War es Auftragsmord? Der rätselhafte Tod einer Verlegerin

Braunschweig.  Helga Eckensberger, Verlegerin der Braunschweiger Zeitung, wurde 1973 ermordet. Volkmar Weilguny gesteht die Tat, schweigt aber zu den Motiven.

Mordfall Helga Eckensberger: Die Verlegerin der Braunschweiger Zeitung wurde Ende Oktober 1973 in ihrer Wohnung umgebracht.

Mordfall Helga Eckensberger: Die Verlegerin der Braunschweiger Zeitung wurde Ende Oktober 1973 in ihrer Wohnung umgebracht.

Foto: nph / Rust / picture alliance / nordphoto

„Mordfall Helga Eckensberger“: Das ist der Stoff, aus dem längst ein Krimi der Extraklasse hätte werden müssen. Als Roman oder als TV-„Soko“-Thriller. Die Spekulationen, die über der mysteriösen Tat schweben, elektrisieren noch heute: Es ging um Millionen und einen Erbvertrag, um Auftragsmord und Juwelenraub, um Liebe und Sex, um einen Baron und eine reiche Witwe. Zusätzlich waberten über dem an sich schon aufregenden Mix auch noch die Reizworte wie Verfassungsschutz, CIA, Stasi. Und all das im biederen Braunschweig, das damals, 1973, noch am Ende der westlichen Welt lag, dicht am Eisernen Vorhang.

Kein Verbrechen, kaum ein Strafprozess der vergangenen Jahrzehnte hat die Menschen unserer Region so intensiv beschäftigt wie die Ermordung von Helga Eckensberger (57). Das hat viele Gründe: Die noch immer ungelösten Rätsel um den Tod der Verlegerin der Braunschweiger Zeitung, ebenso das schillernde Leben der Multimillionärin, die Prominenz der Verdächtigen, das nie gelüftete Motiv des Täters und die Frage nach „Schattenmännern“.

Das Geständnis von Volkmar Weilguny (30) vor der Braunschweiger Kripo und die Aussage seiner Geliebten ließen zwar keine Zweifel an der Tat selbst aufkommen. Aber die Hintergründe blieben im Dunkel. Weilguny, geboren in Dresden, wohnhaft in Otterfing/Bayern, war an einem Sonnabend, dem 27. Oktober 1973, gegen 9.30 Uhr mit einem der fünf existierenden Schlüssel in die Wohnung im dritten Stock des Hauses Bismarckstraße 14 in Braunschweig eingedrungen. „In einem Kampf auf Leben und Tod“, so das Gericht, hatte er Helga Eckensberger niedergeschlagen und erstickt. Dann zog er der Toten drei mit Smaragden und Diamanten besetzte Platinringe (Wert etwa 700.000 Mark) von den Fingern und verschwand.

Am Montag, dem 29. Oktober, hatte die Chefsekretärin Ingrid Westphal den ganzen Tag versucht, die Verlegerin telefonisch zu erreichen. Am späten Nachmittag fuhr sie mit einer Tasche voller Post in die Bismarckstraße. Als sie bei kühlem Herbstwetter das Schlafzimmerfenster sperrangelweit offen stehen sah, wurde sie von unguten Gefühlen erfasst. Sie rief die Putzhilfe herbei, die den einzig verfügbaren Schlüssel besaß. Dann alarmierte Ingrid Westphal Geschäftsführer Völkel und Personalleiter Gehrke. Zu dritt betraten sie die Wohnung und fanden Helga Eckensberger leblos auf dem Sofa. Blaue Flecken am Hals signalisierten: Das ist wohl kaum ein natürlicher Tod.

Polizei und ein Arzt wurden alarmiert. Die Obduktion am 1. November ergab dann: Bluterguss am Schädel, Würgemale, Kehlkopfverletzung, insgesamt 24 Spuren von Gewalteinwirkung. Eindeutiger konnte der Befund nicht sein: Helga Eckensberger wurde ermordet.

Weilguny schweigt zu den Motiven

Das Problem, das bis heute nachwirkt: Weilguny entschied sich, vor Gericht zu dem Geschehen selbst und zu den Hintergründen zu schweigen. Er bestätigte lediglich, dass die Schilderung seiner Geliebten, die ihn als „den Mörder der Verlegerin“ bezeichnet hatte und Details preisgab, „im Großen und Ganzen richtig“ seien.

Weitere Fragen wies er ab. Auftraggeber? „Bedauere, das werde ich nicht beantworten.“ Woher er einen Schlüssel für die Eckensberger-Wohnung gehabt habe? „Das sage ich nicht.“ Man darf davon ausgehen, dass Weilguny sich sicher fühlte, in der Wohnung niemanden anzutreffen. Davon war auch Generalstaatsanwalt Heinrich Kintzi in einem Gespräch 2013 überzeugt; denn eigentlich – und das war auch im BZ-Pressehaus bekannt – wollte die Verlegerin an jenem Wochenende zu ihrer Freundin nach Salzburg reisen. Das tat sie aber nicht, weil ihr Yorkshire-Terrier „Fritz“ krank war.

Es heizte die Spekulationen zusätzlich an, dass Weilguny vor dem Prozess der Kripo gegenüber auch noch brisante Sätze von sich gegeben hatte. Etwa: „Nehmen Sie mich in Haft. Im Gefängnis bin ich sicherer als draußen.“ Oder: „Es war ein Ausspäh-Auftrag, der schiefgegangen ist.“ Und: „Die Ringe habe ich nur genommen, damit es wie Raub aussieht.“

Bei der Verhandlung vor dem Braunschweiger Schwurgericht zwischen November 1974 und der Urteilsverkündung am 30. Januar 1975 ließ sich Weilguny lediglich ab und zu mal ein paar Worte entlocken. Er wirkte entspannt und lächelte immer mal bei Mutmaßungen und Zeugenaussagen. Staatsanwalt Dieter Reifelsberger mahnte schließlich: „Herr Weilguny. Ihr Schweigen führt dazu, dass wir nicht die Möglichkeit haben, Sie vom Vorwurf des Mordes zu befreien. Ich fürchte, dass Sie ein Vabanquespiel betreiben.“ Weilguny blieb cool, obwohl er wusste: Mord bedeutet eine lebenslange Freiheitsstrafe! Und die beantragte der Staatsanwalt auch.

Gericht fällt sensationelles Urteil

Doch das Gericht traf eine andere Entscheidung. Das Urteil am 30. Januar 1975 lautete – für viele Beobachter sensationell: „12 Jahre Freiheitsstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge und Diebstahl.“ Nichts deute auf einen Auftragsmord hin, hieß es. Wenn es in Bezug auf das Urteil eine Art Kalkulation bei Weilguny und seinen Anwälten Rolf Bossi (München) und H. G. Schramm (Braunschweig) gegeben hat, dann war die Rechnung aufgegangen; denn Anfang 1982 war der Mann, der Helga Eckensberger getötet hatte, nach Verbüßung von drei Vierteln der Strafe wieder frei. Wegen vorbildlicher Führung in der Haft hatte man Weilguny sogar mal gestattet, in Begleitung die Bootsmesse in Düsseldorf zu besuchen.

Die „Akte Eckensberger“ ist bis heute voller Zweifel. Die häuften sich schon, als die Sonderkommission im November 1973 ihre Arbeit aufnahm. Zunächst gingen die Fahnder der Frage nach: Wem nützte dieser Tod? Da geriet schnell der Geliebte der Verlegerin ins Fadenkreuz: Baron Charles Octave de Juniac (57). Der „Ritter der Ehrenlegion“, dem französischen Hochadel angehörend, arbeitete als Banker in London und Paris. Ein eleganter, charmanter Herr mit glänzenden Manieren. Juniac tauchte mit weißer Rose im Knopfloch sofort nach der Todesnachricht in Braunschweig auf und legitimierte sich per Generalvollmacht als Vermögensverwalter der Verlegerin. Er angelte in der Wohnung Bismarckstraße aus einem Versteck flink ein Schmuckstück, öffnete im BZ-Verlagshaus im Büro von Helga Eckensberger einen Safe, räumte ihn leer und entschwand.

An der Bestattung seiner Geliebten, mit der er einst nach Marrakesch, Acapulco und Nairobi gereist war, nahm er nicht teil. Auch nicht an der Eröffnung des Testaments. Dem verheirateten Baron war klar, dass er zu den Verdächtigen gehörte; denn der letzte Wille von Helga Eckensberger bedachte den Adligen mit drei Millionen Mark (versteuert). Doch für die Tatzeit hatte der Baron ein Alibi: Er war an jenem Mordwochenende bei den Rothschilds zur Jagd. Andere im Testament benannte Erben schieden als Verdächtige aus: Etwa BZ-Chefredakteur Hans-Jürgen Heidebrecht, ebenfalls BZ-Aufsichtsrat und Bauunternehmer Bodo Schnitzel und sein Sohn Ken, denen das Loire-Schloss samt Weingut zugedacht war.

Baron de Juniac (geboren 1916, gestorben 2003) lehnte Aussagen vor dem Gericht in Braunschweig ab. Es bestand damals keine Möglichkeit, einen Ausländer ohne eindeutige Beweise vor ein deutsches Gericht zu zitieren oder zur Aussage zu zwingen. Juniac stellte sich – wie der Banker Klaus Webendoerfer von der Eckensberger-Stiftung später berichtete – „äußerst spröde“ an, als es darum ging, die verworrenen Vermögensverhältnisse der Verlegerin aufzuhellen. Da blieb sehr viel unklar. Ein Smaragdring, der zuvor dem Maharadscha von Udaipur gehört haben soll, blieb – laut Klaus Webendoerfer – verschwunden; Jahre später erwarb dies Stück angeblich die Schauspielerin Liz Taylor. Einen von Helga Eckensberger für ihren Geliebten bestellten Mercedes (60.000 Mark teuer, S-Klasse, Rechtslenker) wurde von der BZ-Geschäftsleitung abbestellt.

Allerdings schied der Baron am 11. November 1973, genau 15 Tage nach dem Tod Helga Eckensbergers, schlagartig aus dem Kreis der Verdächtigen aus. Bei Kriminalhauptkommissar Kaeding meldete sich nämlich eine Frau mit der Botschaft: „Ich weiß, wer die Verlegerin umgebracht hat. Der Mann heißt Volkmar Weilguny.“ Schnell stellte sich heraus, dass dieser Tipp zum Täter führte. Damit hatten die Sensations-Spekulationen in Boulevardzeitungen („Von eifersüchtiger Freundin erdrosselt“ oder „Von Erpressern beseitigt“) vorerst ein Ende. Aber dann kamen Fakten ans Licht, die spektakulärer schienen.

Verbindungen zur Verlegerfamilie Voigt

Es stellte sich heraus, dass Volkmar Weilguny Angestellter und eine Art Faktotum der Verlegerfamilie Voigt war, die mit 40 Prozent an jenem Braunschweiger Verlagsunternehmen beteiligt war, bei dem Helga Eckensberger 60 Prozent hielt und als Geschäftsführerin fungierte. Weilguny chauffierte beispielsweise die Verlegerin Isolde Voigt, verkaufte für deren Sohn Henning Voigt (damals 48) häufig Diamanten und Smaragde, arbeitete auch mal in der Münchner Büromaschinen-Firma der Voigts oder in ihrer Reederei (Intermare). Kurz: Weilguny, aus gutem Haus und aus Dresden stammend (genau wie die Voigts), war für die Voigt-Sippe so etwas wie ein „Mann für alle Fälle“.

Das alles war allein noch nicht unbedingt brisant, bis der Clou der Sache in die Öffentlichkeit geriet. Zwischen den Parteien Voigt und Eckensberger bestand ein Vertrag mit einer sogenannten „Heimfallklausel“: Sollte Helga Eckensberger kinderlos und unverheiratet sterben, würden ihre 60 Prozent an die Voigts gehen. Was für ein Knüller! Denn das war nun die Sachlage: Ein Angestellter der Voigts hatte (wie er gestand) die Verlegerin Helga Eckensberger getötet und als Folge davon fiel der Eckensberger-Anteil an der „Braunschweiger Zeitung“ (und der Druckerei Limbach) nun an die Voigts, an Weilgunys Arbeitgeber. Wenn das kein Motiv war! Zeitungen und Magazine (wie „Spiegel“ oder „Stern“) überschlugen sich in Storys.

Auch der Tatablauf konturierte sich inzwischen glasklar. Weilguny war am Freitag, 26. Oktober, vom „Stammsitz“ der Familie Voigt in Falkenstein im Taunus mit einem Voigt-Mercedes nach Trappenkamp in Schleswig-Holstein gefahren. Dort traf (der verheiratete) Weilguny eine ehemalige Dresdner Freundin, bei der er die Nacht verbrachte. Er bat sie dann um ihren unauffälligen VW-Käfer, weil er nach Braunschweig müsse, um „etwas auszuspähen“. Am nächsten Morgen (27. Oktober) startete er um 6 Uhr und kehrte am Abend nach Trappenkamp zurück. „In ziemlich desolatem Zustand“, so die Aussage der Freundin. Weilguny erzählte, dass „etwas schiefgegangen sei.“ Was da schiefgegangen sein konnte, wurde der Freundin klar, als sie nach Tagen in der „Bild“- Zeitung von dem Mord las und die Kripo informierte. Die Belohnung für Hinweise auf den Täter war mittlerweile auf 50.000 DM gestiegen.

Volkmar Weilguny zeigte sich nach der Verhaftung weitgehend geständig. Er führte die Beamten auch dorthin, wo er die drei Platinringe vergraben hatte. Sie lagen in einer Schokakola-Dose unter einer Buche im Hofoldinger Forst unweit von Weilgunys Wohnung in Otterfing bei München. Bei den Vernehmungen geriet nun auch Weilgunys Chef Henning L. Voigt (später Ehren-Senator der Maximilians-Uni in München und Herausgeber der „Braunschweiger Zeitung“) mächtig unter Druck, zumal er sich – trotz des geschickten Eingreifens von seinem Anwalt Joseph Augstein – öfter in Widersprüche verstrickte. Hatte er etwa Weilguny einen Auftrag gegeben? Klar war nur: Er und die ganze Familie Voigt profitierten vom Tod Helga Eckensbergers. Ermittler, Gericht, Staatsanwalt sahen sich nach diesen Zusammenhängen einem ungeheuren Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt.

Aber die Ermittlungen, die das Privatleben der Verlegerin durchleuchteten, förderten dann auch noch eine Reihe weiterer Merkwürdigkeiten ans Licht. Auf dem Nachttisch der Verlegerin wurden Bilder von Dr. Richard Meier gefunden, damals Präsident vom Verfassungsschutz. Der oberste deutsche Geheimdienstler der Bundesrepublik erklärte allerdings, er habe Helga Eckensberger nie getroffen und nie kennengelernt.

Dann tauchte der Name eines CIA-Agenten „John Collins“ auf, den die Verlegerin im Bekanntenkreis häufig erwähnt hatte, und mit dem sie gern ins Pariser „Maxims“ ging. „John“ habe, so erzählte sie, „an den Pariser Vietnam-Friedensverhandlungen teilgenommen“ und „an den Salt-Abrüstungsgesprächen“. Seine Identität blieb unbekannt. Schließlich kam auch noch der DDR-Geheimdienst ins Spiel. Und „Bild“ fragte: Starb Helga Eckensberger im Stasi-Auftrag? Wollte die Stasi Belastungsmaterial gegen den Präsidenten des Verfassungsschutzes sammeln?

Völlig abwegig schien die Stasi-Variante zunächst nicht. Es stellte sich nämlich heraus, dass sich Volkmar Weilguny – als er noch in Dresden wohnte – merkwürdigerweise frei im Ausland bewegen durfte und Oldtimer in den Westen verkaufte. Deshalb hatte der Jagdwaffen-Fabrikant Arndt Voigt, der Weilguny kennengelernt hatte, auch den Kontakt zu seinem Bruder, dem Oldtimer-Enthusiasten Henning L. Voigt hergestellt. Manches schien auf eine „IM-Tätigkeit“ hinzudeuten; denn als Weilguny in der DDR wegen Zoll-Kriminalität in Haft genommen wurde, kam er verblüffend schnell frei und konnte in den Westen übersiedeln. Erstaunlich – wenn man an andere Schicksale von DDR-Bürgern denkt.

Als Weilgunys Verteidiger in dem Zoll-Vergehen fungierte damals einer der prominentesten Juristen der DDR: Friedrich Karl Kaul. Als Jude von den Nazis verjagt, führte er nach 1945 bedeutende Prozesse, trat auch als Anwalt in der Bundesrepublik auf (beim Auschwitz-Prozess) und organisierte 1977 die geheime Zusammenarbeit zwischen DDR-Staatssicherheit und der RAF-Terroristen. Der DDR-Nationalpreisträger Kaul widmete sich später dem „Mordfall Helga Eckensberger“ auch in einem seiner Bücher. Davon erschien (herausgegeben von Braunschweiger Linksextremisten) in den 1990er-Jahren ein Nachdruck. Der strotzt leider vor Fehlern, und überall in dieser Schrift offenbart sich Kauls festgefügter Glaube an Klassenkampf und Kommunismus, diese menschenverachtende Doktrin.

Wer war Helga Eckensberger?

Zurück zu dem Mord von 1973. Fast fünf Jahrzehnte später stellt sich die Frage: Wer war eigentlich diese Helga Eckensberger? Sie war die dritte Frau des Verlegers und Herausgebers der „Braunschweiger Zeitung“ Hans Eckensberger. Nach dem Tod von dessen zweiter Ehefrau, der jüdischen Schauspielerin Margarete Friedmann (sie erlitt 1951 einen Herzschlag in der Badewanne), hatte Eckensberger die lebhafte, frankophile Düsseldorferin Helga N. kennengelernt (damals 38). Die beiden heirateten, und als Hans Eckensberger 1966 nach einem Herzanfall im Hamburger Hotel „Atlantic“ starb, wurde seine Frau zur Alleinerbin.

Ihr hatte der nicht nur wohlhabende, sondern reiche Hans Eckensberger ein Luxusleben ermöglicht, das zu dem bodenständigen Verleger eigentlich gar nicht so recht passte. Zu einem Mann, der mit Klempner Gerhard Aderhold und Ex-Schriftsetzer Hans Ehrhoff Skat spielte, der in seinem Haus in der Hennebergstraße Nachbarn zum Braunkohlessen lud von der Eintracht-Tribüne aus „Tor, Tor“ brüllte. Doch zu seinem neuen Lebensstil gehörten nun ein Schloss mit Weingut an der Loire (Chateau d‘Éternes), ein Appartement in Paris sowie Reisen nach Hawaii und Kalifornien. Oder nach Brasilien, wo Eckensberger ebenfalls ein Weingut in Rio Grande do Sul besaß und enge Freunde traf. Wie etwa den Wolfenbütteler Spirituosenfabrikanten Wilhelm Mast, der 1939 seiner jüdischen Freundin Lieselotte Reis (Wolfenbüttel) nach Sao Paul gefolgt war. Diese Lieselotte heiratete übrigens Jahre darauf den jüdischen Unternehmer Dr. Ernest Boas; beide Eheleute gehörten später dem BZ-Aufsichtsrat an.

Nach dem Tod von Hans Eckensberger steigerte sich der mondäne Reigen der Witwe: Paris, London, New York. Nur zeitweise kümmerte sich die neue Chefin um die „BZ“, der sie wechselnde Geschäftsführer verpasste (Dr. Pötz, Ermel, Völkel). Da sie in Frankreich ihren Hauptwohnsitz hatte, durfte sie sich aus steuerlichen Gründen maximal drei Monate im Jahr in Braunschweig aufhalten. Sie wohnte im „Lessinghof“ in der Okerstraße, später in Bodo Schintzels Wohnung in der Bismarckstraße.

Wenn sie aber mal im Pressehaus am Hutfiltern auftauchte, ging‘s rund. Das spürte man in allen Büros. Sie widmete sich dann sogar Kleinigkeiten. Etwa Gehaltsgesprächen mit Journalisten: „100 Mark mehr im Monat? Die Wirtschaftslage ist nun wahrlich nicht so rosig, mein Lieber. Sehen Sie mich an: Mein Mittagessen? Eine Bockwurst.“ Und schon sauste sie im wehenden Zobelmantel zu Steimker Witte am Kattreppeln. Bei den BZ-Telefonisten Schorm, Kämmer, Steinmann glühten die Apparate im Dauereinsatz. Sie verbanden die Chefin mit irgendwelchen Prinzessinnen, notierten Rückrufbitten aus Hollywood oder Rom und nahmen Ernährungshinweise von Freundinnen für den Schoßhund „Fritz“ entgegen. „Unser aller Helga“ (Zitat von Redakteur Dieter Diestelmann) hatte sogar einen Butler, der eigentlich Ernst hieß und aus Aachen stammte, der aber (in Livree auftretend und den kamelhaarfarbenen Mercedes 600 mit dem Pariser Kennzeichen steuernd) „Ernest“ gerufen wurde. Später warf sie diese treue Seele aus nichtigem Grund rücksichtslos raus, nachdem er zuvor in „Kaindl‘s Butlerschule“ in München feinste Umgangsformen hatte lernen müssen. Manchmal musste auch ein Physiotherapeut aus Genf einfliegen, um die Rückenprobleme der Verlegerin zu lindern. Und zu Advent war New York angesagt. Kurz: Ein Jet-Set-Leben. Große Welt. Bis Volkmar Weilguny die Wohnungstür aufschloss . . .

„Tatort“: Die Crime-Serie der Braunschweiger Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten. Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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