Mein Tagebuch

Die neuen Arbeitsplätze

Am gravierendsten sind die Auswirkungen auf die Arbeitswelt, wo gerade kein Stein auf dem anderen bleibt.

Corona ist keine Episode, das kann man jetzt schon sagen, sondern verändert unser Zusammenleben auf Dauer. Um diese Bestandsaufnahme, staunend, unwissend, hoffend, immer noch optimistisch, geht es ja täglich auch in diesen Tagebuchaufzeichnungen am Puls einer nervösen, ungewissen Zeit. Am gravierendsten sind die Auswirkungen auf die Arbeitswelt, wo gerade kein Stein auf dem anderen bleibt. Sprechen wir einmal nicht von den brutalen wirtschaftlichen Auswirkungen. Sondern von der zivilisatorischen Errungenschaft eines professionellen Arbeitsplatzes, an dem Menschen sich treffen, auf engstem Raum die Köpfe zusammenstecken, Ideen entwickeln und aufnehmen, diskutieren, streiten, zoffen, ja, und einfach auch gern zusammen sind. In vielen kreativen Jobs ist es gerade diese Atmosphäre, die für gute Ergebnisse und neue erfolgreiche Projekte bürgt. Und was haben wir jetzt? Flucht ins mobile Arbeiten, notgedrungen. Wo Menschen sich nahe kommen, könnte ja einer infiziert sein. In Schaltzentralen und Großraumbüros, die exakt für dieses fruchtbare Klima des Austausches in schnellen Teamstrukturen eng geschaffen wurden, geht’s jetzt um ein Klima des Abstands und Durchlüftens. Argwöhnisch blickt man auf notorisch verschlossene Brandschutztüren, höchst verdächtig sind Klimaanlagen und Lüftungssysteme. Das Aerosol bestimmt das Bewusstsein. Keine Frage, der Digital-Schub durch Corona ist spektakulär. So viele Videokonferenzen und so wenig Treibstoffverbrauch gab’s noch nie. Mehr noch: Mancher liebe Mensch daheim, jung oder alt, Partner oder Kind, Senior oder Pflegefall, bekommt nun mehr Zuwendung und Zeit als jemals zuvor. Viele empfinden dies in einer belastenden Situation sogar als erlösend, können so im Büro daheim noch besser produktiv sein. Deshalb produziert die Pandemie jetzt einen Fortschritt, für den die Gesellschaft sonst vielleicht noch Jahrzehnte gebraucht hätte: das hybride Arbeiten, wie es so schön heißt. Arbeitnehmer selbstbestimmt zwischen Absenz und Präsenz. Natürlich fein austariert, gut verhandelt, mit Verträgen, atmend, flexibel, verlässlich. Was für eine Zeit!

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder