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Sechs Autoren haben auf unserer Regionsseite eine eigene Kolumne: Susanne Jasper, Jacqueline Carewicz, Birte Reboll, Harald Likus, Thomas Parr und Tessa Cordes.

Ich bewege mich ohne Furcht bei Tag und Nacht

Wie werden wir eines Tages den wahren Rassismus erkennen, wenn schon jede mehr oder wenige belanglose Rederei rassistisch sein soll?

Wenn ich in den Zeitungen blättere, beunruhigt mich die strapazierte Verwendung des Wortes „Rassismus“. Politikern wird Rassismus vorgeworfen, Unternehmen müssen wegen Auseinandersetzungen zwischen den Mitarbeitern Stellung beziehen.

Wie werden wir eines Tages den wahren Rassismus erkennen, wenn schon jede mehr oder wenige belanglose Rederei rassistisch sein soll? Der Alltag eines Ausländers ist auf der ganzen Welt vergleichbar, aber die Darstellung in den Medien ist von Land zu Land unterschiedlich. Außer Diskotheken, die eine Welt für sich sind, betrete ich als Schwarzer selbstverständlich alle Läden und Restaurants in Deutschland, ich bewege mich ohne Furcht bei Tag und Nacht in Braunschweig.

Ist es wichtig, diesem Phänomen so viel Platz in den Medien einzuräumen, wenn der Staat mich als Ausländer schützt, wenn es so viele Unternehmen gibt, die bereits sind, mich einzustellen? Eine Tür schließt sich, eine andere öffnet sich. Es ist unmöglich unterschiedliche Menschen dazu zu zwingen, sich zu lieben. Aber die Rahmenbedingungen können sie dazu zwingen, sich zu ertragen. Nicht alle Mitarbeiter mögen ihre Chefs, und die Chefs mögen nicht alle ihre Mitarbeiter, aber sie müssen sich ertragen, weil es um eine gemeinsame Sache geht: ihr Brot.

Wie sieht es für mich als Ausländer in Deutschland aus? Nach dem jüngsten Attentat in Wien, riet ein deutscher Student seinem arabischen Kommilitonen, nicht danach zu streben, nach dem Studium in Deutschland zu leben: „Europa wird sich sicherlich reorganisieren. Leute wie du werden es schwer haben.“ Als der arabische Student mir davon erzählte, sagte ich: „Das Leben ist voller Gefahren. Du kannst nie wissen, was du morgen erleben wirst. Das Wichtigste ist, den Trend in der Gesellschaft zu erkennen. Ich habe während meines Studiums Praktika absolviert. An meinem ersten Tag in einer Maschinenbaufirma brachte mich der Meister zu einem Mitarbeiter, den ich hier M. nenne, und bat ihn, mich einzuarbeiten. Kurz nachdem der Meister sich zurückgezogen hatte, winkte M. mich zu sich heran. Er blätterte in einem Stapel Papier, holte ein Blatt hervor und sagte: „Schau mal hier. Siehst du?“ Ich warf einen Blick auf das Blatt und las: Einbürgerungsurkunde. Vorname: Adolf, Name: Hitler. „Das ist mein Onkel“, sagte er. Achselzuckend entgegnete ich: „Na und? Das ist mir egal.“ Ich war weder beleidigt, noch empört. Ich fand die Aktion dumm von ihm, weil er damit seine Stelle riskierte, wenn ich seinem Vorgesetzten das berichtet hätte. Egal, was seine Chefs persönlich davon hielten, diese Aktion hätte für ihn Konsequenzen. Und für mich auch! Wie hätte ich dort weiterhin arbeiten können? Wie wäre das Arbeitsklima dann? Was hätten seine Kollegen von mir gehalten? Ich hatte sechs Wochen vor mir, davon musste ich zwei in seiner Abteilung verbringen. Trotzdem haben wir uns acht Arbeitstage lang gut verstanden, bis ein Mitarbeiter der Firma mit einer Kamera vorbeiging und ich ihm zurief, er solle uns beide fotografieren, damit M. seinen Freunden zeige, mit wem er arbeite. M. wollte nicht. Ich hielt ihn fest, und das Foto wurde gemacht. Er war sauer und redete die letzten beiden Tage nicht mehr mit mir. War es tatsächlich seine politische Einstellung, oder wollte er mich nur einschüchtern? Daran wollte ich meine Gedanken nicht verschwenden.

Rassismus hin, Rassismus her, es ist nur wichtig, den eigenen Weg zu finden, ohne sich unnötig psychisch zu belasten. Deshalb erzählte ich meinem arabischen Freund noch eine Erfahrung: Ich hatte nach einem Vorstellungsgespräch in einem beratenden Unternehmen eine Absage bekommen. Ich rief den Chef persönlich an und fragte, ob er ehrlich sein und mir den Grund der Absage sagen könne – von Mann zu Mann. Er sagte: „Erstens, Sie haben kein großes Interesse gezeigt. Zweitens: Es ist ein Risiko für uns. Sie sind kein gebürtiger Deutscher, wir kennen Ihr Sprachvermögen nicht, und wissen nicht, wie unsere Kunden auf Sie reagieren werden.“ Ich habe mich bedankt und beschlossen, mich selbstständig zu machen.

Luc Degla studierte im Benin Mathematik und in Moskau und Braunschweig Maschinenbau. Der freie Autor lebt in Braunschweig. In seiner Kolumne beschreibt er sein Leben mit den Deutschen.

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