Wegen Corona – Ist der Karneval in Braunschweig noch zu retten?

Braunschweig.  Im Interview erläutert Gerhard Baller vom Komitee Braunschweiger Karneval „Plan B“. Er macht klar: „Den Karneval lassen wir nicht untergehen!“

11.11., Sessionseröffnung auf dem Kohlmarkt, eine Szene aus früheren Jahren.

11.11., Sessionseröffnung auf dem Kohlmarkt, eine Szene aus früheren Jahren.

Foto: Archiv (2017) Philipp Ziebart/BestPixels.de

Der Bund Deutscher Karneval (BDK) hat wegen der Corona-Pandemie vor wenigen Tagen für die Session 2020/21 zum Verzicht auf Rosenmontagszüge und Narren-Sitzungen aufgerufen. Zuvor schon hatten verantwortliche Karnevalisten in der Hochburg Braunschweig einen „Plan B“ aufgestellt. Henning Noske sprach darüber mit Gerhard Baller vom Komitee Braunschweiger Karneval.

Der Schoduvel ist bereits abgesagt. Was wird der Ersatz sein?

Im Juli war uns schon klar, dass wir unter den derzeitigen Bedingungen im Februar 2021 keine Großveranstaltung wie den Schoduvel durchführen können. Seitdem haben wir einen Plan B. Er sieht vor, dass wir am 11.11. zur Sessionseröffnung statt eines Empfangs in der Dornse eine öffentliche Veranstaltung auf dem Kohlmarkt mit Prinzenproklamation, Prinzensud-Anstich und Biwak mit karnevalistischen Darbietungen haben werden – natürlich mit einem Hygienekonzept, das mit Gesundheitsamt und Stadtmarketing beraten und erstellt wird. Ein Entwurf liegt zur Genehmigung bei der Stadt Braunschweig bereits vor.

Karneval und Hygienekonzept – schließt sich das nicht gegenseitig aus?

Na ja, da sind natürlich Einschränkungen notwendig. Wir müssen uns mit der Corona-Wirklichkeit auseinandersetzen, das heißt eben Abstandsgebot und mehr. Da müssen wir sehen, dass wir da heile rauskommen. Wir wollen nicht die Gesundheit der Zuschauer, Teilnehmer und Aktiven gefährden. Also werden wir versuchen, uns nach den Vorgaben zu richten und alles zu erfüllen. Uns ist die Gesundheit genauso wichtig wie der Spaß. Es wird zwar Prinzensud geben, aber keine kleinen Fröhlichmacher, das fäll diesmal aus.

Sie sind sicher, dass sich alle dran halten?

Wir werden Hygiene-Engel haben! So, wie wir sonst Ordnungskräfte beim Schoduvel haben, die aufpassen und für Sicherheit sorgen, so werden wir das auch bei der Einhaltung des Hygienekonzepts machen. Sie passen auf, dass der Abstand eingehalten wird, dass Masken bis zum desinfizierten festen Sitzplatz getragen werden etc.

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Gerade verglichen Sie Corona mit schweren Traktorrädern, die einen überrollen können. Deshalb also Hygiene-Engel. Ist aber nicht Karneval mit Hygienemaßnahmen, ganz ehrlich, etwa so wie Fußball unter Wasser?

Wir werden das lernen müssen! Übrigens nicht nur beim Karneval. Die ganze Gesellschaft muss lernen, mit Corona zu leben. Das machen wir doch schon die ganze Zeit – und dazu gehört auch der Karneval. Und wir werden auch Weihnachten mit Corona leben müssen. Ich sage von Anfang an: Man kann den Karneval nicht abschaffen! Er findet statt wie Weihnachten. Es gibt ihn und es wird ihn geben, aber eben anders. Anders, als wir ihn gewohnt waren.

Vielleicht auch, um ihn zu retten?

Ja, wir müssen dieses Jahr überbrücken und sehen, dass wir im darauffolgenden Jahr dort wieder anknüpfen können, wo wir aufgehört haben. Wenn es denn geht. Und wenn es nicht geht, dann müssen wir uns wieder etwas Neues einfallen lassen. Den Karneval werden wir nicht untergehen lassen!

Und was wird aus den Prunksitzungen?

Sie können in dieser Session nicht stattfinden. Es gibt keine Großveranstaltungen. Wir werden kein Hygienekonzept für eine Prunksitzung in der Stadthalle hinbekommen. Stattdessen haben wir uns ein Projekt namens Helau-TV ausgedacht. Es ist eine Generalprobe, die in der Stadthalle stattfinden wird. Wir werden sie mit allen Aktiven, die schon fleißig üben, präsentieren – mit allem, was für die Session vorbereitet wurde. Das filmen wir und produzieren daraus DVDs. Und damit „beliefern“ wir dann kleine Veranstaltungen. Man muss wissen, dass wir pro Session mit allen drei Karneval-Gesellschaften rund 60 Veranstaltungen in Altenheimen, sozialen Einrichtungen etc. bestreiten. Wir könnten sie diesmal eigentlich nicht durchführen, liefern jedoch auf DVD.

Auch bei Youtube?

Die nächste Stufe ist, dass wir das in die sozialen Netzwerke bringen. Darüber müssen wir mit der Gema noch verhandeln, sind jedoch auf einem guten Weg.

Und was haben Sie sich denn nun als Ersatz für den Schoduvel am 14. Februar 2021 ausgedacht?

Zunächst werden wir ein Karnevalsforum haben, ein Zelt, das wir vom 18. Januar bis zum 30. Januar 2021 auf dem Schlossplatz aufstellen wollen. Täglich von Montag bis Samstag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. In diesem Zelt wollen wir zeigen, was den Karneval ausmacht, zum Beispiel den Wagenbau für den Schoduvel. Unsere Künstler, die die Wagen gestalten, werden dort ihre Ateliers einrichten. Sie werden Jugendliche einbinden, zeigen, wie Prunk- und Motivwagen entstehen. Ein Film über unsere politischen Wagen der letzten Jahre wird produziert. Was haben wir kritisiert, welche Anstöße gegeben? Wir werden in einem Wettbewerb auch Vorschläge für Motivwagen für 2022 von den Bürgern einsammeln! Die Künstler setzen das um. Ein spannendes Experiment.

Eine Messe der Möglichkeiten des Karnevals, gute Idee. Ja, und nun der Tag welcher, der des ausgefallenen Schoduvels?

Er wird uns wohl immer in Erinnerung bleiben. Wir wollen am 14. Februar einen Tag der offenen Tür im Schoduvel-Zentrum in Kralenriede veranstalten. Auch für das dann notwendige Hygienekonzept wird die dann bestehende Infektionslage entscheidend sein, die wir jetzt noch nicht kennen. Wir planen aber, auf diesem großflächigen Gelände eine kleine Bühne aufzubauen, Vorführungen und Wagen zu zeigen, wir können dort Sitzplätze einrichten. Eine attraktive Sache.

Was gibt’s zu trinken?

Ja, ein Getränkestand ist geplant, aber keine Spirituosen, nur Bier und nichtalkoholische Getränke.

Ist der Karneval noch zu retten?

Wichtig ist, dass die Aktiven nicht die Motivation verlieren. Wir haben so viele Tanzgruppen. Jetzt ist der aktuellste Stand, dass leider alle Turniere im karnevalistischen Tanzsport in dieser Session abgesagt wurden. Es gibt keine Qualifikationsturniere, keine Meisterschaft, die letzte fand übrigens 2019 in Braunschweig statt. Unsere karnevalistische Tanzsportgemeinschaft hat jetzt 95 Tänzerinnen mit 13 Trainern und fünf Betreuern. Sie werden weitertrainieren. Es geht weiter, 2022 wollen wir oben mitmischen.

Die Karnevalsumzüge in Deutschland sind inzwischen abgesagt. Aber der Braunschweiger Weg gilt mittlerweile als Ersatz-Modell für die Corona-Session.

Ja, das wird in der Tat vom Bund Deutscher Karneval mit großem Interesse registriert. Präsident Klaus-Ludwig Fess wird im Januar eine große bundesweite Pressekonferenz hier bei uns im Zelt auf dem Schlossplatz durchführen und unser Karnevalsforum besuchen. Das ist schon eine Anerkennung unserer Arbeit. Aber wichtig ist auch die Botschaft an alle Karnevalisten: Wir müssen jetzt die Disziplin einhalten. Die hemmungslose Freude, sage ich mal, muss etwas nach innen gekehrt werden. Mit Abstand! Wir dürfen keine Gesundheitsrisiken heraufbeschwören. Einen Hotspot darf es nicht geben.

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