Junge Künstler zeigen in Braunschweig, was sie können

Braunschweig.  Beim Rundgang der HBK stellen 35 Diplomanden ihre Abschlussarbeiten vor.

hbk diplome

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Foto: Martin Jasper / Jasper

Der Künstler ist unermüdlich. Wie Sisyphos. Doch während der antike Held auf ewig einen Stein den Berg hinauf wuchten muss, nur damit er wieder herunter kullert, ist Jean Sikiaridis mit einem Schneeschieber zugange. Damit hebt er Schaum, der aus einer Maschine quillt, hoch an die Wände eines vergitterten Raumes. Er will ihn in einen Schaum-Raum verwandeln. Mit ihm darin. Also in einen Schau-Schaum-Schaufel-Raum.

„Es ist ein ständiges Scheitern“, sagt Sikiaridis lakonisch. Und zwar so, dass man schon als Betrachter nervös wird: Entweder fällt der Schaum gleich wieder runter, oder er haftet eine Weile, um sich dann zeitlupenartig vom Gitter zu lösen und herab zu schweben. Im Zusammenspiel mit einem blinkenden Kinder-Seifenblasen-Automaten ist die performative Installation für den Künstler ein Bild für die ständig aufschäumende, wabernde, nie zu fixierende, zerfallende Ausbildung von Meinungen im öffentlichen Raum.

Sikiaridis’ Raum ist in der Ausstellung von 35 Diplomarbeiten der Freien Kunst in den höheren Etagen der Kunsthochschule verborgen. Die meisten finden sich in der Montagehalle hinter dem Hauptgebäude, einige auch im Nebengebäude an der Blumenstraße und im Artmax an der Frankfurter Straße. Die Ausstellung im Rahmen des jährlichen Rundgangs wird heute eröffnet.

Es sind durchweg ehrgeizige Talentproben von einiger Originalität, oft raumgreifend. Vieles freilich beruht – wie oft in der heutigen Szene – auf sehr individuellen Konzepten, welche ohne Erklärungen aus erster Hand nicht entschlüsselbar sind. Insofern sei es geraten, die Künstler, sofern anwesend, auf ihre Werke anzusprechen. Sie sind allesamt freundlich zugewandt.

Ein eigensinniges Konzept verfolgt auch Hae Kim. Er schmirgelt von allen Seiten aller Bücher, die er liest, das Gedruckte ab. Die Bücher stellt er so entleert auf Regale, den abgeschliffenen Seitenstaub sammelt er in Behältnissen, in denen dieser eine Art fein strukturiertes Mehl ergibt (das Kim leider nicht ausstellt, obwohl es von hohem ästhetischem Reiz sein dürfte). Seine Art des abschleifenden Lesens will der Künstler fortsetzen „bis zu meinem Lebensende“. Kunst als Lebenshaltung: Was bleibt wirklich von dem, was in den Büchern steht?

Mit einer Art Flower-Power-Wucherung hingegen reagiert Pascal Hubrich auf die Verworrenheit des Lebens und „extreme Identitäten“. Sein dschungelartiger Raum von ekstatischer Buntheit voller Körper und Körperbilder von diffuser sexueller Zuschreibung, aber auch voller spiritueller Symbolik verweist auf queeren Trubel und Sehnsucht nach Harmonie. Der Künstler stülpt sich eine blumige Riesenhand über den Oberkörper. Das wirkt regressiv, ist aber wohl arg unbequem. Hubrich zeigt Striemen an seinen Armen. Auch diese Kunst, so scheint es, ist bei aller vordergründiger Heiterkeit existenziell motiviert.

Eine Art feministisches Hexenwerk bewegt Julia Sophia Lökenhoff. In ihrem Raum sind drei rote weibliche Torsi, welche ein Feuer löschen ­– durch Pinkeln. „Das machen sonst nur Männer“, sagt die Künstlerin. Lea Schürmann geht sehr privaten Traumata nach. Den Polo ihres Ex-Freundes hat sie in einem trostlos abstrahierten Schauraum eines Autohauses aufgebockt. Total entkernt. Da öffnet sich mit düster rumorendem Klang eine karge, höhlenartige Innenwelt.

Nebenan suggeriert Christian Holl mit einer wuchtigen Kette in einem grün beleuchteten Raum, abgeschirmt durch eine Scheibe, unheimliche Assoziation von Zelle, Gefangenschaft, Kontamination.

Klangkunst mit verblüffenden Effekten liefern Jakob Gardemann mit einer zeltartigen Höhle, auf die es vermeintlich regnet und in der es je nach Lichtquelle zu rascheln und rauschen beginnt, sowie Tim-Dominik Matuschke, der Kieselsteine und einen Eisblock zum Klingen bringt.

Aber auch die Malerei ist mal wieder nicht totzukriegen. Da ist vor allem zu nennen Gila Epshtein mit ihren meisterlichen hohen Leinwänden, bemalt mit Braunschweiger Hausfassaden in jenem abendlichen Moment, in dem das Sonnenlicht schwindet und in den Fenstern warm und heimelig, aber zugleich auch abweisend das Licht angeht.

Natürlich gibt es noch viel mehr zu sehen. Lohnt sich (bis 14. Juli).

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