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Sechs Autoren haben auf unserer Regionsseite eine eigene Kolumne: Susanne Jasper, Jacqueline Carewicz, Birte Reboll, Harald Likus, Thomas Parr und Tessa Cordes.

„Einer trage des anderen Last“

Kolonialwaren? Das waren Läden, die speziell in der Kaiserzeit Lebens- und Genussmittel anboten, die aus fernen Ländern importiert wurden.

Alte Inschriften auf Hausfassaden: Botschaften aus einer versunkenen Welt. Sie sind selten geworden. Nur ganz wenige haben den Bombenkrieg oder den Sanierungsfuror der späteren Nachkriegsjahre überstanden. Und ebenso selten werden diese Zeugen der Vergangenheit von heutigen Immobilien-Besitzern restauriert oder gepflegt. Aber es gibt Ausnahmen.

Wer etwa die Frankfurter Straße stadteinwärts rollt, der entdeckt vor dem leichten Linksbogen in den Cyriaksring hinein – vielleicht vor der dortigen Ampel wartend – beim Blick nach rechts eine Besonderheit. An dem Eckhaus Schöttlerstraße 21 ist eine wohl erst vor kurzem freigelegte und recht verwitterte Schrift zu sehen: „Wilhelm Siedentopf“. Und an der seitlichen Wand neben dem Eingang steht der Hinweis: „Kolonialwaren.“

Kolonialwaren? Tiefste Vergangenheit! Das waren zunächst Läden, die speziell in der Kaiserzeit vor 1918 Lebens- und Genussmittel anboten, die aus fernen Ländern importiert wurden, auch aus damaligen deutschen Kolonien (wie Südwest-Afrika, Ostafrika, Togo, Kamerun). Etwa Reis, Gewürze, Kaffee, Tee, Zucker, Kakao, Nüsse, Bananen. Bis Ende der 1960er-Jahre wurde der Begriff „Kolonialwaren“ noch verwendet, obwohl die meisten dieser kleinen Geschäfte längst Lebensmittel aller Art anboten – unabhängig vom Herkunftsland. Und darüber hinaus auch Seife oder Waschmittel. Kurz: Sie entsprachen weitgehend dem so oft zitierten „Tante-Emma-Laden“, den es in jeder Straße gab. Sie gehörten damit zum Netz jener Geschäfte (wie auch Bäcker oder Schlachter), in denen die Bürger in sämtlichen Stadtteilen Braunschweigs alles einkaufen konnten, was zum Alltag nötig war. Und zwar zu Fuß erreichbar. Innerhalb von zehn bis fünfzehn Minuten. Ohne in die Innenstadt zu müssen oder gar mit dem Auto (wie heute üblich) zu einem Supermarkt zu fahren.

Diese Normalität von gestern wächst übrigens gerade wieder zum Denkmodell für morgen heran. Zielrichtung: Statt den Einkauf in der Innenstadt zu erledigen, finden die Einwohner alles Wesentliche in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung. Dies Konzept schlägt beispielsweise auch eine Studie der Pariser Sorbonne unter dem Titel „segmentierte Stadt“ für die Zukunft vor. Aber zurück zum „Thema Hausinschriften“. Wer in Braunschweig mal auf Entdeckungstour gehen möchte, der kann eine ganze Reihe solcher Dokumente der Zeitgeschichte aufspüren. Manche sind indes fast unlesbar. Wie etwa in der Bertramstraße 54 im Hof vom „Ristorante Mediterraneo“ (früher Gasthaus „Zu den vier Jahreszeiten“). Dort ist – wenn auch nur mit großer Mühe – über dem Schuppeneingang zu entziffern: „Automobil Reparatur“.

Zwei Häuser entfernt steht an der Seitenwand von Nummer 52: „Reichhardt’s Restauration“. Ein Lokal, das es in der Kaiserzeit gab! Und noch ein Beispiel – nur etwa 300 Meter weiter weg an der Leonhardstraße 25 a. Das Hinterhofgebäude, in dem sich heute ein Büro der „Öffentlichen Versicherung“ befindet, trägt im Giebel ein merkwürdiges Emblem: „Rindu Compagnie“. Daneben das Porträt eines Bauern (oder Farmers) und der Kopf einer Kuh oder eines Stiers. Was das bedeutet? Dort befand sich einst die Fleischextrakt-Firma der Fabrikantenfamilie Fritzsche. Und gleich noch ein Schmuckstück von der Böcklerstraße 16: „Gustav Fischer. Bäckerei und Conditorei“ steht da in goldfarbenen Buchstaben. Doch Brot, Brötchen, Kuchen gibt es dort schon Jahrzehnte nicht mehr. Und damals hieß diese Straße noch Salzdahlumer Straße.

Auch in der Schuhstraße haben sich Inschriften erhalten. Etwa in Nummer 7 der Hinweis „Aug. Klapproth Kaffeee Rösterei“ an der östlichen Hauswand, die hoffentlich nicht dem unseligen Burgpassagen-Ausbau zum Opfer fällt. Am stattlichen Gebäude von „Peek und Cloppenburg“ ist noch die alte, mit nobler Goldschrift in den Stein eingravierte Reklame der traditionsreichen Firma E. F. Witting zu sehen: „Damenmäntel, Kleider, Kindergarderobe, Herrenmode, Manufactur-mode, Seidenwaren, Confection.“ Und gleich um die Ecke am Kohlmarkt Nummer 19 (heute Brax) wurde vor einigen Jahren unter einer Fassadenabdeckung eine Inschrift freigelegt, die auf eine jüdische Kaufmannsfamilie hinwies: „Teppiche – P. J. Blank – Hoflieferant – Möbelstoffe“.

All das sind Reste einer Werbung von gestern. Leider verschwindet allmählich diese bunte Vielfalt, die auch als Ausdruck einer bestimmten Kulturlandschaft gelten darf. Etwas besser erging es dem Fassadenschmuck an einigen stattlichen Bürgerhäusern und Villen. Da leuchten auch jetzt noch Wappen oder Zierformen wie Girlanden, Engel, Monogramme, Jahreszahlen und ein Gruß wie „Salve Hospes“. Am Eckhaus Jasperallee/Stadtpark liest man im Giebel sogar die mahnende Botschaft „Einer trage des anderen Last“. Eine Botschaft, die zur Corona-Zeit passt.

Eckhard Schimpf erzählt jeden zweiten Sonnabend Geschichten aus seiner Heimatregion und über ihre Menschen.

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