Die Villa Kunterbunt der Braunschweiger HBK-Meisterschüler

Braunschweig.  Jeder Raum eine Entdeckung: 18 Absolventen der Kunsthochschule bespielen das Haus Salve Hospes des Kunstvereins mit originellen Abschlussarbeiten.

Bhima Griem hat sich im Garten des Kunstvereins mit vorgefundenen Materialien sein eigenes Atelier- und Ausstellungsgebäude geschaffen.

Bhima Griem hat sich im Garten des Kunstvereins mit vorgefundenen Materialien sein eigenes Atelier- und Ausstellungsgebäude geschaffen.

Foto: Florian Arnold

Sie haben mehr Zeit an der Kunsthochschule verbracht als die meisten Kommilitonen. Nach überdurchschnittlichen Leistungen im regulären Studium dürfen Meisterschüler der Freien Kunst zwei weitere Semester unter besonderer Betreuung eines Professors studieren. Der Titel Meisterschüler ist eine Auszeichnung, ein wenig vergleichbar einer Promotion.

Mit ihren Abschlussarbeiten treten die Meisterschüler der Braunschweiger HBK auch an die Öffentlichkeit. Die gemeinsame Ausstellung ist ein wichtiger Schritt aus der Hochschule hinaus auf den freien Kunstmarkt, ins professionelle Künstlerleben. Deshalb werde sie seit einigen Jahren auch verstärkt außerhalb der HBK präsentiert, sagt Hochschulsprecher Jesco Heyl. Für drei Wochen bespielen 18 Meisterschülerinnen und -schüler nun die Villa Salve Hospes des Braunschweiger Kunstvereins.

In jedem Raum eine Entdeckung

In jedem Raum, aber auch in Hof und Garten zeigt jeweils ein junger Künstler eine oder zwei Positionen. Eine Herausforderung sei gewesen, mit den Arbeiten auch Bezug auf die jeweilige Raumsituation zu nehmen oder sie entsprechend anzupassen, sagt Kunstvereinsdirektorin und Kuratorin Jule Hillgärtner.

Ein Ausstellungsmotto gibt es auch, „I’m Not Always Where My Body is“ (Ich bin nicht immer da, wo mein Körper ist), in Anspielung auf die potenzielle Allverfügbarkeit in digitalen Zeiten. Wer mag, kann es aus manchen Arbeiten heraus- oder auch hineinlesen. Etwa bei Tschoe Ones Installation im Foyer: Er hat zwei der vier Musen-Skulpturen aus ihren Nischen entfernt und durch Bildschirme ersetzt, die ihr Abbild in Originalgröße zeigen.

Kunst mithilfe des Metall-Detektors

Spannend ist die Vielfalt der künstlerischen Medien und Ansätze. Jakob Gardemanns abgedunkelter Raum „Relikte“ im Obergeschoss wirkt auf den ersten Blick wie eine Folterkammer. Akkurat an den Wänden befestigt und geordnet, findet sich ein Sammelsurium von Metallgegenständen: Fahrradschlösser, Kronkorken, Patronen, Werkzeuge, eine Porno-DVD. Gardemann hat sie mit Metalldetektoren und Magneten geortet und aus Flüssen, Teichen, Wiesen und Wäldern geborgen. Der Besucher kann sie mithilfe bereitstehender Taschenlampen in Augenschein nehmen, dabei löst er per Sensor Detektorengeräusche aus. Komplex und sinnlich reizvoll spielt Gardemann mit menschlichen Spuren, Gedankenlosigkeit, Verfalls- und Alterungsprozessen.

Die Künstlerin sagt sich von ihrem Kunstwerk los

Ivana Rohr verdichtet eine kunsttheoretische Debatte in der gewitzten und witzigen Installation „as a matter of fact“. Steht ein Werk völlig für sich, kann man es von der Person des Künstlers trennen? Viele Kunstexperten würden das bejahen. Auf eine Kirchentür hat Rohr nun ein Manifest geschrieben, in dem sie erklärt, sich offiziell von dieser Arbeit loszusagen. Betrachter könnten sie ohne Gewissensbisse goutieren, falls sie, Rohr, sich als Privatperson moralische Verfehlungen leiste. Daneben hat sie ein Schreiben eines Anwalts gehängt, indem dieser auf ihre Anfrage hin erläutert, dass die Trennung zwischen Künstler und Werk im juristischen Sinn unmöglich sei.

Das Spiel mit Himmel und Hölle

Rebekka Beischall präsentiert den Trickfilm „Hopscotch“ in einem eigens gezimmerten Häuschen. In Anspielung auf das Kinderspiel Himmel und Hölle zeigt sie fein gezeichnete symbolische Sequenzen, die moralisch uneindeutige Situationen zeigen. Einen Zopf etwa, aus dem Geld fällt. Technisch komplex und an ein Kinderspiel angelehnt auch die Arbeit von Jan Neukirchen: Mit feinen Drähten hat er in vier Ecken seines Raumes digitale Sprachassistenten à la „Alexa“ verbunden. Wie bei der „Stillen Post“ geben sie sich Zitate aus dem Johannesevangelium weiter, bis sie durch Übertragungsfehler verändert oder unkenntlich werden: „Im Anfang war das Wort.“ Durch die störungsanfällige Konstruktion sind Fehler oder auch Neuschöpfungen programmiert, betont Neukirchen – wie in der Kunst oder bei der Kopie von Texten in mittelalterlichen Skriptorien.

Wer weiter durch die Räume schweift, begegnet auch Performances, Klangkunst mit real übenden Musikschülern, Ready Mades, weit in den Raum ausgreifender Malerei. Oder im Garten dem aus Fundmaterialien vor Ort zusammengezimmerten Pop-up-Atelier von Bhima Griem. In der Remise ergänzt die aufwendige Installation „Prima Quallerina“ des Berliner Künstlers Markues die Meisterschüler-Schau.

Bis 18. Oktober, Di.-So. 11-17, Do 11-20 Uhr. So., 15, und Do., 18 Uhr kostenlose Führungen.

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