Braunschweigs kleine Läden

Braunschweigs Café Schmidt: Hier versüßen auch Kakadus den Tag

| Lesedauer: 7 Minuten
Cafébesitzerin Andrea Schmidt mit ihrem Sohn Justin und dem Torten-Klassiker im „Schmidt“ schlechthin: die „Torte ohne Namen“, Andrea Schmidts eigene Biscuit-Kreation mit Schmand und Mandarinen, so wie es sie bereits vor 20 Jahren im Café gab.

Cafébesitzerin Andrea Schmidt mit ihrem Sohn Justin und dem Torten-Klassiker im „Schmidt“ schlechthin: die „Torte ohne Namen“, Andrea Schmidts eigene Biscuit-Kreation mit Schmand und Mandarinen, so wie es sie bereits vor 20 Jahren im Café gab.

Foto: Stefan Lohmann / regios24

Braunschweig.  Andrea Schmidt hält allen Widrigkeiten stand. Die Pandemie macht ihr noch zu schaffen. Und nun folgte ein Papierkrieg wegen zwei Kakadu-Männchen.

Andrea Schmidt tut, was sie kann. Sie backt und kocht, sie dekoriert und kauft ein, sie kümmert sich um ihre Gäste, um ihre Kinder, um andere Menschen, um die Papiere, die Rechnungen – und jetzt auch noch um die Kakadus, die sie von einem verstorbenen Onkel übernommen hat. Sie ist die Chefin, die Seele und der Motor in ihrem Café Schmidt am Hagenmarkt.

Einem Motor, dem manchmal der Treibstoff auszugehen droht. Denn Andrea Schmidt wuppt alles allein. Notgedrungen. „Die Arbeit macht mir nichts aus“, sagt sie, „das mache ich gern“. Aber das Drumherum, der Papierkram, die Bürokratie, das zehrt an ihren Nerven.

Ob Mohn- oder Schokotorte: Alle Kuchen backt die Chefin selbst

Die 56-Jährige steht in ihrer Küche und macht zwei Lachs-Teller zurecht. Verschiedene Obstsorten schnippelt sie fein, ordnet sie hübsch um den Fisch herum an. „Das Auge isst mit“, sagt sie lachend. Das gilt für ihre Lachs-Teller ebenso wie für die Kuchenvitrine. Mindestens zehn Torten stehen da zur Auswahl: „Schoko pur“, „Mohn-Mandarine“, „Frische Brise“ oder „Ohne Namen“. Alles selbst gebacken. Irgendwann in der Nacht.

Die Optik ist ihr genauso wichtig wie der Inhalt. „Auch wenn es mal eng wird, ich spare nie bei den Zutaten“, sagt sie. Und eng wird es häufiger. Das kennt sie. Eine Glücksfee hat bislang gefehlt in ihrem Leben.

Zu ihrer leiblichen Mutter hat sie so gut wie keinen Kontakt. Eine komplizierte Geschichte. Ihre Ziehmutter Helga war zunächst ihre Chefin. „Als Schülerin habe ich schon früh gejobbt“, blickt sie zurück. Auch in einer Reinigungsfirma. Hier nahm Helga sie unter ihre Fittiche. „Sie hat mich wie eine Tochter angenommen“, sagt Andrea dankbar.

Andrea Schmidt wollte Polizistin werden, ein Unfall hat den Plan durchkreuzt

Nach der Schule wollte Andrea Schmidt zur Polizei. Ein Unfall durchkreuzte die Pläne. „Ich war nicht mehr tauglich“, bedauert sie. Ein Start als Weinberaterin ging nach erfolgreichem Anfang schief. „Ich bin einfach zu ehrlich“, blickt sie auf ein Geschäftsmodell zurück, bei dem sie ausgebootet wurde, wie sie sagt.

Also weitere Jobs in der Gastronomie. „Dann kam der Anruf von Mama“, erzählt sie von Helga, die ihrer Ziehtochter zur Selbstständigkeit verhalf. „Ich lag damals im Krankenhaus im Wochenbett“, sagt Andrea. Mutter Helga sprach von freien Räumen am Hagenmarkt. Sie wusste von Andreas Traum vom eigenen Café.

„Helga gab mir 10.000 Euro und sagte: Du machst das jetzt.“ Und Andrea hat gemacht. Helga übernahm die Kinderaufsicht. „Alle zwei Stunden kam sie mit dem Baby ins Café zum Stillen“, weiß sie noch sehr genau. Tochter Jackie ist inzwischen 20 Jahre alt, Sohn Justin ist 23. Jackie macht eine Ausbildung in der Apotheke am Hagenmarkt, Justin sucht noch seinen Weg. Gerade hilft er seiner Mutter im Café.

Die Coronakrise hat Andrea Schmidt zugesetzt, die Entwicklung bleibt schwierig

„Meine festangestellte Mitarbeiterin habe ich in der Coronakrise verloren“, erzählt Andrea, „eine großartige Kraft, die sich jetzt selbstständig macht.“ Neue Mitarbeiter gibt es kaum. Und es würde zurzeit auch am Geld fehlen.

„Die Coronazeit war schwer für mich“, erzählt Andrea, „monatelang habe ich gar kein Geld bekommen, ich musste schließlich zum Jobcenter und um Unterstützung bitten.“ Die braucht sie nach wie vor. Das fällt ihr sichtlich schwer. Und kostet sie Kraft. „Seitenweise Fragebögen, Briefe, die ich kaum verstehe“, erzählt sie vom nervenaufreibenden Schriftverkehr.

Und auch der Betrieb sei noch lange nicht wieder auf Vorkrisenniveau. „Ich spüre deutlich, dass die Menschen Zukunftsängste haben, sich um ihre wirtschaftliche Lage Sorgen machen.“ Sprich: Es wird gespart. Kaffee und Kuchen sind da häufig schon Luxus. Dazu kommen die steigenden Preise. Auch für Andrea im Einkauf.

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Aufgeben ist keine Option: Die Chefin ist immer auch für andere da

Aber sie ist nicht der Typ, der aufgibt. Im Gegenteil. Während der Pandemie hat sie einen neuen Ofen angeschafft und täglich ab vier Uhr morgens für eine andere Firma Brötchen gebacken und belegt. Und sie hilft noch anderen. Aus einem Supermarkt organisiert sie Gemüsekisten und verteilt sie an bedürftige Familien.

Fünf Jahre lang hat sie Helga bis zu ihrem Tod gepflegt und auch den dazugehörigen „Ziehonkel“ betreut. Dessen Grundstück und Haus irgendwo auf dem Land entrümpelt und schließlich die Kakadus übernommen.

„Was sollte ich tun? Wo sollten die Vögel hin?“, fragt sie. „Sie leben seit über 20 Jahren zusammen.“ Doch auch da gab es nicht den einfachen Weg für Andrea Schmidt. „Kakadus leben laut Veterinäramt als Paar zusammen“, erzählt sie, „unsere beiden aber sind zwei Männchen.“ Wieder monatelanger Papierkrieg. Ein Freund der Familie, Lutz Dürheide, hat sich mitgekümmert. Mühsam im Internet recherchiert, mit dem Zoo in Berlin Kontakt aufgenommen, und schließlich konnten die beiden ein Gutachten vorlegen, das belegt, dass auch zwei Kakadu-Männchen glücklich sein können.

Weißhaubenkakadu sitzt auf der Schulter und wird zum Eisladen mitgenommen

Dürheide hat die Voliere spendiert, jetzt leben „Paulchen“ und „Coffee“ im Café. Weißhaubenkakadu „Paulchen“ hat sich mit Lutz Dürheide angefreundet. Der kommt täglich und unterhält sich mit seinem neuen Freund. „Manchmal setzt er sich auf meine Schulter und wir gehen um die Ecke zum Eisladen“, erzählt Dürheide.

Auch in Andreas großem Herzen haben die Vögel ihren Platz. „Sie lieben Sahne“, erzählt sie, „und täglich eine halbe Scheibe Mortadella als Leckerli.“ Und wenn die Chefin zwischendurch einen Moment Zeit hat, „tanzt“ sie mit ihren Schützlingen: Musik laut, Andrea Schmidt hüpft vor dem Vogelkäfig – und die beiden Kakadus tanzen kräftig mit. Gut, dass Andrea Schmidt nicht nur ein großes Herz hat, sondern auch frohen Mutes ist. Eine sympathische, positive Frau. Vielleicht kommt doch noch eine Glücksfee vorbei. Andrea Schmidt hätte es verdient.

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