Crime-Serie: In Weser ertränkt – der grausame Tod der Andrea K.

Schöningen.  Der Fall der Schöningerin sorgt bundesweit für Aufsehen: Die junge Frau wurde lebend in der Weser ertränkt. Spuren führen ins Rotlichtmilieu.

Auf dem St. Stephanie Friedhof in Helmstedt hat Andrea K. ihre letzte Ruhe gefunden

Auf dem St. Stephanie Friedhof in Helmstedt hat Andrea K. ihre letzte Ruhe gefunden

Foto: Katrin Schiebold

Am 2. März postet Andrea K. ein kurzes Video bei Facebook: Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und dunklen Nagellack, die braunen Augen sind mit Kajal geschminkt. Ihre Hände fahren durch die Luft, wischen anmutig über ihr Gesicht. Ihre Lippen formen Wörter, als singe sie stumm, bewegen sich zu düsterer Musik. Lächelt sie? Ist ihr Blick schwer und traurig? Es ist ihr letzter Eintrag in dem sozialen Netzwerk. Gut einen Monat später ist die junge Frau aus Schöningen im Landkreis Helmstedt tot.

Die 19-Jährige wurde gefesselt und mit einer Steinplatte im Schleusenkanal bei Balge an der Weser lebend versenkt, das Opfer eines unfassbaren Verbrechens. Warum?

Der Fall Andrea K. führt die Ermittler in menschliche Abgründe, in die Verstrickungen des Rotlichtmilieus und in die Vergangenheit einer jungen Frau aus einer niedersächsischen Kleinstadt, die sich offenbar auf die Suche nach Liebe und Halt machte – bis sie zunehmend auf Abwege geriet.

Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen, im Fokus stehen vor allem drei Tatverdächtige, die dem Vernehmen nach aus dem Rotlichtmilieu kommen: zwei Nienburger im Alter von 40 und 53 Jahren und der Ex-Freund (21) von Andrea K.. Er soll sie möglicherweise zur Prostitution gezwungen haben. Die Männer sitzen in Untersuchungshaft. Zwei Frauen, die im Zusammenhang mit dem Tod der Schöningerin verhaftet worden waren, sind wieder auf freiem Fuß. Gegen sie laufen die Ermittlungen dem Vernehmen nach weiter.

Die Staatsanwaltschaft äußert sich nicht zum Stand der Ermittlungen

Was ist geschehen? Der ältere Bruder von Andreas K. gibt der „Bild-Zeitung“ mehrere Interviews, er spricht von einem „geplanten Mord“, einer „Hinrichtung“. Ein Fallanalytiker beschreibt eine „seltsame Mischsituation“ aus Beziehungstat mit klaren Zügen zur Prostitution. Nichts deute auf eine impulsive Tat hin. Doch bislang ist nichts erwiesen. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Verden äußert sich auf Anfrage weder zum Stand der Ermittlungen noch zu den Ergebnissen. Die Suche nach Antworten bleibt also vorerst unvollständig, sie beginnt dort, wo Andrea K. aufgewachsen ist – und wo sie nun ihre letzte Ruhe gefunden hat.

Es ist ein milder Herbsttag. Auf dem Friedhof am Rande der Helmstedter Innenstadt fegen Gärtner gelbe und rote Laubblätter von den Wegen. Nur wenige hundert Meter von der Kapelle entfernt befindet sich das Grab von Andrea K.. Darauf steht ein schlichtes Holzkreuz, an dessen Fuß drei Engel ruhen. Weiße und violette Hornveilchen bedecken die Erde, umrahmt von sieben Grablichtern.

Ihre Brüder hatten vor Monaten öffentlich zu Spenden für das Begräbnis im Juli aufgerufen, Freunde und Bekannte aus ihrem Umfeld Geld gesammelt, damit Andrea in ihrer Heimat ein würdevolles Begräbnis bekommen kann. Der „Bild-Zeitung“ gibt ihr Bruder Gregor Einblicke in das Leben der Familie, er spricht von einer guten Beziehung zu seiner Schwester. „Sie hat viel für uns Brüder getan, war für uns da.“ In der Kindheit sei sie seine Spielgefährtin gewesen.

Fundort der Leiche

In der Schule in Schöningen galt Andrea K. als aufgewecktes Mädchen

Seinen Schilderungen zufolge wächst Andrea K. mit zwei älteren und einem jüngeren Bruder auf, die Geschwister sind früh auf sich allein gestellt: Ihre Mutter verlässt die Kinder, der Vater ist oft überfordert. 2018 stirbt er an Krebs.

„Wir hatten mit unserem Vater viele Auseinandersetzungen, wir hatten keine gute Kindheit“, sagt der 21-Jährige in einem Interview. Eine Kindheit und Jugend, in der es offenbar wenig Orientierung, Halt und Geborgenheit gibt. Seine Schwester wächst in Heimen auf. Sie habe Schwierigkeiten gehabt, sich anzupassen, sei immer wieder angeeckt. „Sie ist oft aus der Reihe getanzt.“

Der Podcast zu diesem Fall: Tatort Niedersachsen - Schöningerin lebendig im Fluss versenkt

Von 2010 bis 2016 besucht Andrea K. die Eichendorff-Schule in Schöningen. Das Kollegium zeigt sich tief getroffen von dem grausamen Tod der jungen Frau. Schulleiterin Gabriela Ruhe erinnert sich an ein „aufgewecktes Mädchen“, das durchaus gut in der Schule gewesen sei. „Sie hatte Potenzial“, sagt sie gegenüber unserer Zeitung. Doch aus dem Umfeld ist auch zu hören, dass es immer wieder Brüche in ihrem Leben gab. Immer wieder wechseln Bezugspersonen, fallen bekannte Strukturen weg.

Mit 16 Jahren wird Andrea K. schwanger. Im Oktober 2016 postet sie auf Facebook ein Ultraschallbild von ihrem Baby. „Der Geburtstermin ist das einzige Blind Date, bei dem du dir sicher sein kannst, die Liebe deines Lebens kennenzulernen“, schreibt sie glücklich. Als ihre Tochter geboren ist, stellt sie Fotos von dem Säugling ins soziale Netzwerk und kommentiert: „Mamas ganzer Stolz“. Und: „Mein größtes Glück bist Du“. Doch der Vater bleibt nicht bei ihr. Andrea K. verliebt sich wieder, es folgt das zweite Kind, ein Junge. Auch die Beziehung geht in die Brüche. Die Kinder wachsen bei einer Pflegefamilie auf, Andrea darf sie besuchen, aber nicht mit ihnen zusammen leben. Am Ende gerät sie offenbar in eine Abwärtsspirale, sie soll Drogen genommen und als Prostituierte gearbeitet haben.

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In Facebook postet sie Bilder von sich und ihren Freunden

Der Stimmungswandel lässt sich anhand ihrer Facebook-Einträge nachvollziehen. Gegenüber der „Bild-Zeitung“ beschreibt Gregor seine Schwester als „kleine Partymaus“, die gerne gefeiert hat und gerne Musik hörte. „Sie liebte Klamotten, sich umzuziehen, sich zu schminken.“ Immer wieder postet Andrea K. Bilder von sich mit ihren Freunden, sie lacht, blickt selbstbewusst in die Kamera. Im Dezember vorigen Jahres schreibt sie von Herzrasen, als hätte sie sich verliebt. Doch nur wenige Wochen später folgt der Eintrag: „Und am Ende war’s wieder nichts.“ Es klingt wütend, frustriert, enttäuscht.

Mitte März hat ihr Bruder das letzte Mal Kontakt zu ihr, wie er der „Bild“ berichtet: Sie wollte ihre Kinder zurück zu sich holen. Habe so getan, als sei alles in Ordnung. Aber er glaubt ihr nicht. „Sie wirkte sehr angespannt.“

Was ist in den letzten Monaten geschehen? Es gibt Mutmaßungen: Andrea K. soll mit einem Mann zusammengekommen sein, der sie zur Prostitution zwang. Angeblich stahl sie ihm Geld, wollte mit der Prostitution aufhören. Kam es darüber zum Streit?

Wo hielt sich Andrea K. zuletzt auf? Die Ermittler suchen nach Antworten

Zuletzt wird die junge Frau am 5. April lebend am Nienburger Bahnhof gesehen. Am 28. April findet ein Binnenschiffer ihre Leiche bei Balge an der Weser. Schnell gehen die Ermittler von einem Gewaltverbrechen aus, Untersuchungen ergeben, dass die junge Frau noch gelebt hat, als sie ins Wasser geworfen wurde. Ihre Hände waren auf dem Rücken gefesselt, ihre Füße mit einer 21,5 Kilogramm schweren Gehwegplatte beschwert. Außerdem gibt es Hinweise auf Gewalteinwirkung gegen Kopf und Hals. Es wird eine 25-köpfige Mordkommission gebildet, die Staatsanwaltschaft Verden setzt eine Belohnung von 5000 Euro für Hinweise aus, die zur Ergreifung der Täter führen.

Im Juli werden schließlich drei Männer und zwei Frauen mit Bezügen zum Rotlichtmilieu festgenommen. Zwei der tatverdächtigen Männer sollen sich nach Informationen der Nienburger Zeitung „Die Harke“ inzwischen zu den Vorwürfen geäußert haben. Doch zum Inhalt der Aussagen gibt es keine Angaben. Als Hauptverdächtiger gilt der 40-jährige Beschuldigte aus Nienburg. Er soll zudem im großen Stil mit Drogen gehandelt haben. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Verden, Marcus Röske, bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung, dass gegen ihn parallel ein gesondertes Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge geführt wird.

Nachdem sich die Polizei mit ihrem Aufruf an die Öffentlichkeit gewandt hatte, sind 59 Hinweise eingegangen, denen die Ermittler nachgehen müssen. Auch die Auswertung von Datenträgern, die bei den Hausdurchsuchungen gefunden und sichergestellt wurden, nimmt offenbar Zeit in Anspruch. Ob es hinreichende Beweise gegen die mutmaßlichen Täter gibt, bleibt abzuwarten. Davon könnte auch abhängig sein, ob es in den nächsten Wochen zu einer Anklage im Mordfall Andrea K. kommt.

„Tatort“: Die große Crime-Serie unserer Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten. Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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