Georg Maercker, Krieger des Deutschtums

Braunschweig.   Claus Kristen legt die erste Biografie des Freikorps-Führers vor, der 1919 die sozialistische Regierung in Braunschweig stürzte.

General Georg Maercker mit seinem Stab nach dem Einmarsch in Braunschweig.

General Georg Maercker mit seinem Stab nach dem Einmarsch in Braunschweig.

Foto: Stadtarchiv Braunschweig

Sein Begräbnis 1925 in Dresden war ein Großereignis. „Ungezählte Tausende strömten am 3. Januar vor der Kapelle auf dem Tolkewitzer Friedhof zusammen. Fahnen über Fahnen und Standarten über Standarten“, berichtet ein Zeitgenosse. Damals war Georg Maercker ein populärer Militär, vielen galt er als Held.

Das Braunschweiger Bürgertum hatte ihm zugejubelt, als er im April 1919 mit seinem Freikorps in die Stadt einmarschiert war und die sozialistische Regierung entmachtet hatte. Ähnlich war es in Berlin, Magdeburg, Leipzig und anderen deutschen Metropolen, in denen „der Städte-Bezwinger“ spartakistische Aufstände niederschlug.

Doch so hohes Ansehen Maercker in konservativen Kreisen als Revolutionsbremser und eiserner Militär im Weltkrieg und in deutschen Kolonien genoss – wenige Jahre nach seinem Tod war er weitgehend vergessen. In historischen Studien taucht er nur am Rande auf, biografische Angaben waren lediglich verstreut zu finden, geschweige denn eine Biografie – wie Claus Kristen feststellte, als er sich vor einigen Jahren für Maercker zu interessieren begann.

Seine Neugier hatte zwei Gründe: die Bezüge Maerckers zur Braunschweiger Novemberrevolution und ein persönliches Interesse an der deutschen Kolonialzeit. „Vor einigen Jahren war das noch ein vergleichsweise wenig erforschtes Thema. Das hat mich gereizt, umso mehr als ich entdeckte, dass Maercker da eine wichtige Rolle gespielt hat“, erzählt der 66-jährige Mitgründer des Guten-Morgen-Buchladens im Braunschweiger Univiertel. Vor einem Monat ist er dort in den Ruhestand gegangen. Zuvor hatte er nach mehr als siebenjähriger Recherche- und Schreibarbeit die erste Biografie Georg Maerckers vorgelegt: „Ein Leben in Manneszucht“. Flüssig geschrieben, zeichnet sie einen Lebensweg nach, der viel über das Welt- und Menschenbild führender Nationalisten in der Kaiserzeit aussagt.

Maercker entstammte einer preußischen Beamtenfamilie. Der Vater kämpfte 1871 im deutsch-französischen Krieg. Er starb, als Georg sechs Jahre alt war. Mit zehn Jahren begann dessen Ausbildung in Kadettenanstalten, die seine militärische Laufbahn vorbereitete.

Die Begeisterung der Kaiserzeit für alles Militärische hing auch mit der Prägung des Heeres durch den Adel zusammen, der in dieser Bastion eine Möglichkeit sah, seine schwindende gesellschaftliche Dominanz zu wahren, wie Kristen ausführt. Das konservative Bürgertum habe dem Adel bedingungslos nachgeeifert und den Nationalismus verabsolutiert – Maercker sei dafür ein schlagendes Beispiel: „Tief eingewurzelt in unseren Herzen ist der nationale Stolz“, schrieb er.

Nach dem Abschluss der Kadettenanstalt wird Maercker als Leutnant in der Provinz eingesetzt, was er wenig erfüllend findet. Der körperlich schmächtige Mann will sich auszeichnen. Gelegenheit dazu sieht er in den jungen ost- und westafrikanischen „Schutzgebieten“ des Reiches. Dort beweist er sich als fähiger Kundschafter und Landvermesser, nimmt aber auch an Gefechten teil. Von 1904 bis 1907 ist er in die blutige Niederschlagung der Aufstände von Hereros und Nama in Südwestafrika involviert.

Dabei geht er, durchdrungen von „rassischer Höherwertigkeit“, durchaus brutal vor: „Auch für Afrika gilt der Satz, dass das rücksichtsloseste Vorgehen auch wieder das gelindeste, weil am schnellsten wirksamste ist“, zitiert Kirsten den Major. Allerdings habe Maercker – anders als Generäle wie Lothar von Trotha ­ – keine auf völlige Vernichtung einheimischer Stämme ausgerichtete Strategie verfolgt.

Aus Afrika wird Maercker – eher widerwillig – als Inselkommandant nach Borkum versetzt, wo er nach Kriegsausbruch vergeblich auf Kampfeinsätze hofft („Nun fehlt bloß noch eins – der Feind!“). Als sein Bruder Julius im Osten fällt, dankt er dem lieben Gott für dessen „wundervollen Soldatentod“.

Schließlich wird auch Georg als Kommandant an die Ost- und Westfront beordert. Im Stellungskrieg schickt er hunderte Soldaten in den Tod, räumt in Briefen an seine Muter aber auch ein, dass ihn nachts deswegen Albträume quälten. Dennoch seien die Befehle unausweichlich: Aufgabe von Offizieren etwa sei, „ihrer Mannschaft vorzusterben“. 1917 wird Maercker zum Generalmajor befördert.

Nach Kriegsende stellt er ein Freikorps zusammen – und verhält sich loyal zur sozialdemokratischen Regierung, die aufgrund der praktisch aufgelösten Reichswehr auf seine Verbände zurückgreift, um gegen Sozialisten und Kommunisten vorzugehen – wie in Braunschweig. Maercker betont, zwar überzeugter Monarchist, als Militär aber unpolitisch zu sein.

Während des Kapp-Putsches gerät diese Loyalität an ihre Grenzen. Als Regierungsmitglieder in seine damalige Basis Dresden fliehen, liefert er sie nicht an die Putschisten aus, tritt diesen aber auch nicht entgegen. 1920 wird er daraufhin aus der neu konstituierten Reichswehr entlassen. Vier Jahre später stirbt er nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 59 Jahren.

Kirsten geht in seiner Biografie fair mit Maercker um. Er zeigt seine Fähigkeiten, seine Unbestechlichkeit, einen gewissen Gerechtigkeitssinn – aber auch die eifernde Bereitschaft, einem bedingungslosen Nationalismus alles zu opfern: das Leben seiner Soldaten, dasjenige von Gegnern und „Negern“ erst recht. Eine historisch verhängnisvolle Haltung, deren Entwicklung Kristen am Beispiel einer geradezu idealtypischen Persönlichkeit lesenswert herausarbeitet.

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