Mythos Hitlerjugend – Zwischen Propaganda und Wirklichkeit

Braunschweig.   Eine Wanderausstellung im Braunschweigischen Landesmuseum zeigt, dass die Realität der HJ nicht dem offiziellen Bild entsprach.

Marsch des Jungvolks Lippstadt durch Rüthen im Sauerland, um 1944. Das Jungvolk umfasste innerhalb der Hitlerjugend die Zehn- bis 14-Jährigen.

Marsch des Jungvolks Lippstadt durch Rüthen im Sauerland, um 1944. Das Jungvolk umfasste innerhalb der Hitlerjugend die Zehn- bis 14-Jährigen.

Foto: Stadtarchiv Lippstadt / Bestand Nies

Bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 hatte die Hitlerjugend lediglich rund 2000 Mitglieder. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, war sie durch aggressive Mitgliederwerbung und die Wahlerfolge der NSDAP mit gut 100.000 Mitgliedern bereits die größte Parteijugendorganisation in Deutschland. Ende 1939 zählte sie fast neun Millionen Mitglieder.

„Das rasante, durch Verordnungen und sozialen Druck forcierte Wachstum stellte die HJ auch vor Probleme: Es fehlte an vielem, vor allem an jugendlichen Führern und Unterkünften“, sagt der Historiker Dr. Martin Rüther vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Mehr als drei Jahre hat er für das Projekt „Jugend im Gleichschritt!? Die Hitlerjugend zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ geforscht. Ab Dienstag ist die Wanderausstellung im Braunschweigischen Landesmuseum zu sehen.

In der NS-Propaganda wirken HJ-Verbände perfekt durchorganisiert, dynamisch und akkurat uniformiert. Doch der Eindruck trüge, betont Rüther. „Ihre Uniformen mussten die Jugendlichen beziehungsweise deren Eltern selbst finanzieren. Sie waren relativ teuer.“ Auf privaten Aufnahmen sehe man, dass bei weitem nicht alle HJ-Mitglieder sich das leisten konnten. Sie wurden bei Aufmärschen in hinteren Reihen versteckt; mussten wohl auch den Spott bessergestellter Kameraden ertragen, wie Jugendliche heute, denen es an angesagten Markenkleidung mangelt.

Die Hitlerjugend war lange kein Muss. Allerdings sei der soziale Druck beizutreten hoch gewesen, sagt Rüther. Beamte mussten ihre Kinder anmelden, öffentlich Beschäftigten wurde es nahegelegt, viele Arbeitgeber machten es zur Voraussetzung für eine Lehrstelle.

Jugend im Gleichschritt - Ausstellung im Landesmuseum
Jugend im Gleichschritt - Ausstellung im Landesmuseum

Die samstägliche Befreiung vom Schulunterricht für Zehn- bis 14-jährige HJ-Mitglieder zugunsten des 1934 eingeführten „Staatsjugendtages“ habe aber auch zu einer großen freiwilligen Beitrittswelle geführt, so Rütter. Auch HJ-Lager und -Fahrten fanden viele Jugendliche attraktiv. Mit Antritt einer Arbeitsstelle hätten allerdings zahlreiche Mitglieder der Organisation wieder den Rücken gekehrt, gerade junge Frauen. Der Bund Deutscher Mädel (für 14- bis 18-Jährige) als Teil der HJ habe relativ wenige Mitglieder gehabt.

„Gerade auf der unteren Ebene fehlte es der HJ an Führungskräften“, sagt Rüther. Denn Fähnlein- oder Scharführer zu sein, war ein Ehrenamt – aber mit viel Arbeit verbunden: etwa dem Eintreiben von Mitgliedsbeiträgen, der Organisation von Heimabenden, der Akquise und Pflege der Quartiere. „Ein Grundsatz der Hitlerjugend lautete: Jugend führt Jugend. Teilweise mussten aber auch Lehrer oder junge Erwachsene dazu verpflichtet werden“, sagt Rüther.

In Braunschweig wurden zwei Akademien für hauptamtliche HJ-Führer eingerichtet: die Gebietsführerschule Peter Frieß für die mittlere Ebene stand auf dem Gelände des heutigen Studentenwohnheims Schuntersiedlung. Die Akademie für Jugendführung an der Wolfenbütteler Straße (das heutige Kolleg) war als höchste nationale Ausbildungsstelle für HJ-Führer geplant. Die Ausbildung sollte ein Jahr dauern, Absolventen mussten sich zu zwölf Jahren HJ-Dienst verpflichten. Im August 1939 wurde sie eingeweiht, im September begann der Angriff auf Polen. Der erste Jahrgang und fast alle Dozenten wurden eingezogen, der Lehrbetrieb kam nie ins Laufen. Zwei Vitrinen greifen in der Ausstellung diesen lokalen Aspekt auf.

Im ersten Kriegsjahr wurde die HJ-Mitgliedschaft verpflichtend. Für 16- bis 18-Jährige wurde eine zwölfmonatige Ausbildung am Gewehr und im Gelände eingeführt. „Der eigentliche Zweck der HJ, die Vorbereitung auf den Kriegsdienst, wurde offensichtlich“, sagt Rüther. Zunehmend wurden Mitglieder zur Arbeit in der Rüstungsindustrie und zu anderen Kriegsdiensten verpflichtet. Ab 1942 wurden 16-Jährige in dreiwöchigen HJ-Wehrertüchtigungslagern auf den Fronteinsatz vorbereitet. Fanatisiert, aber schlecht ausgebildet, rannten viele schnell in den Tod, sagt Rüther.

Die Ausstellung informiert anhand von gut drei Dutzend Stelltafeln darüber, prägnant betextet und mit vielen Fotos und Grafiken bestückt. Historische Originalobjekte wie das Projektionsgerät „HJ-Bildwerfer“ für Heimabende allerdings bietet sie nur wenige.

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