Als Europa brodelte

Konferenz in Braunschweig über das Jahr 1848

Was bedeutet 1848? Reflexartig fällt einem die Frankfurter Paulskirche ein. Dass aber die Revolution kein genuin deutsches, sondern ein europäisches Ereignis war, wird oft vergessen. Um die Bedeutung dieses Datums bemühten sich auf einer Tagung im Braunschweiger GeorgEckert-Institut für Schulbuchforschung 37 Lehrer und Historiker aus 15 Ländern. Veranstalter waren Europarat und Auswärtiges Amt.

Professor Dr. Dieter Langewiesche aus Tübingen eröffnete in seinem Einführungsvortrag die Deutungsperspektive. Ohne die "zuvor nicht gekannte Informationsdichte" durch Zeitungen, die Grenzüberschreitung von Nachrichten, und ein ausgeprägtes Partei- und Vereinswesen, das auch Frauen politische Meinungsäußerung erlaubte, sei 1848 undenkbar. Die "Politisierung der Gesellschaft" begann durch die "Europäisierung der Information".

1848 forderte der Prager Slawenkongress die "Gleichstellung aller Nationalitäten". Ohne Konflikte war Autonomie jedoch nicht zu haben. Ein Wiener Student formulierte, was viele damals dachten, dass nämlich "die Freiheit des einen die Unfreiheit des andern" bedeutet. "Konkurrierende Gebietsansprüche", so Langewiesche, führten dazu, dass der Integrationsgedanke in Sezessionskriege umschlug. Demokratisierung war das Ziel der Revolution, Nationalismus ihre Kehrseite.

Was nach den Barrikadenkämpfen 1789 in Frankreich Angst und Schrecken verbreitete, der Guillotinen-Terror, sollte vermieden werden. 1848 war, so Langewiesche, eine "Verfassungsrevolution". Aber zur Demokratisierung gehört der Machtverlust der Herrschenden. So schlug die Konterrevolution zurück. Was als Traum von einem friedlichen, vereinten Europa begann, endete auf dem Schlachtfeld.

Beispiel Habsburg: Hier waren sich Serben und Kroaten, Tschechen und Slowaken zwar einig gegen die ungarische Krone und den Deutschen Bund. Untereinander aber blieb der Zwist. Beispiel Posen: Die Bevölkerungsmehrheit war polnisch, im Westen aber deutsch. Preußen schickte zur Klärung Militär. Beispiel Italien: Lombardei und Venetien gehörten zu Habsburg, Tirol zum Deutschen Bund. Österreich beendete das Freiheitsstreben blutig. Nur die Norweger trennten sich ohne kriegerische Auseinandersetzungen von Schweden.

Dr. Rainer Riemenschneider vom Georg-Eckert-Institut nennt 1848 ein europäisches Ereignis, das zwar alle erfasste, aber nicht überall gleichermaßen stattfand. Russland etwa war für Veränderungen noch nicht bereit, griff aber mit Waffengewalt in Ungarn ein. Auch gab es "unterschiedliche Trägerschichten". In Südeuropa ging es eher um die Befreiung der Bauern. In Deutschland war die Revolution vor allem national orientiert. In Frankreich dagegen wurde für politische Partizipation gestritten, die nationale Frage war bereits gelöst. Die Gemeinsamkeiten und Differenzen herauszuarbeiten, war Aufgabe der Konferenz.

"Wir wollen zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Wurzeln der europäischen Geschichte in den Schulen lehren", sagt Alison Cardwell, Vorsitzende der Historischen Kommission des Europarats. Es folgen vier weitere Konferenzen in anderen Städten Europas, zum Schluss eine Tagung zu 1989. Auf fünf CDs werden die Ergebnisse für Lehrzwecke dokumentiert.

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