch. In den USA tobe zurzeit ein heftiger Kulturkampf zwischen Präsident Donald Trump und vielen wissenschaftlichen Institutionen. Die Klimaforschung sei teil dieser Debatte und PNAS bekannt dafür, sehr deutlich, teilweise überdeutlich, Position zu beziehen.

Die Studie warnt vor einer „Heißzeit“, in der die globale Durchschnittstemperatur selbst bei Einhaltung der Vereinbarungen des Pariser Klimagipfels von 2015 um bis zu 5 Grad Celsius steigen könnte. Ausgelöst werden könnte dies durch eine Art Dominoeffekt, schreiben die Forscher. Einige zentrale Elemente im Klimasystem der Erde könnten kippen und sich dadurch gegenseitig verstärken. „Wird einer von ihnen gekippt, schiebt dieses Element die Erde auf einen weiteren Kipppunkt zu“, wird Mitautor Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre und designierter Ko-Direktor des PIK, in der Pressemitteilung zitiert.

Zu diesen Kippelementen zählt etwa das Auftauen von Permafrostböden in Russland und Nordamerika, was große Mengen im Boden gebundener Treibhausgase freisetzen würde. Das Schmelzen großer Eismassen wiederum würde dunklere Flächen freigeben, die weniger Sonnenlicht reflektieren und damit zur Erwärmung beitragen könnten. Auf den Meeresboden drohe, dass durch die Erwärmung von Methanhydraten massenhaft Methan ausgase.

In Teilen der Westantarktis seien bereits einige Kipppunkte überschritten worden. „Der Verlust des Eises in einigen Regionen könnte dort schon ein weiteres, noch umfangreicheres Abschmelzen über lange Zeiträume vorprogrammiert haben“, sagte PIK-Gründungsdirektor Hans Joachim Schellnhuber der Deutschen Presse-Agentur.

Hätte, würde, könnte – die Studie enthält eine Menge Konjunktive. „Als Wissenschaftler habe ich nichts gegen Konjunktive. Die beschriebenen Dinge sind nicht auszuschließen, mehr aber auch nicht“, sagt Hans von Storch. Auch der Klimaforscher Reto Knutti von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich kritisiert, dass die Autoren der Studie argumentierten, dass schon bei 2 Grad eine Schwelle hin zu einem deutlich anderen Zustand der Erde liegen könne, zugleich aber darauf hinwiesen, dass es noch unsicher sei, wo eine solche Schwelle tatsächlich liege. Und von Storch merkt an, dass bei der Forderung nach politischen Konsequenzen Konjunktive schnell verschwänden.

Schellnhuber nutzte dann auch gleich die Gelegenheit, um einen schnellstmöglichen Kohleausstieg zu fordern. Und der Verbrennungsmotor solle bis 2030 ausgemustert werden, sagte er der dpa.

Als „politische Meldung in der Saure-Gurken-Zeit“, bezeichnet von Storch daher die Studie und die Art ihrer medialen Verbreitung. „Die Kipppunkte sind nicht zu bestimmen, liefern aber eine interessante Geschichte: Plötzlich wird alles anders, und in der Nordsee schwimmen statt Heringen auf einmal Haie.“ Zwar sei es wissenschaftlich legitim, das schon ältere Konzept der Kippelemente noch einmal neu zu bewerten, doch die internationale mediale Verbreitung über reißerische Pressemitteilungen offenbare die politische Stoßrichtung der Veröffentlichung.

Tatsächlich sind von „Politiken“ über den britischen „Guardian“ bis zu „CNN“ in den USA ähnliche Artikel über die drohende Klimakatastrophe erschienen. Die sieht von Storch noch nicht vor der Tür, wenngleich es schon bald „durchaus unangenehm“ werden könne. In der Pressemitteilung des PIK wird kein Zeitrahmen genannt. Auf Nachfrage erklärte das PIK allerdings, dass sich der Klimawandel „auf lange Sich, über Jahrhunderte und vielleicht Jahrtausende“ selbst verstärken könnte.

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