Bestsellerautor Daniel Kehlmann las in Wolfenbüttel zu Corona

Wolfenbüttel.  Daniel Kehlmann las Donnerstagabend im Livestream aus dem Lessingtheater Wolfenbüttel aus seinen neuen heiter-pointierten „Corona-Dialogen“.

Daniel Kehlmann auf der Bühne des Lessingtheaters Wolfenbüttel.

Daniel Kehlmann auf der Bühne des Lessingtheaters Wolfenbüttel.

Foto: Stefan Albrecht / NDR

Sein neuestes Theaterprojekt könnte Daniel Kehlmann gleich mit aufnehmen in seine neuen „Corona-Dialoge“. Die sollen nämlich auf die Bühne kommen, und der Chef des Theaters an der Wien wollte das schon in diesem Sommer tun, nach dem Motto: Was soll da noch kommen? Kam der zweite Lockdown, und Daniel Kehlmann trägt seine neuen Texte in der NDR-Reihe „Der Norden liest“ im leeren Lessingtheater zu Wolfenbüttel vor.

Pointen, die das Leben schreibt. Und Kehlmann hat, wie man im Livestream am Donnerstagabend erleben durfte, auch in seinen Dialogen auf Pointen Wert gelegt. Vorbild der kleinen Szenenfolge seien die Kurzszenen in Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“ gewesen, erzählt er im Gespräch mit NDR-Redakteur Christoph Bungartz. Und natürlich auch Boccaccios „Dekamerone“, da er auch zur Corona-Hochzeit wie die feinen Leute damals von seinem Wohnsitz New York mit der Familie aufs nahe Land geflohen sei.

Alltagsbeobachtungen von Loriotscher Kraft

Aber die beiden Szenen, die er vorliest, haben auch eine Loriotsche Kraft der Alltagsbeobachtung. Da ist der Literaturkenner Benken-Hinrichs, der während des strengen Lockdowns mitten im Skype-Interview mit einem Reporter von seinem kleinen Sohn gestört wird. Die mit der Tochter beschäftigte Gattin ist auch nicht gleich willig, wegen eines Interviews nun auch noch den Sohn zu ergreifen. Am Ende sticht wie bei Jedermanns die geldbringende Berufsausübung, und Benken-Hinrichs kann seine unbescheidenen Lesetipps für die „Zeit der Einkehr, der Konzentration“ abgeben: Kant, Hegel, Sartre, Proust, es ist alles dabei, was lang und schwer ist. Und Spinoza als „Quelle der Ruhe“, Schöpfer einer hermetischen, daher virenfreien Welt.

Der Literaturfreund beanstandet die etwas gleichgültige Art des Reporters. Der wurde gerade entlassen. Man habe immer schon ein paar loswerden wollen, in der Corona-Zeit wundere sich keiner darüber, „jetzt geht alles“. Benken-Hinrichs schwadroniert von „dunklen Zeiten“. Immerhin, nun hat der Reporter Zeit für Spinoza.

Wolkenkuckucksheim trifft auf bittere Realität

Wie hier das Wolkenkuckucksheim sowohl im eigenen Haushalt wie beim Gegenüber auf Alltag und bittere Realität trifft, ist fein und ohne Feindlichkeit zugespitzt. Und wie Kehlmann in der zweiten Geschichte die diktatorische Dummheit des Angehörigen eines privaten Sicherheitsdiensts auf dem Flughafen Tegel porträtiert, das stimmt in jedem Detail und erfasst das übliche Kleinbürgerparadigma.

„Ich diskutiere nicht“ ist der inzwischen oft gehörte krasse Satz eines solchen öffentlich installierten Rammbocks von göttlicher Unhinterfragbarkeit, der hier nur die Beschränkung auf ein Teil Handgepäck durchsetzen soll. Und herrlich kontrastiert das mit der absurden Begründung der Maßnahme mit „Corona, schon mal gehört von?“

Hinter Corona-Maßnahmen keine Verschwörung

In einer Zeit der Widersprüche sei Komik, wie er sie in den „Corona-Dialogen“ anwende, das probate Mittel. „Pathos wäre fehl am Platz“, sagt Kehlmann im Gespräch. Er befasse sich im Übrigen viel mit den virologischen Fakten, bewundere auch die Wissenschaftler für ihre Kommunikationsleistung. „Ich sehe hinter den Maßnahmen auf keinen Fall böse Absicht oder Verschwörung“, betont er, aber nicht immer erkenne er den faktischen Nutzen. „Masken draußen auf dem Schulhof, das hat keinen Sinn.“

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Auch Zuschauer durften per Chat Fragen in die Sendung reichen. Ob er die erneute Schließung der Theater für verhältnismäßig halte?, ließ einer ins leere Lessingtheater fragen. „Ich glaube, niemand hält das für verhältnismäßig, selbst die Kanzlerin nicht“, pointierte Kehlmann, „aber ich verstehe den Gedanken dahinter dann doch, obwohl Theater keine Spreader-Orte sind. Wenn man Schule und Arbeiten weiter ermöglichen wollte, konnte man nur das Privatvergnügen aussetzen, damit die Leute zuhause bleiben. Fair ist es auf keinen Fall, aber nicht ganz unverständlich.“

Tyll kein Volkslehrer, sondern Psychopath

Kehlmann las zudem zwei Kapitel aus seinem 2017 erschienenen Roman „Tyll“ über den auch in unserer Region beheimateten Eulenspiegel. Er spielt im 17. Jahrhundert, „eine Welt vor der Aufklärung, die mir wahnsinnig fremd ist“, sagte der Autor. Gerade das Fremde und Befremdliche habe ihn aber am meisten interessiert, nicht aktuelle Parallelen zu Religionskriegen und Seuchen. „Ein Freund sagte nach der Lektüre zu mir, du hast ein Liebeslied auf die Aufklärung geschrieben“, so Kehlmann. Wichtig sei ihm gewesen, dass Tyll keinesfalls als Volkslehrer in Betracht kommt, sondern eher ein Psychopath sei, keine sympathische Figur.

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Da lag die Zuschauerfrage nach Lessing auf der Hand. Er schätze ihn als Aufklärer, seine voltairegeschulte Schärfe, den „Nathan“, der Toleranz und Vernunft nicht kalt und langweilig, sondern groß und kraftvoll vermittle. Schön auch Kehlmanns Antwort auf die Frage, wie man sprachlichem Missbrauch begegnen könne: „Indem man als Schriftsteller seine Arbeit macht: Durch das Beispiel gelungener Sprache.“

Er wird es demnächst mit Drehbüchern für Detlef Bucks Thomas-Mann-Adaption des „Krull“ und für den ersten Film seines Freundes Daniel Brühl beweisen können. Und: „Ich versuche gerade, meinen nächsten Roman anzufangen“ – gelungene Sprache ist offenbar ganz schön schwierige Arbeit.

Die Sendung ist bis 19. Februar unter www.ndr.de/dernordenliest abrufbar.

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