Braunschweigs Jung-Sinfoniker vor Premiere mit neuem Dirigenten

Braunschweig.  In-Kun Park übernimmt das Jugend-Sinfonie-Orchester von Knut Hartmann, der über 30 Jahre verantwortlich war. Am Samstag steht der erste Auftritt an.

Knut Hartmann (links) hat die Leitung des Jugend-Sinfonie-Orchesters Braunschweig an In-Kun Park übergeben – für den neuen Dirigenten steht nun der erste Auftritt an.

Knut Hartmann (links) hat die Leitung des Jugend-Sinfonie-Orchesters Braunschweig an In-Kun Park übergeben – für den neuen Dirigenten steht nun der erste Auftritt an.

Foto: Florian Kleinschmidt / Städtische Musikschule Braunschweig (Collage: Jürgen Runo)

Musik- und Kulturfreunde können diesen Samstag ein besonderes Comeback erleben: Das Jugend-Sinfonie-Orchester (JSO) Braunschweig spielt um 15 und 17 Uhr im Garten der Städtischen Musikschule, Augusttorwall 5. Für das in früheren Besetzungen bereits mehrfach ausgezeichnete Ensemble ist es der erste Auftritt nach über acht Monaten Corona-Zwangspause. Diese Open-Air-Serenade findet im Rahmen des diesjährigen Lichtparcours statt, der Eintritt ist frei.

Dabei wird es zwei entscheidende Neuerungen geben. Zum einen tritt das JSO aufgrund der aktuellen Gegebenheiten nicht in voller Personalstärke, das wären 55 Jung-Sinfoniker, auf – stattdessen sind verschiedene kleinere Ensembles und auch Solo-Beiträge zu hören. Gespielt werden unter anderem Werke von Vivaldi, Bach und Mendelssohn.

Darüber hinaus wird erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr Knut Hartmann an der Spitze des Orchesters stehen. Der 67-Jährige hat den Dirigentenstab zum 1. Juni 2020 an In-Kun Park (46), ebenfalls erfahrener Dirigent und seit 1997 an der Städtischen Musikschule tätig, weitergegeben. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Hartmann über seine Erlebnisse und Erfolge mit dem JSO – und Nachfolger Park verrät, wie es dort nun weitergehen soll.

Herr Hartmann, sie haben das Jugend-Sinfonie-Orchester Braunschweig 36 Jahre lang geleitet. Wie kam es damals dazu – und was bedeutet Ihnen klassische Musik?

Knut Hartmann: Klassische Musik dient dem Menschsein in vieler Hinsicht, da hier handwerkliches mit emotionalem Engagement einhergeht. Junge Menschen lernen dabei, vermutlich im stärkeren Maße als in anderen Disziplinen, sich zu konzentrieren und einzufühlen – natürlich sollte auch der Lehrer gut sein.

Ich selbst habe tatsächlich erst mit zwölf Jahren angefangen, Geige zu spielen, das Klavier folgte später. Mit 17 habe ich zusammen mit einem Freund in unserer Heimatstadt Lüneburg das örtliche Jugendorchester gegründet. 1983, nach dem Abschluss des Musikstudiums in Hannover, habe ich mich dann erfolgreich hier in Braunschweig als Violinlehrer und Dirigent an der Städtischen Musikschule beworben. Ein Jahr später rückte ich neben meinen Kollegen Hanns-Wilhelm Goetzke an die Doppel-Spitze des JSO, seit 1988 war ich dann alleinverantwortlich.

Was hat die Arbeit mit den jungen Musikern ausgemacht und welche Erinnerungen nehmen Sie nun mit?

Hartmann: Wir haben stets mit Musik gearbeitet, bei der ich fühlen konnte, dass sie etwas zu sagen hat und zum Herzen spricht. Dies war und ist mir für die jungen Menschen wichtig. „Wenn du mit Menschen ein Schiff bauen möchtest, dann schaff´ nicht Holz, Hämmer und Nägel heran, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer“, hieß es mal. Das war ein großer Bestandteil unseres gemeinsamen Wirkens – gerade in Zeiten, wo in Schulen im Fach Musik zunehmend weniger Wert auf die Kenntnis klassischer Werke gelegt wird.

Ich war seit 1984 bei gut 200 JSO-Konzerten und 80 Solo-Auftritten unserer Musikerinnen und Musiker an verschiedensten Orten verantwortlich, dabei wurden an die 100 Sinfonien, klassische Stücke und zeitgenössische Werke geboten. Das allein sind schon tolle Zahlen, finde ich. Außerdem hat das Ensemble in dieser Zeit sieben Mal hintereinander bei den Deutschen Orchesterwettbewerben den Sonderpreis für die hervorragende Interpretation eines zeitgenössischen Werkes gewonnen.

Vor allem gilt meine Dankbarkeit aber den vielen Menschen, denen ich begegnen konnte. Ich gehe in der Tat mit zwei weinenden Augen.

Das klingt nach keinem ganz freiwilligen Abschied?

Hartmann: Ich habe mich nicht entschlossen, beim JSO aufzuhören, sondern musste es tun. Offenbar sehen die Renteneintrittsbestimmungen für den öffentlichen Dienst, denen auch ich hier in Braunschweig unterliege, es so vor. In den Ruhestand gehe ich aber nicht, sondern arbeite weiter mit meinen Geigen- und Bratschenschülern an der Musischen Akademie und habe zudem die Leitung des Wolfenbütteler Kammerorchesters übernommen.

Herr Park, man tritt Ihnen sicherlich nicht zu nahe, wenn man sagt, dass Sie beim JSO nun große Fußstapfen vorfinden. Was haben Sie sich vorgenommen?

In-Kun Park: Knut Hartmann hat große Verdienste um das Braunschweiger Jugend-Sinfonie-Orchester. Es würde ohne ihn nicht da stehen, wo es heute ist. Eine meiner zentralen Aufgaben wird auf jeden Fall die weitere Professionalisierung der Orchesterarbeit sein. Dies gilt sowohl für die Proben- wie auch Konzertorganisation. Außerdem steht ein gewaltiger Generationswechsel bevor, den es zu bewältigen gilt.

Wie erschwert die Corona-Situation den Einstieg?

Park: Die Orchesterproben konnten coronabedingt erst vor drei Wochen starten, die Einschränkungen sind enorm. Die Gruppengröße darf bei Streichern zum Beispiel nicht mehr als zehn Personen betragen, bei Bläsern gar nur drei. Wir üben derzeit in sechs bis sieben Kleinstformationen, einige mussten bislang leider komplett außen vor bleiben.

Aber wir sind froh, dass wir überhaupt starten konnten, und es ist fantastisch, wie die jungen Musiker mit dieser speziellen Situation zurechtkommen. Es zeigt die Leistungsfähigkeit des Orchesters, dass wir nach so kurzer Zeit am Samstag ein Konzert aufführen können.

Hartmann: Auch mir hat das Virus einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Reise zum Deutschen Orchesterwettbewerb in Bonn, für den wir uns im vergangenen Jahr qualifiziert hatten, ist ausgefallen. Gleiches gilt für unsere Konzerte am Staatstheater Braunschweig, wo wir innerhalb des Tanzprojektes „Crossing Borders“ Werke von Sibelius, Mendelssohn und Marquez beigesteuert hätten. Mein Abschieds-Konzert fand somit Ende Januar im Scharoun-Theater in Wolfsburg statt.

Bei der Open-Air-Serenade wird dann auch so einiges anders sein...

Park: Das stimmt. Am Samstag wird das Jugend-Sinfonie-Orchester nicht komplett, sondern in verschiedenen kleinen Ensembles auftreten – entsprechend der gerade genannten Probensituation. Aber auch solistische Beiträge aus den eigenen Reihen werden zu hören sein, denn das Orchester hat viele hervorragende, preisgekrönte Talente, die gerne noch mehr zur Geltung kommen dürfen.

Das nächste Konzert soll dann im Rahmen der Braunschweiger Musikschultage im November stattfinden, im Januar stehen wir planmäßig im Scharoun-Theater auf der Bühne.

Sind Sie am Samstag denn dabei, Herr Hartmann?

Hartmann: Meine Tochter hält am Nachmittag einen Vortrag, den ich besuchen werde, somit muss ich mich leider als verhindert entschuldigen. Ansonsten wäre ich selbstverständlich dabei gewesen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie zwei in solch einer Konstellation aufeinander treffen.

Park: Richtig, ich habe bereits 1998 das Braunschweiger Streicherensemble, den Vorläufer des heutigen Louis-Spohr-Orchesters, von Herrn Hartmann übernommen. Dieses ist mittlerweile ein 75-köpfiges Sinfonieorchester geworden, das auf beinahe professionellem Niveau und mit renommierten Solisten wie Wenzel Fuchs von den Berliner Philharmonikern oder Ann-Estelle Medouze vom Orchestre de Paris musiziert. Wer weiß, vielleicht können wir mit dem JSO Ähnliches erreichen.

Kulturelle, auch musikalische Veranstaltungen laufen nun auch in Braunschweig und der Region wieder an. Wie wichtig ist das aus Ihrer Sicht?

Hartmann: Klassische Musik und andere Kultur-Disziplinen sind ein unverzichtbares Gegengewicht zur allgemeinen Grobheit und Lautheit unseres täglichen Lebens. Es muss unbedingt möglich sein, die Gesundheitsfürsorge mit der Durchführung etwa von Konzerten auf einen Nenner zu bringen.

Park: Es mag aus medizinischer Sicht sicher „richtig“ sein, möglichst zu Hause zu bleiben. Aber wir Menschen sind soziale Wesen, die Orte der Begegnung und des Austausches brauchen. Diese sind die Basis einer funktionierenden Gesellschaft – und daher müssen wir alle neue Wege finden, mit dem Hintergrund der Corona-Pandemie, die uns wohl noch weitaus länger beschäftigen wird als zunächst erhofft, unser gesellschaftliches und kulturelles Leben neu zu gestalten.

Die Open-Air-Serenade des JSO Braunschweig findet am Samstag, 26. September, um 15 und 17 Uhr im Garten der Städtischen Musikschule, Augusttorwall 5, statt. Der Einlass erfolgt jeweils 30 Minuten vor Konzertbeginn. Wegen der begrenzten Plätze ist eine Anmeldung erwünscht, telefonisch unter (0531) 470 4960 oder per Mail unter musikschule@braunschweig.de. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht.

Achtung: Bei Regen entfällt das Konzert. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.braunschweig.de/staedtische_musikschule sowie im Rahmen des Lichtparcours.

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