Liebespaarmörder von Meinersen: „Ich musste ein Mädchen haben!“

Gifhorn.  Karl-Wilhelm Dettmer überfiel Liebespaare in der gesamten Region zwischen Harz und Heide. Auch nach langer Haft blieb er im Alter noch gefährlich.

Wenige Tage nach der Festnahme von Karl-Wilhelm Dettmer berichtete der Leiter der Sonderkommission, Manfred Solf, der Presse über die Ermittlungen. Dabei zeigte er auch die Zeichnung des Täters, die nach Zeugenaussagen angefertigt wurde. Sie ähnelt stark dem Mörder.

Wenige Tage nach der Festnahme von Karl-Wilhelm Dettmer berichtete der Leiter der Sonderkommission, Manfred Solf, der Presse über die Ermittlungen. Dabei zeigte er auch die Zeichnung des Täters, die nach Zeugenaussagen angefertigt wurde. Sie ähnelt stark dem Mörder.

Foto: Wolfgang Weihs / dpa

Wie ein Jäger pirschte er sich an seine Beute heran. Er wollte die Frauen für sich haben und ihre Männer kaltblütig aus dem Weg räumen. Karl-Wilhelm Dettmer wusste, wo sich nachts an abgelegenen Plätzen Liebespaare vergnügten. „Es ist nur einem unglaublichen Zufall zuzuschreiben, dass Dettmer nicht zum vierzehnfachen Mörder geworden war“, schrieb eine Zeitung über seinen Fall.

Angesichts des Unheils, das er über so viele junge Menschen brachte, dürfte er als einer der berüchtigsten Sexualstraftäter zwischen Harz und Heide gelten. Hätte er in den USA sein Unwesen getrieben, wer weiß ob Hollywood nicht einen Film über den grausamen Schrotthändler gedreht hätte?

Den Kontext seiner Taten, die er Ende der 1960er bis Anfang der 1970er Jahre beging, bilden restriktive Moralvorstellungen bei gleichzeitiger Befreiung von sexuellen Zwängen. Ältere Leser erinnern sich: Bis 1973 galt juristisch, dass Geschlechtsverkehr nur (heterosexuelle) Ehepartner haben durften. Wer Liebesbeziehungen unverheirateter Paare Vorschub leistete – Hoteliers genauso wie Eltern –, den konnte der berüchtigte Kuppelei-Paragraf treffen. So zogen sich viele Pärchen dorthin zurück, wo sie Privatsphäre genießen konnten: in die freie Natur oder in ihre Autos.

Dettmer, Jahrgang 1940, entstammte einer Schausteller-Familie. Der Vater besaß eine Schießbude, die Mutter war Angehörige der Sinti und Roma. Die Familie lebte in engster Intimität in einem Bauwagen . Über das, was der Sohn dort sah, wurde aber nicht gesprochen. Die Eltern zogen zwischen Braunschweig und Neustadt am Rübenberge hin und her. Nach dem Krieg stellte der Vater auf Schrotthandel um. Sein Sohn, der von allen Jonny gerufen wurde, besuchte die Schule bis zur 5. Klasse. Er konnte kaum lesen und sollte er unterschreiben, malte er drei Kreuze.

Schwerer Hirnschaden in der Kindheit

Einmal trat ihn ein Pferd an den Kopf, ein anderes Mal erwischte ihn eine Traktorkurbel. Bei Dettmers Taten war stets Alkohol im Spiel. Das Landgericht Braunschweig stellte in dem Urteil über den Liebespaarmörder fest, dass dieser in der Kindheit einen schweren Hirnschaden erlitten hatte, der seine Entwicklung geschädigt, seine Alkoholverträglichkeit gemindert, seine Gewalttaten begünstigt und seine Einsichtsfähigkeit derart beeinträchtigt hatte, dass er bei den Taten vermindert schuldfähig war.

In seiner Jugendzeit war er wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung aufgefallen – nichts, was die Taten ankündigte. Dettmer war auch nur von untersetzter und schmächtiger Statur. „Der war ein unscheinbarer Typ. Man konnte ihm seine Gefährlichkeit nicht ansehen“, meint der frühere Gifhorner Hauptkommissar Erwin Kaschner , von dem noch später die Rede sein wird.

Dettmer lebte mit Frau und zwei Kindern in Grußendorf im Kreis Gifhorn. Ob und wie es in seiner Ehe funktionierte, darüber wollte er später im Prozess nicht sprechen, nur so viel: „Ich hatte eine gute und saubere Frau.“ Vom Vater hatte er das Schrott-Geschäft übernommen und bereiste mit seinem Minilaster die Region.

Unseren Podcast zu diesem Fall hören Sie hier:

Der erste Überfall mündet im Blutbad

Am 1. September 1968 besuchte Dettmer den Heuball in Marwede im Kreis Celle, trank dort Bier und beobachtete gegen 1 Uhr eine Frau und einen Mann, die das Festzelt verließen. Dettmer vermutete, dass das Paar Sex haben wollte – und der Gedanke machte ihn an. Er kam auf die Idee, den beim Geschlechtsakt wehrlosen Mann zu töten, um sich anschließend mit Gewalt an der Frau zu vergehen.

Bei all seinen Taten benutzte er eine Parabellum-Pistole. Die „Luger“ war die frühere Ordonnanzwaffe der Wehrmacht . Er besaß eine besondere Ausführung: die lange Pistole 08 oder „Ari-08“, weil sie in der Wehrmacht als leichter Karabinerersatz für Artillerie-Truppen ausgegeben wurde.

Aus einer Entfernung von zweieinhalb Metern legte er auf den Liebhaber an. Wohl aufgrund der Dunkelheit und auch wegen seiner Erregung , zielte Dettmer nicht richtig. Das Geschoss durchschlug den Oberschenkel des Mannes, drang in den Oberbauch der Frau ein, durchschlug Leber und Zwerchfell und blieb in ihrer rechten Lunge stecken. Dettmer ergriff die Flucht.

Vier Tage später war er angetrunken mit dem Lkw unterwegs. Er fuhr gegen 0.30 Uhr auf der B65 von Peine nach Dungelbeck. Auf halber Strecke entdeckte er einen abgestellten Wagen, darin ein Paar, das sich vergnügte. Dettmer schlich sich heran. Er zielte mit der Pistole durchs Fenster auf den Kopf des Mannes, drückte ab, verfehlte das Opfer , schoss erneut, traf den Mann in die Schulter – und lief weg.

Zwei Tage später lieferte Dettmer Schrott in Wolfenbüttel ab und trank anschließend mehrere Gläser Bier . Gegen Mitternacht wollte er nach Hause fahren. Auf der B4 Richtung Braunschweig, im Wald kurz hinter der Stadtgrenze, liegt das Sternhaus , auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Löschwasserteich. Dettmer bog ein und fand ein Liebespaar in einem Auto. Aus einer Entfernung von zwei Metern wollte er dem Mann in den Kopf schießen, doch er traf den rechten Oberarm. In Panik wollte das Opfer das Auto starten, was nicht sofort gelang. Dettmer schoss erneut, traf nun die Autotür. Endlich sprang das Auto an, das Paar floh. Der Liebespaarschreck entkam erneut.

Diesen und weitere Kriminalfälle zwischen Harz und Heide finden Sie auch in unserem Crime-Magazin. Weitere Informationen gibt es hier .

Verurteilung wegen Vergewaltigung

Gemeinsam mit einem Mittäter war Dettmer am 22. Dezember 1968 mit dem Lkw zwischen Celle und Gifhorn unterwegs. Dort sah das Duo eine Gruppe von drei Pärchen. Ein Paar nahmen sie im Lkw mit. Dettmer wollte die Frau vergewaltigen. Er befummelte sie während der Fahrt, das Mädchen sprang aus dem Auto. Ihr Begleiter wurde von Dettmer und seinem Begleiter zusammengeschlagen. Dann kehrten sie mit dem Lkw zurück zu den beiden anderen Pärchen. Mit Gewalt schnappten sie sich eines der Mädchen, fuhren weg und vergewaltigten das Opfer.

Dieses Mal entkam Dettmer nicht, er wurde verhaftet. Das Landgericht Hildesheim verurteilte ihn wegen versuchter und vollendeter Vergewaltigung zu 28 Monaten Haft. Nach Verbüßung einer Teilstrafe kam er am 30. September 1970 wieder in Freiheit. Schon bald ging er wieder auf Jagd.

Am 31. Oktober 1970, kurz vor Mitternacht, fuhr Dettmer durch Braunschweig-Thune. Kurz nach der Mittellandkanal-Brücke sah er auf einem Feldweg ein abgestelltes Auto, darin ein Liebespaar. Er klopfte mit der Pistole ans Fenster, forderte das Paar zum Aussteigen aus. Den Mann wollte er im Kofferraum einsperren, dieser nutzte eine Gelegenheit zur Flucht. Danach vergewaltigte Dettmer die Frau – seine Pistole lag in Griffweite.

Am 20. Dezember 1970 überfiel Dettmer in Braunschweig ein Paar, das an der Georg-Westermann-Allee parkte. Beim Anblick der Liebenden onanierte er zunächst, dann bedrohte er beide mit der Waffe und entführte sie mit dem Auto zu einem Feldweg nahe des Schöppenstedter Turms. Dettmer forderte, dass der Mann sich in den Kofferraum legen und die Frau sich ausziehe sollte. Beide widersetzten sich. Schließlich ließ Dettmer sie stehen und fuhr mit dem Auto weg.

Die nächste Tat beging er am 20. Februar 1971. Im Braunschweiger Stadtteil Mascherode weckte ein Auto mit einem Paar darin seine Aufmerksamkeit. Er folgte bis zu einem Feldweg. Während das Paar in dem Auto Sex hatte, befriedigte sich Dettmer wieder. Als er fertig war, wollte er nun den Mann töten, schoss von außen auf die Tür des Autos in der Höhe, in der er den Mann vermutete und traf die Frau in den Bauch. Der Mann verscheuchte Dettmer, erkannte dann erst die schwere Verletzung seiner Begleiterin. Im Klinikum Salzdahlumer Straße trug er die Frau eigenhändig in den OP.

Am 24. April 1971 fuhr Dettmer nach Helmstedt und trank Alkohol in einer Gaststätte. Als er die nach Mitternacht verließ, fiel sein Blick auf ein Pärchen und folgte diesem zum Alten Friedhof, einem Park. Während die beiden auf einer Bank Zärtlichkeiten austauschten, hockte Dettmer im Gebüsch dahinter, onanierte. Um seine Erregung zu steigern, rief er: „Ihr beiden zieht euch jetzt aus!“ Das Paar hielt das erst für einen Scherz, bis es die Pistole sah. Der Mann drohte Dettmer, er werde ihm die „Plempe“ wegnehmen. Aus Wut, dass er seine Erregung nicht steigern konnte, schoss Dettmer und zerfetzte dem Mann den Ringfinger an der linken Hand. Danach türmte er.

Ermittler prüften Zusammenhang zwischen Taten und Mondphasen

Waffenexperten des Bundeskriminalamts hatten festgestellt, dass bei den zwei Tatserien alle Geschosse aus der gleichen Waffe stammten. Die Kripo versuchte zu ermitteln, warum der Täter zwischen 1968 und 1970 eine gut zweijährige Pause eingelegt hatte und erkundigte sich neben Kliniken auch bei Haftanstalten , ob ein Verdächtiger in Frage kommen könnte – niemand hatte offenbar den Schrotthändler Dettmer im Sinn. Dafür mussten zwei Dutzend polizeibekannte Spanner aus ganz Niedersachsen ihre Alibis für die Tatzeiten darlegen. Und die Polizei prüfte sogar, ob die Taten des Serientäters mit den Mondphasen zusammenhängen könnten.

Seine letzte und folgenschwerste Tat beging Dettmer am 10. Juli 1971. Er besuchte das Schützenfest in Meinersen, trank Alkohol an den Pavillons. Nach seiner Verhaftung wurde in einer Zeitung diese angebliche Aussage von ihm zitiert: „Dann überkam es mich. Ich musste ein Mädchen haben. Als ich ein Liebespaar im dunklen Park verschwinden sah, verfolgte ich es.“

Dettmer hatte wieder erst onaniert , danach den 23-jährigen Mann mitten im Geschlechtsakt aus zwei Metern Entfernung ins Becken geschossen. Die Kugel ging durch den Körper hindurch bis in die Schulter. Das Opfer verstarb infolge innerer Blutungen. Die 14-jährige Frau drohte Dettmer zu erschießen, wenn sie ihm nicht gefügig wäre. Er nahm sie mit an eine andere Stelle und vergewaltigte sie.

Er ließ sie aber am Leben. Als er sich entfernt hatte, rief das Opfer Festbesucher um Hilfe. Die Polizei wurde alarmiert. Zeugen erinnerten sich später, dass ein unbekannter junger Mann eine seltsame Bemerkung machte: „Ist der Tote denn noch tot?“ Mit ihrer Hilfe wurde ein Phantombild gezeichnet. Der Täter wurde erkannt und verhaftet.

Dettmer, der keine Zeitung las, kam laut eigener Aussage nie auf die Idee, dass man nach ihm suchen würde. Zunächst stritt er die Vorwürfe ab. Schließlich führten die Ermittler seine Frau zu ihm. Weinend flehte sie ihn an, an die Kinder zu denken. Und der Liebespaarmörder gestand.

Im Dezember 1972 fand sein Prozess unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit vor dem Schwurgericht beim Landgericht Braunschweig statt. Er wurde wegen Mordes in einem Fall, fünf versuchen Morden, zwei Vergewaltigungen, Freiheitsberaubung und räuberischer Erpressung zur Höchststrafe von 15 Jahren Haft sowie der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus verurteilt.

Dettmer bewaffnet sich wieder

Erst 1999 kam Dettmer frei. Bald danach entblößte er sich in Wolfenbüttel vor zwei Frauen und wurde verhaftet. Die Ermittler dort informierten ihre Kollegen in Gifhorn. Hauptkommissar Erwin Kaschner erinnert sich: „Wir wiesen die Kollegen an, Dettmer dürfe auf keinesfalls die Wache verlassen. Wir fuhren sofort hin stellten sein Auto auf den Kopf.“

Unter dem Fahrersitz im Polster fanden die Ermittler eine Pistole Kaliber 7,65. Dettmer wohnte im Kreis Gifhorn allein in einer befestigten Gartenlaube. Sie wurde durchsucht und die Polizei fand neben Pornografie auch ein großes Bolchenglas mit Erdanhaftungen. „Im Garten fand ich unter einer Tanne ein Loch. Dort hatte er die Waffe gebunkert. Wir hätten die wohl nie gefunden“, erinnert sich Kaschner. „Das alles waren für uns Alarmzeichen hoch drei.“ Das Amtsgericht Braunschweig verurteilte Dettmer im Jahr 2002 zu zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe. Außerdem wurde erneut die Unterbringung angeordnet.

2017 kam er frei, stand die letzten Monate seines Lebens unter Führungsaufsicht und lebte zuletzt in einem Seniorenheim in Helmstedt. Am 25. Dezember 2018 verstarb er.

„Tatort“: Die Crime-Serie der Braunschweiger Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten.

Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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