Anspannung in Gifhorn vor Corona-Testergebnissen

Ehra-Lessien.  Erst heute Abend ist das ganze Ausmaß des Ausbruchs in der Flüchtlingsunterkunft Lessien klar. Der Kreis baut unter Hochdruck neue Isolierräume.

Alle 168 Bewohner der Flüchtlingsunterkunft Lessien stehen nach einem Corona-Ausbruch unter Quarantäne. Von allen hat der Landkreis Abstriche für Corona-Virentests genommen.

Alle 168 Bewohner der Flüchtlingsunterkunft Lessien stehen nach einem Corona-Ausbruch unter Quarantäne. Von allen hat der Landkreis Abstriche für Corona-Virentests genommen.

Foto: Privat / Landkreis Gifhorn

Banges Warten im Gifhorner Corona-Krisenstab: Wie viele der aktuell 168 Bewohner der Flüchtlingsunterkunft Lessien sind mit dem Corona-Virus infiziert? Während die acht jungen Männer mit bestätigtem Befund, aber ohne Symptome, auf dem Rasen neben der Isolierstation Fußball spielen, fiebern Kreisverwaltung und Hilfsorganisationen den Diagnosen des Landesgesundheitsamts entgegen, die ab 17 Uhr erwartet werden.

Bis feststeht, welche Dimension der Ausbruch annimmt, gilt Alarmstufe Rot: Bereitschaftspolizisten aller niedersächsischer Polizeidirektionen schirmen das unübersichtliche weitläufige Lagergelände ab, das vollständig unter Quarantäne steht. Zwar nennt Inspektionschef Thomas Bodendiek keine Zahlen, doch deutete Amtsarzt Josef Kraft an, dass noch am Wochenende allein 40 Polizisten nach Einsätzen auf Corona getestet worden seien.

Zweites Asylbewerberheim Clausmoorhof unter Beobachtung

Das zweite große Asylbewerberheim Clausmoorhof in Stadtnähe ist nicht isoliert, aber mit Trassierbändern markiert, bestätigte Ausländer-Abteilungsleiter Andreas Fricke. Die Bewohner sollen die Stadt tunlichst meiden.

Kreis will zweiten Lockdown auf jeden Fall vermeiden

Erster Kreisrat Thomas Walter machte zugleich unmissverständlich deutlich, dass die allgemeine Bevölkerung und die Wirtschaft durch das neue Infektionsgeschehen nicht leiden werden: Selbst wenn der Schwellenwert von 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner erreicht werden sollte, also 88 Erkrankte binnen einer Woche, gebe es keinen Anlass für einen zweiten Lockdown. Walter: „Der lokale eingegrenzte Ausbruch wird nicht das Leben der normalen Bürger beeinflussen.“

Experten suchen Pfad der Virus-Einschleppung

Doch dazu darf das Virus unter keinen Umständen wieder in die Fläche getragen werden. Amtsarzt Kraft und sein Team ermitteln zudem unter Hochdruck, wie es überhaupt in das Lessiener Camp eingeschleppt werden konnte.

Landrat Andreas Ebel sagte: „Die Rückverfolgung der Kontakte ist in Arbeit.“ Ein Lichtblick: Von den 18 schulpflichtigen Kindern im Camp waren laut Erstem Kreisrat Thomas Walter erst sechs wieder im Präsenzunterricht, fünf in der Grundschule Ehra, eines in der Hauptschule Rühen. 24 Camp-Bewohner, die engeren Kontakt zu den acht Infizierten hatten, sind ihrerseits strikter abgeschirmt.

Das Lager Lessien wird für mehr Isolierfälle ausgebaut

Über das Wochenende statteten ehrenamtliche Helfer von Rotem Kreuz, Technischem Hilfswerk und Feuerwehr bestehende Lagergebäude mit Technik und Inventar so aus, dass mehr Platz bereitsteht, falls weitere Infizierte zu isolieren wären. Weil niemand mehr zum Einkaufen aus dem Lager darf, etablierte das DRK laut Geschäftsführer Sandro Pietrantoni die Versorgung mit Lebensmitteln und fertig gekochten Speisen. 137 Helfer bot er am Sonnabend bis 3.30 Uhr früh auf, Einsatzleit- und Kühlwagen eingeschlossen. Ein Hankensbütteler Supermarkt öffnete nachts. Inzwischen managt eine Catering-Firma die Verpflegung in Lessien.

Das Technische Hilfswerk um den Ortsbeauftragten Olaf Daratha rückte aus dem ersten Übungsdienst nach wochenlanger Corona-Pause an, um Gebäude zu verkabeln und das Gelände auszuleuchten. Der Lichtmast soll wegen möglicher Gewitterstürme ab Wochenmitte noch schnellstmöglich zu einem wetterfesten Gerüstturm umgebaut werden.

Die Polizei weist laut Inspektionschef Bodendiek mit heimischen Beamten die Kräfte aus Lüneburg, Osnabrück und Göttingen ein. Einheiten aus Hannover und Braunschweig stehen als Ablösung parat.

Corona in Gifhorn- Alle Fakten auf einen Blick

Amtsarzt Kraft und Erster Kreisrat Walter hoben die Ruhe und die Einsicht der Bewohner hervor. „Sie fühlen sich wohl in der Quarantäne.“ Die Menschen seien aufgeklärt und besonnen. Wer getestet sei, aber nachträglich Symptome zeige, solle sich für einen erneuten Corona-Check melden. Der Kreis schickte zusätzliche Sozialarbeiter, Psychologen und zwei Mitarbeiter der Diakonie Kästorf ins Camp. Walter zufolge ist selbst in der Isolierstation für Abwechslung gesorgt: „Es gibt eine Küche, Fernseher und eine Freifläche rund um das Gebäude.“

Der Landesflüchtlingsrat kritisiert die Quarantäne

Derweil erneuerte der Flüchtlingsrat Niedersachsen seine Forderung nach der Schließung von Sammellagern. Die Landesregierung müsse die allgemeinen Grundsätze zur Corona-Vermeidung auch für die Unterbringung von Geflüchteten anordnen, sagte Geschäftsführer Kai Weber dem Evangelischen Pressedienst epd. „Die Sammelunterbringung in großen Lagern birgt die Gefahr von Masseninfektionen und setzt Geflüchtete unnötigerweise einem hohen Risiko aus.“

Die Verhängung einer Quarantäne für eine ganze Unterkunft werde in einer Studie der Universität Bielefeld deutlich kritisiert, fügte Weber hinzu. Eine solche Maßnahme werde nicht als Schutz, sondern als Internierung wahrgenommen.

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