Warum Ferdinand von Schirach sich nicht erschoss

Braunschweig.   Der Bestsellerautor spricht im vollbesetzten Braunschweiger Staatstheater sehr ernst über sein Leben und die Würde des Menschen.

Ferdinand von Schirach (rechts) im Gespräch mit Dramaturg Alexander Kohlmann.

Ferdinand von Schirach (rechts) im Gespräch mit Dramaturg Alexander Kohlmann.

Foto: Markus Hörster / BestPixels.de

Der Beginn ähnelt einer Trauerfeier: Ein schwarz gekleideter Herr steht an einem schwarzen Pult. Mit ruhiger Stimme erzählt er über die Kindheit eines Dritten. Bald zeigt sich: Der Dritte ist er selbst. Ferdinand von Schirach berichtet am Samstag im vollbesetzten Großen Haus des Staatstheaters in der Er-Perspektive aus seinem Leben. Sachlich, distanziert.

Treibjagden, Besuch von Tanten, die er mit Handkuss begrüßte, Sitzen auf der chinesischen Brücke am Teich. So skizziert er die ersten Jahre. „Es gibt keine glückliche Kindheit, die Dinge sind zu kompliziert“ heißt es in seinem Buch „Kaffee und Zigaretten“ – als ob das eine Wahrheit wäre, an der nicht zu rütteln ist.

Im Jesuiteninternat, heißt es weiter, hatte er den Eindruck, er gehöre nicht dazu. Der Strafverteidiger und Bestsellerautor („Der fall Collini“, „Terror“) berichtet, wie er mit 15 die Beerdigung seines Vaters erlebte, den er viele Jahre nicht mehr gesehen hatte; wie er Wochen später eineinhalb Flaschen Whiskey trank, sich den Lauf eines Gewehres in den Mund steckte und abdrückte.

Am nächsten Morgen erwachte er in Erbrochenem. Er war so betrunken, dass er keine Patrone eingelegt hatte. „Er spricht mit niemandem über diese Nacht, in der er sich selbst gesehen hat.“ Als er 18 ist, möchte seine Freundin wissen, warum er ist, wie er ist. „Wie soll ein heller Mensch das Dunkle begreifen, denkt er.“

Der 55-Jährige geht nicht mit Leichtigkeit durchs Leben. Das wird deutlich. Im Gespräch mit Dramaturg Alexander Kohlmann sagt von Schirach: „Ich habe so wahnsinnig viele Fehler gemacht; Dinge, die man nicht mehr reparieren kann. Trotzdem hilft das nicht, sich selbst zu erkennen und alles richtig zu machen.“ Eine Nachfrage wehrt er geschickt ab: „Aber ich erzähle Ihnen jetzt noch was anderes.“ Viel Nähe ist nicht in seinem Interesse.

So erfährt man in den 90 Minuten vor allem Individuelles über Dritte. Etwa über Otto Schily, in dessen Kanzlei er arbeitete. „An Heiligabend kam er immer ins Sekretariat. Er setzte sich auf die Kante des Schreibtisches, beugte sich runter und fragte: Frau Meyer, wie geht es Ihnen denn so privat? Die Sekretärinnen hatten wahnsinnige Angst vor diesem Termin.“

Er erzählt über Regisseur Michael Haneke, ein Vorbild in künstlerischer Hinsicht, über den Dienstwagen von Helmut Schmidt, dessen Teppich voller Brandlöcher war, und über Schauspieler Lars Eidinger. „Im Rang stand während ,Richard III.’ mal ein Zuschauer auf. Eidinger sprach ihn an. Er müsse aufs Klo, sagte der Mann. ,Gut, wir warten.’“

Ferdinand von Schirach hält auch einen Vortrag, warum er schreibt. Der beginnt im 11. Jahrhundert mit dem Machtkampf zwischen Heinrich IV. und Papst Gregor VII. und mündet in das Eintreten für eine europäische Verfassung mit Zukunftszielen, etwa einem Anspruch der Bürger auf eine intakte Umwelt. „Und warum sollten wir nicht festlegen, dass wirtschaftliche Interessen stets hinter den universalen Menschenrechten zurücktreten müssen?“

Er spricht über Freiheit und Würde. Dazu gehöre auch, friedlichen Dissens auszuhalten. „Tatsächlich können wir nie letztgültig wissen, was wahr und was falsch ist.“ Das sei ein wichtiger Grund für ihn zu schreiben. „Meine Bücher versuchen, die Würde des Menschen, seine Vielfalt und Freiheit zu verteidigen. Der Reichtum einer Gesellschaft ist doch immer die abweichende Meinung, das Ungewohnte und Unbequeme.“

Die Zuhörer schreckte das nicht ab. Beim anschließenden Signieren gab es eine lange Schlange.

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