Deutschlands erste Wirtschaftsdramatikerin in Braunschweig

Braunschweig.  Das Stück „Der Fiskus“ von Felicia Zeller spielt in einem Finanzamt. Es wird am Sonnabend im Staatstheater uraufgeführt.

Die Dramatikerin Felicia Zeller.

Die Dramatikerin Felicia Zeller.

Foto: Ralf Hiemisch

Das neue Stück „Der Fiskus“ der 1970 in Stuttgart geborenen, in Berlin lebenden Dramatikerin Felicia Zeller porträtiert das Team eines baufälligen deutschen Finanzamts. Es geht um das komplizierte Steuerrecht, Betriebsprüfungen, Steuerfahndung, Steuerhinterziehung, Steuervergünstigungen. Dann entdeckt eine Mitarbeiterin namens Bea Mtinnen einen milliardenschweren Steuerbetrug…

Das Stück ist eine Auftragsarbeit des Braunschweiger Staatstheaters und wird an diesem Sonnabend, 18. Januar, um 20 Uhr im Aquarium des Kleinen Hauses uraufgeführt.

Wie kam es zu dem Auftrag des Staatstheaters?

Mit der Truppe um Dagmar Schlingmann verbindet mich eine langjährige Zusammenarbeit. Einige Schauspielerinnen sind regelrechte Zeller-Expertinnen, da sie schon mehrere Stücke von mir gespielt haben, zum Beispiel Gertrud Kohl und Saskia Petzold, die beim „Fiskus“ auch wieder mit dabei sind.

Sie bezeichnen sich als „Wirtschaftsdramatikerin“. Ich habe dieses Wort zuvor noch nie gehört. Sind Sie die erste dieser Art?

In unserer von ökonomischem Denken durchtränkten Welt braucht es eine Dichtung, mit der man nicht nur Geld verdient, sondern die sich auch inhaltlich mit Geld beschäftigt. Also habe ich auf meinem Sofa vor circa einem Jahr die „Zeller Solutions Wirtschaftsdichtung Berlin GmbH“ gegründet. Alle meine Texte stehen seither auf explizit ökonomischen Füßen.

Die Welt der Finanzämter und globalen Finanz-Transaktionen gilt als extrem trocken und kompliziert, zugleich aber auch als höchst explosiv. Was hat Sie dazu bewogen oder sogar gedrängt, sich in diese komplexe Welt hineinzuarbeiten und sie für die Bühne aufzuarbeiten?

Ich hatte schon lange den Plan, mal ein Stück über etwas richtig Langweiliges zu schreiben, da bot sich das Thema Steuern an. Gleichzeitig ist es interessant, wie ein von Banken und Anlageberatern professionell organisierter Steuerbetrug wie „Cum Ex“ aus der öffentlichen Diskussion verschwindet, weil sich niemand damit auseinandersetzen will, weil es so langweilig und trocken und durch Fachgesimpel auch schwer verständlich ist – und schwer verständlich sein soll.

Wie, wo und wie lange haben Sie für das Stück recherchiert?

Mein Onkel war Vorsteher in einem kleinen schwäbischen Finanzamt und hat mir einiges erzählt. Eine Dame der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Senatsverwaltung für Finanzen Berlin hat mir ebenfalls einige Fragen zur täglichen Arbeit im Amt beantwortet, auch habe ich mit einem Staatsanwalt geplaudert, der im Bereich Wirtschaftskriminalität tätig war. Ich habe diverse Bücher gelesen, zum Beispiel den großen Konz („1000 legale Steuertricks“), ein Standardwerk unter den Steuerratgebern, ein Buch, das mein Onkel empört zurückweist: „Desch kansch net bringen!“

Wie schaffen Sie es, so eine komplexe Materie wie etwa Cum-Ex-Geschäfte auf der Theaterbühne so zu erhellen, dass sie auch der nicht vorgebildete Theaterbesucher begreift?

Bei meiner Recherche geht es auch immer darum, wie die Leute von einem Thema erzählen. Ich interessiere mich weniger für Sachinhalte als für die Art und Weise, wie verschiedene Menschen über diese Sachinhalte sprechen oder zu sprechen versuchen. Was wird verschwiegen? Daher gibt es in diesem Stück keinen besonderen Erklär-Versuch, sondern eher ein Nicht-Versteh-Level, aber auch die Arroganz der Finanzbeamtin, die alles über das Steuerrecht weiß, aber trotz ihrer Kompetenz von ihrer Vorgesetzten zurückgepfiffen wird.

Welches Erkenntnis-Interesse liegt dem Stück zugrunde? Mit welchen Fragen und Überlegungen sollte der Besucher das Theater verlassen?

Das weiß ich doch nicht!!

Für Furore sorgt derzeit ein Buch der Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich, die den größten Finanz-Crash aller Zeiten so gut wie sicher voraussagen. Ist dieser Alarmismus berechtigt? Was halten Sie davon?

Habe das Buch nicht gelesen. Ich habe mehr so bodenständige Bücher gelesen wie „Steuern – Der große Bluff “ von Norbert Walter-Borjans, der als nordrhein-westfälischer Finanzminister mit dem Aufkaufen von Steuer-CDs aktiv gegen Steuerhinterzieher vorging.

Als Normalverdiener fühlt man sich den Machenschaften der internationalen Finanz-Jongleure hilflos ausgeliefert. Ist das so?

Die herrschenden Renditewünsche des Kapitals sind ja bereits in unserem Normalleben spürbar, wenn Mietshäuser und Ackerflächen zu reinen Spekulationsobjekten werden. Staaten werden geführt wie Unternehmen, Unternehmer werden Präsident, das ist die Herrschaft der Reichen. Menschen mit mehr Geld haben eben mehr Möglichkeiten, so sagte die Dame der Finanzverwaltung zu mir, angesprochen auf sogenannte Steuervermeidung.

Was kann man tun?

Eine progressive Steuer auf das Kapital, weltweit zu erheben, das ist die Utopie des französischen Philosophen Piketty, um mehr Gerechtigkeit in der Welt zu erlangen. Das finde ich interessant, dass hier ein utopischer Gedanke durch die Verwaltung realisiert werden soll.

Gilt dies Gefühl der Machtlosigkeit auch für Finanzämter?

Von dem tatsächlichen Cum-Ex-Fall habe ich die David-gegen-Goliath-Situation übernommen. Eine Sachbearbeiterin entdeckt den größten Steuerbetrug der Geschichte, in den sehr viele sehr mächtige Menschen verwickelt sind. Der Steuerbetrug ist gut getarnt, und sie entdeckt ihn mehr aus Zufall, nur weil sie eine Nachfrage hat. Hochkarätige Anwälte schreiben ihr jetzt täglich Drohbriefe. Sie versuchen die Frau zu verunsichern, mit Klagen zu überziehen, aber sie arbeitet einfach weiter.

Was könnte die Politik leisten, um die Finanzmärkte besser zu kontrollieren? Lässt sich der Geist noch in die Flasche zurückzwingen?

Das Finanzministerium sollte die Steuergesetze selber schreiben und nicht vom Bankenverband schreiben lassen. Steuervermeidung könnte durch eine gemeinsame europäische Steuerpolitik vermieden werden. Luxemburg, Monaco, Schweiz, Niederlande, englische Kanalinseln, man muss ja nicht mal weit reisen, um seinen Anteil am Gemeinwesen einzusparen. Leider gelingt es ja nicht einmal, eine ordentliche Finanztransaktionssteuer europaweit einzuführen.

Inwieweit erzählt Ihr Stück auch eine persönliche, menschliche Geschichte?

„Der Fiskus“ wird erzählt aus der Perspektive von fünf Finanzbeamt(inn)en, die in einem baufälligen Finanzamt ihrer Arbeit nachzugehen versuchen. Es geht um Teamarbeit und Konkurrenz, um Liebe und Trennung, um Unvermögen und Ehrgeiz. Verhalten und Schicksale der Steuerbürger werden über Bande erzählt.

Ist es auch lustig?

Das hoffe ich doch.

Sie sind eine renommierte Theaterautorin. Wie kam es, dass Sie sich dazu entschlossen haben, für die Bühne zu schreiben (und nicht etwa Romane, Fachbücher, Essays, Gedichte)?

Der Sprechakt interessiert mich, er trägt für mich mehr Information als eine Story. Ich arbeite mit einer Art Biomechanik, versuche, durch die Motorik des Sprechens Emotionen zu wecken und so den Fiskus für den Zuschauer auch körperlich erfahrbar zu machen.

Die Autoren gelten im Theatersystem als unterbezahlt. Stimmt das? Wenn ja, wie kommen Sie damit klar?

Als Wirtschaftsdramatikerin ist das natürlich ein Thema für mich. Geld, Respekt, Ruhm... Es kann nicht genug sein. Als Autorin des Theater-Bestsellers „Kaspar Häuser Meer“ komme ich bisher ganz gut klar. Es gab über 50 Inszenierungen, und ich konnte circa zwei Jahre leben, ohne zu arbeiten! Aber im Normalfall wird ein neues Stück nur einmal gespielt. Dann verdient der Autor auch nicht mehr als einmal daran. Deshalb sollte das Autorenhonorar dem Regiehonorar angeglichen werden. Wobei ich nicht weiß, wie hoch ein Regiehonorar ist. Nicht, dass ich mich durch diese Forderung verschlechtere! „Der Fiskus“ wird als nächstes am Schleswig-Holsteinischen Landestheater gespielt, und es gibt weitere Theater, die sich für das Stück interessieren.

Gibt es das klassische Drama noch oder gehört die Zukunft dem Postdramatischen?

Hach, in der Postmoderne ist alles möglich. Ob es interessant ist, ist eine andere Frage.

Was ist der nächste Coup der Wirtschaftsdramatikerin Zeller?

In Arbeit.

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