Serie Gute-Laune-Bücher: Kehlmanns „Ich und Kaminski“

Braunschweig.  In der Corona-Krise stellen wir Bücher vor, die gute Laune machen. Heute: die Kunstbetriebs-Satire „Ich und Kaminski“ von Daniel Kehlmann.

Daniel Kehlmann bei der Premiere der Verfilmung von „Ich und Kaminski" (mit Daniel Brühl und Jesper Christensen).

Daniel Kehlmann bei der Premiere der Verfilmung von „Ich und Kaminski" (mit Daniel Brühl und Jesper Christensen).

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance / dpa

Romane haben es so an sich, dass man ihrem Erzähler ziemlich ausgeliefert ist. Er oder sie ist quasi gottgleich – Schöpfer der Welt, die er beschreibt. Was man über seine Helden, ihre Umgebung und Geschicke erfährt, bestimmt er oder sie allein. Meist ist das nicht weiter schlimm, man kann ihm vertrauen und tut das auch, ohne dass einem diese ja nicht unproblematische Grundkonstellation des Erzählens weiter auffiele.

Daniel Kehlmann indes macht sie zum Angelpunkt seiner Kunstbetriebs-Satire „Ich und Kaminski“ und erzeugt damit raffiniert Komik. Denn sein Held und Ich-Erzähler Sebastian Zöllner ist ein eitles Ekel, das aufgrund notorischer Überheblichkeit zu einer verzerrten Weltsicht neigt. Der schlanke Roman deutete Anfang der 2000er Jahre das fulminante Potential des Schriftstellers Kehlmann an, damals noch keine 30. Bald darauf etablierte er sich mit dem Bestseller „Die Vermessung der Welt“ als einer der originellsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren.

Der junge Kunstkritiker Zöllner will ebenfalls ein berühmter Autor werden: Mit einer Biografie des einst gefeierten, im Alter aber in Vergessenheit geratenen, erblindeten Malers Manuel Kaminski. Sein vermutlich baldiger Tod, glaubt Zöllner, werde dem Künstler noch einmal Aufmerksamkeit verschaffen – und genau dann soll sein Kaminski-Buch auf den Markt kommen. Als erstes.

Zöllners Skrupellosigkeit und Selbstverliebtheit erschließen sich dem Leser erst allmählich – und die ungewollte Selbstentlarvung zu verfolgen, bereitet ätzendes Vergnügen. Zöllner reist in das abgelegene Bergdorf, in das Kaminski sich zurückgezogen hat, und verteilt dabei reichlich Seitenhiebe auf unfähige Zugbegleiter, dröge Mitreisende, knauserige Verleger, spinnerte Künstler, schließlich die einfältigen Bekannten und die kühle Tochter des Malers, die ihn abschirmt.

Grandios ist, wie subtil Kehlmann die Diskrepanz zwischen der selbstgefälligen Weltsicht seines Ich-Erzählers und den wahren Verhältnissen herausarbeitet, ohne ihm je ins Wort zu fallen. Etwa bei der zweiten Begegnung mit der reservierten Malertochter Miriam, die Zöllner durch sein aufdringliches Verhalten schon beim ersten Besuch gegen sich aufgebracht hatte: „Ich hatte verstanden: Solange sie da war, würde ich nicht allein mit ihm sprechen können. Ich nickte langsam, sie wich meinem Blick aus. Natürlich hatte ich eine gewisse Wirkung auf sie.“

Zöllner pirscht sich mit krimineller Energie an den Maler heran, den er als kauziges Wrack wahrnimmt, und wühlt sich immer dreister in sein Leben hinein. Als er es schließlich schafft, den kranken Kaminski in seinem Haus alleine zu treffen und den auf Visite kommenden Hausarzt abzuwimmeln, ist man schon fast um den alten Mann besorgt. Aber dann nimmt das Buch noch einmal eine ganz andere Wendung und neue Fahrt auf – bis zum köstlich kruden Ende.

Daniel Kehlmann: „Ich und Kaminski“. Suhrkamp-Verlag. 174 Seiten. 8 Euro.

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