Mit Braunschweigs Jugend-Orchester die Klangvielfalt ausreizen

Braunschweig.  Professor In-Kun Park ist nun Leiter des Jugend-Sinfonieorchesters. Noch bremst Corona das erste Konzert aus. Dafür lernt er Beethoven-Sonaten.

Piano-Professor In-Kun Park ist neuer Leiter des Jugend-Sinfonieorchesters der Städtischen Musikschule Braunschweig.

Piano-Professor In-Kun Park ist neuer Leiter des Jugend-Sinfonieorchesters der Städtischen Musikschule Braunschweig.

Foto: privat

Am Klavier ist er sein eigener Kolumbus, als Dirigent muss In-Kun Park die Kollegen motivieren und kann dann die ganz großen Klänge entfesseln. Der 46-Jährige, der seit 1997 Klavier an der Städtischen Musikschule Braunschweig unterrichtet, ist seit vergangenem Jahr nun auch Leiter des Jugend-Sinfonieorchesters. Er übernahm es aus den verdienten Händen von Knut Hartmann, von dem er 1998 schon das Louis-Spohr-Orchester anvertraut bekam. Am Pult erfüllt sich ihm immer ein jugendlicher Traum: „Ich hatte schon vor meinem Klavierstudium damit geliebäugelt, Dirigieren zu studieren, aber dann nahm das mit dem Klavier an Fahrt auf, und ich habe es nur noch zum Privatvergnügen weiterverfolgt“, erzählt Park am Telefon.

Insofern war er dann aber doch vorbereitet, als Hartmann ihm sein damals zwölfköpfiges Streicher-Ensemble antrug, das Park inzwischen zum Spohr-Orchester mit 75 Mitgliedern ausgebaut hat. Das Performen am Pult liebt er schon. Vor zehn Jahren habe er sogar noch erwogen, auf eine Korrepetitorenstelle am Theater zu wechseln und so auch Dirigierverträge zu erhalten. „Aber dann lernte ich meine Frau kennen, und diese unsichere Karriere an womöglich wechselnden Häusern kam nicht mehr in Frage.“

Die Jugendlichen trauen sich alles, die Erwachsenen zweifeln immer

In erster Linie reize ihn die Vielseitigkeit und das Allumfassende an einem Orchester. „Meine Instrumentenkenntnis nützt mir dabei“, sagt der Pianist, der parallel auch Geige studiert hat und zwei Jahre Horn spielte. „Aber welches Instrument man auch immer spielt, es hat seine Grenzen, man ist immer irgendwie beengt. Aber mich faszinieren die verschiedenen Klangeigenschaften, die in einer Partitur stecken und die das Orchester auffächern kann.“ Zum Zweiten liebe er es, als Dirigent die Musikerkollegen zu gemeinsamen Lösungen zu überzeugen.

Die Mitglieder eines Jugend- und eines Erwachsenen-Amateurorchesters unterschieden sich dabei vor allem in einem: „Die Jugendlichen trauen sich alles, die Erwachsenen sind immer voller Zweifel.“ Dabei habe das Spohr-Orchester inzwischen bewiesen, dass es die große sinfonische Literatur von Schubert, Beethoven, Brahms und Tschaikowsky auf Niveau spielen könne. „Bei uns war zum Beispiel eine Ärztin Konzertmeisterin, die war vorher Erste Geige des Bundesjugendorchesters, die hätte auch in einem Profi-Orchester spielen können.“

Die Kernfrage bei beiden Orchestern sei, es muss spielbar sein. „Beim Spohr-Orchester heißt das vor allem, was ist zeitlich leistbar. Mit genügend Proben können sie alles schaffen, aber nicht jeder kann sich immer so reinknien. Manchmal bilden wir Produktionsensembles. Und ich gebe das Programm immer ein Jahr vorher bekannt, damit sich die Musiker in ihrem persönlichen Überhythmus vorbereiten können“, sagt Park. Das neue Programm soll immerhin Wagners „Siegfried-Idyll“, die „Meistersinger“- und „Parsifal“-Ouvertüre und Strauss’ „Vier letzte Lieder“ enthalten. Geprobt wird im Amtsgerichtssaal, aber wegen Corona gibt es zurzeit nur Videomeetings.

Wegen Corona bislang nur Einzelunterricht statt Konzerte

Beim Jugend-Sinfonieorchester sei das Wichtigste, dass das Werk für 12- bis 19-Jährige interessant sein müsse, also gerade so schwer, dass die Älteren den Jüngeren helfen und sie mitziehen können. Parks Ideal wäre, dass sie sich dazu in kleinen Gruppen treffen und miteinander üben, aber das sei bislang wegen Corona überhaupt noch nicht möglich gewesen. „Ich kenne ja die meisten durch den Klavierunterricht, wenn sie zur Studienvorbereitung zur Gehörbildung kommen oder als Begleiter vom gemeinsamen Musizieren. Durch Corona habe ich jetzt jeden zum Einzelunterricht da gehabt. Das hatte ich eigentlich sowieso vor, nun war nichts andres möglich“, resümiert Park.

Die Musikschulen sind offen, wenn die Schulen offen sind, aber Unterricht gibt es eben nur nach strengen Abstandsregeln. „Im Sommer waren Kleingruppen möglich, also habe ich Streicher und Bläser geteilt. Wir haben Bachs Doppelkonzert und Barbers Streicher-Adagio vorbereitet, aber das Konzert mussten wir dann doch absagen. Für nächsten Sommer wollen wir Beethovens Pastorale erarbeiten.“

Spieltechnisch seit dem Klavier-Studium keine Grenzen

In-Kun Park selbst hat den ersten Lockdown dafür genutzt, sämtliche Klavier-Sonaten von Beethoven vorzubereiten, wobei er die meisten schon früher gespielt hat. Das wäre sein Beitrag zum Beethoven-Jahr gewesen. Und ein ganz schöner Kraftakt. Aber auch er musste seine Konzerte absagen. Schnell sind wir in einer Diskussion, ob solche monothematischen Programme attraktiv sind. „Ein befreundeter Cello-Professor hasst solche Zyklen, findet sie langweilig. Aber ich finde, Beethoven ist eine Welt, und seine Werke können so unterschiedlich sein, wenn man sich zwei Jahre lang dahinein vertieft.“

Nun ist Park als Pianist durchaus offen für Neues. Und Altes. Als Stipendiat des Wagner-Verbandes spielte er einst dessen Große Klaviersonate und einige Albumblätter. Sein Urteil verpackt er in koreanischer Diplomatie: „Es war eine Erfahrung zu sehen, dass Wagner auch nicht gleich ein Genie war.“ Park ist zurzeit dem Spätwerk Skrjabins auf der Spur, „das ist schon ziemlich avantgardistisch-abgedreht“. Vielleicht passt es mal zu einem Abend mit dem ebenfalls spröden späten Liszt oder im Kontrast zum weicheren Zeitgenossen Rachmaninow. Park lässt sich auch ganz neue Werke zum Durchspielen schicken. Also Langeweile hat er auch im zweiten Lockdown nicht. Irgendwann werde er auch wieder Konzerte geben. Freilich sagt er auch ganz aufgeräumt, dass er nicht mehr die Illusion einer Soloklavierkarriere habe. „Aber ich habe das Privileg, nicht durch spieltechnische Grenzen beengt zu sein, wenn ich musiziere.“

Mit 15 als Koreaner ganz allein in Deutschland

Ein „Privileg“, das er sich hart erarbeitet hat. Zwar geht die Familienlegende, dass er als Vierjähriger stets lauschte, wenn die Mutter in Seoul Klavierunterricht gab und, sobald sie mal zum Telefon ging, selbst den Schülern am Klavier die richtigen Tasten zeigte. Mit 8 kam er mit seinen Eltern nach Osnabrück, weil sie hier studierten. Aber da es gerade keinen Klavierplatz gab, lernte er zunächst Geige. Das Klavier kam dann dazu. Lange hätte er sich nicht entscheiden mögen, welches Instrument ihm lieber sei. Ohnehin sei ihm der soziale Aspekt des Musizierens wichtiger gewesen, das Zusammenspielen. „Beruflich wollte ich eigentlich Arzt werden.“

Doch da kam der legendäre hannoversche Klavier-Professor Karl-Heinz Kämmerling dazwischen. Der sprach ihn nach einem Vorspielen beim „Jugend musiziert“-Bundeswettbewerb an und nahm ihn als Schüler an der Uni auf. So blieb In-Kun Park mit 15 allein in Osnabrück zurück, als die Eltern zurück nach Korea gingen, machte Abitur und studierte parallel bei Kämmerling.

„Bis 18 blieb ich aber unschlüssig, ob ich wirklich Solo-Klavier studieren sollte, denn ich wusste, da reicht die Liebe zur Musik allein nicht, das ist knallharter Wettbewerb, und ich war eigentlich nicht der typische Klavierzögling, der von Kleinauf darauf hintrainiert wurde.“ Er ist diesen Weg gegangen. Bekam mit 24 an der Städtischen Musikschule die Klavierstelle, die einst Kämmerling hier innehatte. Und nun darf er sogar dirigieren. Sobald Corona Konzerte wieder zulässt.

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