Ein Braunschweiger setzt die Alarmstufe rot

Braunschweig.  Der Event-Unternehmer Dirk Wöhler ist mit seinem Engagement für die Veranstaltungsbranche bundesweit bekannt geworden.

Dirk Wöhler ist der Anmelder und ein Hauptorganisator der Berliner "Alarmstufe rot"- Demonstrationen der Veranstaltungsbranche. 

Dirk Wöhler ist der Anmelder und ein Hauptorganisator der Berliner "Alarmstufe rot"- Demonstrationen der Veranstaltungsbranche. 

Foto: Manuel Weidt

Anfang März, als Corona über die westliche Welt hereinbrach, war der Braunschweiger Eventmanager Dirk Wöhler mit seinem Sohn Tom auf einem lange geplanten USA-Trip. Plötzlich machten die Hotels dicht, Inlandsflüge wurden gestrichen. „Wir haben kurzentschlossen einen Wagen gemietet und sind 1800 Kilometer von Las Vegas nach Seattle durchgefahren, um den Rückflug zu bekommen“, erzählt der 51-Jährige.

Zurück in Braunschweig musste der Chef der Firma WMS-Event dann schnell damit zurechtkommen, dass der Kampf gegen die Pandemie seiner Branche über Nacht die Geschäftsgrundlage entzog. Firmenfeiern, Hochzeiten, Messe-Events, Antenne-Niedersachsen-Partys, das Unterhaltungsprogramm bei den Heimspielen des VfL Wolfsburg, das er seit 20 Jahren gestaltet – nichts ging mehr.

Seit 20 Jahren beschallt Dirk Wöhler die Heimspiele des VfL Wolfsburg

Bis dahin war es für den rührigen Braunschweiger stetig aufwärts gegangen. Nach dem Realschulabschluss hatte er Kaufmann gelernt, Betriebswirtschaft studiert und nebenher als DJ gejobbt. Der Job wurde zum Hauptberuf. 1994 machte Wöhler sich selbständig. Neben der Beschallung von Partys und Firmenevents übernahm er deren Organisation samt Moderation, Aufbau, Regelung sicherheitstechnischer Auflagen. Er stieg in Wolfsburg als Arena-DJ ein und baute in Braunschweig seine Firma mit einem halben Dutzend Festangestellten und Azubis auf. Im Jahr 2000 wurde Wöhler zum Präsidenten des Berufsverbands Diskjockey mit rund 1000 Mitgliedern gewählt.

Ein Ehrenamt, allerdings mit einigem Aufwand. Die Geschäftsstelle in Braunschweig beschäftigt zwei Mitarbeiter. Wöhler verhandelte Grundlagenverträge mit der Gema, setzte mit durch, das statt einer starren 95-Dezibel-Grenze in Diskos ein zulässiger Mittelwert von 100 und ein DJ-Führerschein eingeführt wurde, der DJs gewisse Spielräume, aber auch Verantwortung überträgt. Mittelfristig arbeitet er an einem festen Berufsbild „Fachkraft für Musikunterhaltung“.

Entschiedene Abgrenzung von den „Querdenkern“

Corona habe ihm dann plötzlich „die Liebe meines Lebens genommen – den Job, Menschen eine unbeschwerte Zeit zu bereiten“. Doch der Machertyp Wöhler ließ sich nicht hängen. Er beteiligte sich an der „Night of Light“, mit der die Veranstaltungsbranche im Juni erstmals geballt auf ihren Notstand aufmerksam machte. Er lud Politiker wie Niedersachsens Finanzminister Reinhold Hilbers zu Talkrunden ein, die er aus seinem Firmensitz ins Internet streamte. Und Anfang Juli organisierte er eine Demo des DJ-Verbands mit 350 Teilnehmern am Brandenburger Tor – aus Sicherheitsgründen als Autokorso.

„Es ist keineswegs so, dass wir uns gegen die Corona-Maßnahmen stellen. Gesundheitsschutz geht vor“, grenzt sich Wöhler entschieden vom Lager der „Querdenker“ ab. „Nur wenn man uns im Interesse der Allgemeinheit die Luft zum Atmen nimmt, muss man uns auch irgendwie mit Sauerstoff versorgen, damit wir überleben können.“ Seine Firma habe beispielsweise rund 90 Prozent ihres Umsatzes eingebüßt.

Zahlreiche Einladungen in Talkshows und Interviews

Nach der gut organisierten DJ-Demo, die einige Beachtung fand, wurde Wöhler zu einem Gesicht, Hauptorganisator und Anmelder der „Alarmstufe rot“-Demonstrationen, die die Veranstaltungsbranche in den kommenden Monaten in Berlin auf die Beine stellte. Der findige Braunschweiger steuerte auch den Branchen-Sarg bei, den ein befreundeter Bestattungsunternehmer ihm geschenkt hatte. Er tauchte in zahlreichen TV-Beiträgen auf. Wöhler erhielt Einladungen in Talkshows, kam mit Größen wie Dieter Hallervorden, Herbert Grönemeyer und Roland Kaiser zusammen, die bei den Protesten auftraten.

„Man muss sich organisieren, sonst erreicht man nichts“, das ist dem kommunikativen Wöhler klar. Er vertiefte Kontakte zu regionalen Bundestagsabgeordneten wie Carsten Müller (CDU) und Falko Mohrs (SPD), denen er zugute hält, sich in Berlin für die Branche stark gemacht zu haben. Er tauchte mit seinem Sarg auch vor dem Landtag in Niedersachsen auf und kam mit Wirtschaftsminister Bernd Althusmann ins Gespräch. „Plastische Beispiele, viel erklären, das ist wichtig. Die besonderen Bedingungen unserer Branche sind vielen nicht bekannt.“

Wichtige Änderungen bei den Novemberhilfen

So hätten er und seine Mitstreiter immerhin wichtige Änderungen bei den Novemberhilfen erreicht. Ursprünglich hätten Eventagenturen beispielsweise nur entschädigt werden sollen, wenn sie 80 Prozent ihrer Umsätze mit direkt vom Lockdown betroffenen Betrieben wie Kneipen und Restaurants erzielen. Firmenfeiern und Hochzeiten beispielsweise wären da herausgefallen. Die Regel wurde entsprechend geändert. Als Erfolg nennt Wöhler auch die „Neustarthilfe für Soloselbständige“ für die erste Jahreshälfte 2021, eine einmalige Pauschale von bis zu 5000 Euro, die nicht mehr direkt an Betriebskosten gekoppelt sei, die Soloselbständige ohne Geschäftsräume eben oft nicht hätten.

„Man kann etwas bewegen, aber man muss dafür kämpfen“, lautet Wöhlers Zwischenbilanz. Im nächsten Jahr, wenn die Impfkampagne hoffentlich gut laufe, gehe es auch darum, das Vertrauen der Menschen dafür zurückzugewinnen, „mit vielen anderen auf engem Raum wieder unverkrampft zu feiern“. Dabei hofft er auch auf moralische Unterstützung der Politik. Denn unbeschwerte Partys will Wöhler nach der vermaledeiten Pandemie natürlich unbedingt wieder mitorganisieren und beschallen. Kontakte hat er in den vergangenen Monaten jedenfalls nicht eingebüßt – „im Gegenteil, ich habe eine Menge neue spannende Menschen kennengelernt.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder