Radfahren in Gifhorn: eine Tour durch Heide, Moor und Sand

Sassenburg.  Die 50-Kilometer-Tour führt ab Westerbeck am Bernsteinsee, der Sassenburg und dem Tankumsee vorbei.

In dieser langen Radtour geht es in der ersten Etappe von Westerbeck aus über Dannenbüttel zum Tankumsee. 

In dieser langen Radtour geht es in der ersten Etappe von Westerbeck aus über Dannenbüttel zum Tankumsee. 

Foto: Dirk Kühn

Ein Tigerkäfig in der Heide? Der Blutige Knochen im Großen Moor? Was ist da los in der Heide? Antworten darauf liefert der große Sassenburg-Rundkurs – eine Fahrradtour durch Heide, Moor und Sand, die auf gut 50 Kilometern alle Orte der Gemeinde Sassenburg verbindet und die es erst seit 2018 gibt – dank der Arbeitsgemeinschaft Radwegebau, der Kommune und der EU, die den Ausbau und die Beschilderung finanziert haben.

Anmoderation Radtour GF Sassenburg Dirk Kühn

Start und Ziel

Zugegeben, der Rundkurs ist für einen Familienausflug relativ lang, aber dank des leichten Geländes, die einzige Steigung führt auf den Damm des Elbeseitenkanals, ist sie auch für Kinder zu schaffen. Auch lässt sie sich beliebig verkürzen und an einem anderen Wochenende beispielsweise fortsetzen. Idealer Start- und Zielort ist Westerbeck. Entweder am Rathaus, dort gibt es geeignete Parkplätze, oder noch besser an der Streuobstwiese am Torfwerk. Dort lässt es sich vorher oder hinterher prima picknicken und wer mag, kann noch mit der Moorbahn eine Runde drehen (unbedingt vorher klären, ob noch Plätze frei sind!). Sie fährt in unmittelbarer Nachbarschaft ab, tuckert mit sechs Kilometern je Stunde durch die Landschaft und ist nicht nur für Kinder ein besonderes Erlebnis.

Interview Ag Fahrradwege zum Sassenburger Rundkurs

Von Westerbeck zum Tankumsee

Das erste Teilstück führt über Dannenbüttel zum Tankumsee. Kurz hinter Westerbeck geht’s weiter auf einem Wirtschaftsweg abseits vom Autoverkehr. Das ist ohnehin eine bemerkenswerte Eigenschaft des Rundkurses: Er verläuft weitestgehend fernab der Straßen über gut ausgebaute Feldwege, die teilweise asphaltiert sind. In Dannenbüttel wird die B188 gequert, dann einmal rechts abbiegen und schon ist die Allerbrücke und das Naturschutzgebiet Allertal erreicht. Mit etwas Glück sind Störche oder Graureiher in Sichtweite. Das Naturschutzgebiet säumt zwischen Wolfsburg und Gifhorn die mäandrierende Aller und schützt die Landschaft der Flussniederung. Am Sportplatz vorbei streifte der Weg die Dannenbütteler Torfteile, ein geschütztes acht Hektar großes Moorgebiet.

Vorbei an Eichenwäldern geht die Fahrt Richtung Tankumsee. Ein kurzer Stopp am Allerkanal, 1863 zwischen Wolfsburg und Gifhorn gebaut. Er schützt die angrenzenden Äcker vor Hochwasser. An heißen Sommertagen kann man hier schon den Badelärm vom Tankumsee hören, der keinen Kilometer mehr entfernt ist. Das klingt nach Pause. Dafür gibt’s am Tankumsee mehrere Möglichkeiten: ob Seehotel mit etwas gehobener Küche, in der Seekate oder dem bei Radlern beliebten Strandbistro Seeblick.

Der Tankumsee ist ein künstlicher See. Er entstand 1972 beim Bau des Elbeseitenkanals, der direkt an den See grenzt. Wer möchte, legt eine kleine Badepause ein, spielt Minigolf oder bleibt eine Nacht auf dem Campingplatz.

1. Etappe der Rundtour von Westerbeck zum Tankumsee

Vom Tankumsee nach Grußendorf

Dieser Streckenabschnitt ist geprägt durch den Canale Grande, den Elbeseitenkanal, der auf einer Länge von 115 Kilometer von Artlenburg an der Elbe bis Edesbüttel im Kreis Gifhorn führt. Dort mündet er in den Mittellandkanal. Acht Jahre dauerte die Bauzeit und weil der Kanal in großen Teilen höher liegt als das Umland, musste große Dämme aufgeschüttet werden – der Sand stammt aus Gruben wie eben dem Tankumsee oder auch dem Bernsteinsee, die sich anschießend mit Grundwasser füllten. Am 15. Juni 1976 wurde die Schifffahrtsstraße eröffnet. Gut einen Monat später kam es dann zum großen Dammbruch bei Adendorf, Kreis Lüneburg. Vier Millionen Kubikmeter Wasser fluteten eine Fläche von 15 Quadratkilometern.

Vom Tankumsee hoch zum Kanal führt auch die einzige Steigung dieser Radtour. Einmal oben heißt es genießen und Schiffe gucken. Bei Nord-Ost-Wind muss etwas kräftiger in die Pedale getreten werden. Da fühlt sich der Radler dann wie im Windkanal. Über sogenannte Trogbrücken überqueren wir erneut den Allerkanal und die Aller. Ein kurzer Stop folgt an der B188, die hier unter dem Kanal durchführt. Und dann ist auch schon das Sicherheitstor Osloß in Sicht. Von diesen Toren gibt es insgesamt vier, sie sollen bei einem Dammbruch ein komplettes Auslaufen verhindern.

In der Nähe von Gut Dagebrück queren wir den Kanal, wechseln für etwa fünf Kilometer die Seite, um dann in den Kiefernwald Richtung Grußendorf abzubiegen. Hier lohnt im Spätsommer ein Stopp am Kanal und ein kleiner Ausflug in die Wälder. Mit etwas Glück finden Pilzsucher dort Pfifferlinge, Maronen und Steinpilze.

Unterwegs bietet sich ein Halt an einem Trigonometrischen Punkt an. Auf einer großen Hinweistafel wird die Bedeutung eines solchen Landvermesserpunktes erläutert. Insgesamt 41 solcher Infotafeln hat die Arbeitsgemeinschaft Fahrradwege aufgestellt. Das macht den großen Sassenburg-Rundkurs zu einer hervorragend ausgeschilderten Route. Auf jeder Tafel ist ein QR-Code, so dass Radler sich den Erläuterungstext auch anhören können. Einzig die für den Elbeseitenkanal vorbereiteten Schilder durften noch nicht installiert werden. Der Kanal ist in Besitz der Bundesrepublik und da darf nun mal niemand einfach so ein Schild aufstellen. Dafür bedarf eines einer vertraglichen Vereinbarung und die liegt noch nicht vor.

3. Etappe der Rundtour

Von Grußendorf zum Bernsteinsee

Kurz vor Grußendorf führt die Strecke an einer großen Blaubeer-Plantage entlang. Ab Mitte Juli etwa herrscht hier Hochbetrieb. Verkauf werden die lecken Beeren an der Scheune des Forsthofs Grußendorf, die ebenfalls auf dem Weg liegt. Sehr empfehlenswert! Das gilt auch für einen Besuch im ET-Zweiradmuseum Grußendorf, ET steht für Egon Tantius, der mit seinem Sohn Tobias mehr als 200 Räder, Mofas und Mopeds zusammengetragen hat. Eine Anmeldung ist allerdings erforderlich, weitere Informationen unter der Telefonnummer (05379) 1669.

Weiter geht es gerade aus, vorbei am Supermarkt, Bäcker und Getränkehandel, wer will, kann sich hier mit Proviant versogen. Wenig später ist Stüde erreicht, der kleinste Ort der Sassenburg-Gemeinden mit einem Dorfplatz, der allerdings wegen seiner Größe selten ist. Ein Findling erinnert an die Völkerschlacht bei Leipzig, das Regierungsjubiläum von Wilhelm II. und an die Aussöhnung der Hohenzollern und Welfen. Seit 1913 steht er dort, ausgebuddelt im Heidesand und von 18 Pferden zur Ortsmitte gezogen. Kurz durch den Ort geradelt flattern den Radlern schon die Flaggen an der Einfahrt zum Bernstein-See entgegen. Spätestens hier ist eine längere Pause angebracht, rund 35 Kilometer liegen bereits hinter uns. Hotel, Restaurant, Erlebniswelt – am Bernsteinsee ist reichlich geboten. Ponyreiten, Wasserski fahren oder irgendwo in den Sand legen und die Seele baumeln lassen.

Vom Bernsteinsee zur Sassenburg

Auf der Schlussetappe wird es noch einmal spannend. Sie radeln ein kurzes Stück durch das Wochenendhausgebiet, und kommen dann zur nächsten Brücke, die über den Elbeseitenkanal führt. Sie ist eine von 55 Brücken, die über den Kanal führen und wird im Volksmund Tigerkäfig genannt, weil sie in ihrem Aussehen an einen solchen erinnert. Hinter der Brücke gibt’s eine schöne Abfahrt hinein ins Große Moor. Links und rechts des Weges gibt es eine ausgeprägte Birkenvegetation, viel Totholz, viel Wasser. Sollte je der Edgar-Wallace-Krimi „Das Wirtshaus von Dartmoor“ neu verfilmt wären, könnte dies eine geeignete Location sein.

150 Tier- und 40 Gefäßpflanzenarten wurden im Moor registriert, viele davon gelten als gefährdet, einige sind vom Aussterben bedroht. Dieses Schicksal hat im Großen Moor das Birkhuhn erfahren müssen. Einst gab es dort eine der größten Birkhuhn-Populationen in Deutschland, 1963 wurden noch 850 Birkhühner gezählt, 1982 waren es gerade noch 20. Inzwischen gilt das Birkhuhn im Großen Moor als ausgestorben.

Einer, der das verhindern wollte, war der Wildbiologe Ekkehard Wipper. Ihm hat die AG Fahrradwege eine Gedenktafel gewidmet. Wipper war Wildtierbiologe und ab 1977 in der Forschungsstelle Ahnsen, einer Außenstelle der Tierärztlichen Hochschule Hannover tätig. Er widmete sein Leben dem Großen Moor, hatte maßgeblichen Anteil daran, dass es unter Naturschutz gestellt wurde. Aber er musste auch gegen den Widerstand der landwirtschaftlichen Funktionäre und Behörden kämpfen. „Wir müssen dauernd 200 Meter vorauslaufen, damit die Behörden fünf Meter hinterhumpeln. Die wenigen, die mitlaufen wollen, werden von oben gebremst“, hat er einem Journalisten der Zeit einst gesagt.

Als er sein Engagement für Moor und Birkwild auch auf andere Region in Norddeutschland ausdehnen wollte, wurde ihm gekündigt. An seinem 40. Geburtstag hat sich der promovierte Veterinärmediziner an seinem Arbeitsplatz in Ahnsen erschossen. In seinem Abschiedsbrief soll er unter anderen geschrieben haben, er lasse sich nicht als „willfähriger Lobby-Wissenschaftler missbrauchen“.

Nach dem Abbiegen auf die Kreisstraße Richtung Neudorf Platendorf geht es rund zehn Kilometer immer geradeaus, zunächst ohne Radweg, in Platendorf dann mit. Aber zunächst noch ein kleiner Stopp am blutigen Knochen. Das ist der Spitzname für die ehemalige Gaststätte „Zum Wahrenholzer Moor“, die zuletzt „Zum Heidewäldchen“ hieß. Hier soll es immer mal wieder Streitereien gegeben haben, bei denen auch Blut floss. Auch eine Fehde zwischen zwei Familien könnte ebenfalls zum Spitznamen beigetragen haben.

Weiter geht’s nach Neudorf-Platendorf, einer der längsten Orte Niedersachsen. Die Ortsdurchfahrt ist sechs Kilometer lang, Nebenstraßen gibt es kaum, die Häuser sind durchnummeriert und an der Hauptstraße hängen lediglich Schilder wie 134, 134 a, 134 b. Entstanden ist der Ort aus zwei Moorkolonien, die 1796 auf Geheiß des hannoverschen Kurfürsten gegründet wurden, um das Große Moor urbar zu machen.

Bundesweit in den Fokus rückte Neudorf-Platendorf bei der Waldbrandkatastrophe 1975. Zwischen Platendorf und Stüde tobte das Feuer besonders heftig. Eine Feuerwalze überrollte ein Einsatzfahrzeug, zwei Feuerwehrleute wurden schwer verletzt. Einen Tag später starb der damalige Kreisbrandmeister in einem Einsatzfahrzeug an Herzversagen.

Wer nicht aufpasst, merkt nach sechs Kilometer gar nicht, dass er in Triangel angekommen ist. Kleine Eselsbrücke: Wenn der Radweg auf der einen Seite endet und auf der anderen Straßenseite weitergeht, ist’s nicht mehr weit. In Triangel radeln wir am Gutspark vorbei, in dem in Mai und Juni farbenprächtige Rhododendren blühen.

Quer durch das Neubaugebiet führt der Weg nach Neuhaus. Hier steht das Moorvogthaus, in dem seit 1838 ein Gasthof untergebracht ist. Wer sich zum Ende der 50-Kilometer-Tour etwas Gutes tun möchte, hat hier einen Tisch reserviert und lässt sich das Wildsauerfleisch schmecken.

Der Radweg führt weitere zwei Kilometer entlang der B188, dann gilt es die Bundesstraße überqueren und zum vorletzten Mal die Aller – dann lüftet sich das Geheimnis um die Sassenburg, zumindest ein kleines bisschen. Es handelt sich um eine Wallanlage, die im 12. oder 13. Jahrhundert entstand sein soll. Genaue archäologische Erkenntnisse gibt es bisher nicht und zu sehen ist eigentlich auch nichts andere als Farnsträucher zwischen Kiefern.

Also bitte keine großen Erwartungen an die Sassenburg stellen, dann ist das Enttäuschungspotenzial gering. Die großen Burgen stehen woanders. Und die Nase können die Radler dann mehrere 100 Meter weiter rümpfen, wenn es zurück zum Startort Westerbeck geht. Der Weg führt vorbei an der Biogasanlage. Nach etwa einem Kilometer ist Westerbeck erreicht. Halt, halt, halt. Kaum im Ort geht es noch einmal links weg und leicht bergab Richtung Moor und Dorfabbau. Ein Stück verläuft der Radwege parallel mit den Gleisen der Moorbahn, die hier tatsächlich Torf transportiert.

Wieder an der Streuobstwiese zeigt der kleine Bordcomputer 50,5 Kilometer an. Die große Sassenburg-Tour ist geschafft!

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