Polizei Braunschweig wegen Randale nach Eintracht-Spiel in Kritik

Braunschweig.  200 Fans waren im Magniviertel. Es kam zu Rangeleien, viel Feuerwerk wurde gezündet. Unbeteiligte flüchteten. Die Polizei nimmt Stellung dazu.

Am Abend wurden im Magniviertel Feuerwerkskörper gezündet. Gäste mussten fliehen.

Am Abend wurden im Magniviertel Feuerwerkskörper gezündet. Gäste mussten fliehen.

Foto: Michael Rathke

Nach dem letzten Saisonspiel von Eintracht Braunschweig am Samstag in Meppen ist es am Abend im Braunschweiger Magniviertel zu Randalen gekommen. Wie Polizeisprecherin Carolin Scherf am Sonntagvormittag auf Anfrage bestätigte, hatten sich dort bis zu 200 Personen versammelt. Sie sprach von einer sehr turbulenten und unfriedlichen Situation.

Etliche Beteiligte hätten massiv Pyrotechnik abgebrannt. Außerdem ist es Scherf zufolge zu körperlichen Auseinandersetzungen der dort Versammelten untereinander gekommen. Die Polizei habe den Verursachern Platzverweise für die Innenstadt erteilt.

Augenzeuge: Gäste der umliegenden Restaurants mussten vor Randalierern flüchten

Ein Augenzeuge der Vorfälle im Magniviertel berichtete unserer Redaktion Folgendes: „Als ab 17 Uhr dann auch Pyrotechnik zum Einsatz kam, eskalierte die Situation immer mehr: Es kam zu Handgreiflichkeiten und die Gäste der umliegenden Restaurants mussten vor den Randalierern flüchten. Gäste stürzten mit Kinderwagen in die Gaststätten. Die freiwerdenden Plätze wurden von den Chaoten eingenommen, die dort ihren im Kiosk im Viertel erworbenen Alkohol tranken. Personal, das das eigene Mobiliar schützen wollte, wurde mit Schlägen gedroht.“

Mehreren Cafés und Restaurants sei es trotzdem gelungen, die Mehrzahl ihrer Tische und Stühle in Sicherheit zu bringen. Weiter heißt es: „Und was macht die Polizei bei alledem? Nichts, absolut nichts. Auf Anrufe der Wirte und Gäste erfolgt keine Reaktion. Die Polizei bezieht später zwar Stellung am Rande des Magniviertels, unter anderem am Kurt-Seeleke-Platz (am Städtischen Museum, Anm. d. R.), schreitet aber nicht ein. Derweil schließen einige Restaurants, ob der bedrohlichen Situation. Man gewinnt das Gefühl, dass der Rechtsstaat kapituliert. Offenbar um Eskalationen zu vermeiden, macht die Polizei gar nichts, um die Bürger der Stadt zu schützen. Vermutlich fing es in Stuttgart auch einmal so an. Traurig. Aber wenn der ,normale’ Bürger im Park zu wenig Abstand hält, gibt’s ein Bußgeld. Das verstehe, wer will.“

Heftige Kritik vom Betreiber des Restaurants „Anders“

Auch Michael Rathke, Betreiber des Restaurants „Anders“ und Vorsitzender der Werbegemeinschaft im Magniviertel, meldete sich am Sonntag: „Die Polizei konnte die Bürger wieder einmal nicht schützen. Die Lage eskalierte hier am frühen Abend. Zahlreiche Fans fielen hier ein und hielten sich an keinerlei Corona-Auflagen.“ Gegen 18 Uhr seien Bengalos gezündet worden – mit der Folge, dass seine Gäste und auch die der benachbarten Lokale wie ,Strupait’ und ,Two Doors’ ihre Sitze draußen verlassen mussten. Familien mit Kindern hätten drinnen Schutz vor den Rauchwolken gesucht.

„Die Situation wurde so brenzlig, dass wir alle die Außenflächen geräumt haben“, sagt Rathke. Lautstarke Fans hätten diese Bereich dann besetzt. Die sichtbar Betrunkenen hätten im Kiosk immer weiter Nachschub gekauft, zudem sei auch der Ausschank in einer Kneipe unter den Augen der Polizei munter weitergegangen. An die geforderte Corona-Dokumentation habe da garantiert keiner mehr gedacht.

„Mehrere Anrufe bei der Polizei halfen nichts“, kritisiert Rathke. „Die Polizisten, die am Städtischen Museum standen, haben nicht eingegriffen, sondern nur zugeschaut, wie wir unsere Freisitzflächen abräumen mussten, so dass wir weitere Umsatzverluste hinnehmen mussten. Um 20 Uhr haben wir dann auch komplett geschlossen. Wir haben die Polizisten angesprochen und erhielten die Antwort, dass sie nichts dagegen unternehmen könnten. Unsere Nachbarin traute sich abends nicht mehr mit dem Hund raus.“

Was ihn besonders ärgert: „Beim Magnifest gibt es höchste Sicherheitsvorkehrungen, die Feuerwehr achtet peinlich auf alles, und wir müssen ausreichend Sicherheitskräfte vor Ort haben“, so Rathke. „Ich frage mich, wo hier das Sicherheitskonzept war, wenn zwischen den Fachwerkhäusern ein Feuerwerk nach dem anderen gezündet werden darf – mal ganz abgesehen von den gesundheitlichen Schäden.“

Er rätselt, warum Stadt und Polizei hier im Vorfeld nicht gewappnet waren. Die Zustände an den bei krawallbereiten Fußballfans beliebten Kneipen seien doch bekannt. „Wenn man aus Vorfällen wie in Stuttgart nicht lernt, wie schnell das eskalieren kann, dann verstehe ich die Welt nicht mehr“, sagt Rathke. „Ich bin auch großer Eintracht-Fan, aber das geht doch nicht. Und es sind immer die Gleichen. Das weiß doch auch die Polizei.“

Passanten: Stimmung war sehr aggressiv, sehr angespannt

Ein anderer Augenzeuge berichtet, dass er auf dem Lichtparcours unterwegs war und am späten Abend kurz nach 23 Uhr vom städtischen Museum her ins Magniviertel gekommen sei – zusammen mit seiner Frau und einem befreundeten Paar, vorbei an mehreren Polizeiwagen. „Die Stimmung war sehr aggressiv, sehr angespannt, es wurde gegrölt. Auf dem Boden lagen Scherben. Am ,Magnitorwächter’ standen viele Menschen ohne jeglichen Abstand.“ Ein Typ sei ihnen aus der Menge heraus bewusst in den Weg gelaufen, habe sie angemacht.

Der Mann berichtet, dass sie weitergegangen seien und dann im Bereich des Magnikirchplatzes Polizisten angesprochen hätten. Die Einsatzkräfte hätten daraufhin aber nichts getan. Kurz darauf seien Feuerwerkskörper gezündet worden, erneut ohne Reaktion der Polizei. „Das waren letztlich nur vier bis fünf richtig betrunkene Leute, die man hätte rausziehen müssen“, meint der Augenzeuge. „Wir haben nicht verstanden, warum man die hat gewähren lassen. Der Abend war dann gelaufen. Es ist auch rätselhaft, warum man uns überhaupt hat in die Straße gehen lassen – ein Hinweis von den Polizisten am Städtischen Museum, und wir hätten die Ecke gemieden.“

Das sagt die Polizei

Am Sonntagnachmittag äußerte sich die Polizei mit einer Pressemitteilung. „Zu einer Zuspitzung der Situation kam es zwischen 19 Uhr und 20.30 Uhr im Bereich Am Magnitor“, heißt es darin. „Im Umfeld einer dortigen Gaststätte und eines Kiosks hatten sich in der Spitze bis zu 200 Personen eingefunden, die das Saisonende mit ausgiebigem Alkoholgenuss begingen. Aufgrund der Alkoholisierung und der ausgelassenen Stimmung wurde wiederholt blaue und gelbe Pyrotechnik abgebrannt, woraufhin die polizeilichen Ermittlungen umgehend aufgenommen wurden. Diese Situation führte zu zahlreichen Beschwerden von Passanten, Anwohnern und aus umliegenden Gaststätten.“

Mitglieder der rechten Szene kamen vorbei

Die Lage wurde laut Polizei zusätzlich angeheizt, als zwei amtsbekannte Mitglieder der örtlichen rechten Szene vor Ort erschienen und die Ansammlung für ihre Zwecke nutzen wollten. „Die Fanszene reagierte sofort. In der Menschenmenge kam es in der Folge zu Streitigkeiten, die kurzzeitig zu eskalieren drohten und gewalttätige Ausschreitungen zwischen den Angehörigen der Fußballszene und den beiden Männern unmittelbar bevorstehend befürchten ließen. Die Situation beruhigte sich, als sich die beiden Personen nach kurzer Zeit entfernten.“

Die Polizei habe eingegriffen und Strafverfahren gegen die Beteiligten eingeleitet. Im Weiteren sei wegen des Zeigens des Hitlergrußes ein Strafverfahren eingeleitet worden.

Ermittlungsverfahren gegen Betreiber von Kneipe und Kiosk

„Die Polizei hatte bereits im Vorfeld Kontakt zum Fanbeauftragten des Vereins aufgenommen, der am Abend vor Ort war“, heißt es in der Pressemitteilung. „Er versuchte, mäßigend auf die Fußballfans einzuwirken, und drängte dabei auch auf das Einhalten des Abstandsgebots, was aber vielfach erfolglos war. Neben den polizeilichen Maßnahmen trug auch dies letztlich zur Beruhigung der Situation bei und gegen 20.30 Uhr verließen die meisten Feiernden nach und nach das Magniviertel in Richtung Innenstadt. Lediglich eine Gruppe von ca. 30 Personen hielt sich dort länger auf.“

Das Verhalten der Betreiber einer Gaststätte sowie des Kiosks im Hinblick auf den Alkoholausschank muss aus Sicht der Polizei überprüft werden. „Hier hatte das Ordnungsamt der Stadt Braunschweig noch am Nachmittag Kontakt aufgenommen und einvernehmlich um einen maßvollen Alkoholausschank und andere Maßnahmen gebeten, um die Folgen des übermäßigen Alkoholkonsums und Eskalationen zu minimieren“, so die Polizei. „An diese Absprachen wurde sich offensichtlich nicht gehalten. Daher wurden gegen die Verantwortlichen Ermittlungsverfahren eingeleitet.“

Betroffene Bürger können sich bei der Polizei melden

Bis in die frühen Morgenstunden sei die Polizei in der Innenstadt präsent gewesen und habe auch die Einhaltung der Abstandsbeschränkungen kontrolliert. Man habe Lautsprecherdurchsagen veranlasst und Platzverweise gegen Einzelpersonen ausgesprochen.

„Im Verlauf des Abends wurden fast 40 Eingriffsmaßnahmen, unter anderem mit Zwang, getroffen, 12 Platzverweise erteilt und 14 Ermittlungsverfahren eingeleitet“, so die Polizei. „Nach Auswertung der zur Beweissicherung erfolgten Bildaufzeichnungen werden weitere Ermittlungsverfahren eingeleitet, insbesondere in Bezug auf das Abbrennen der Pyrotechnik und die Verstöße gegen die Regierungsverordnung zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. In diesem Zusammenhang bittet die Polizei die vom Verhalten der Fußballfans betroffenen Personen, sich bei der Polizei zu melden und gefertigte Foto- und Filmaufnahmen zur Verfügung zu stellen.“

Was sagt die Polizei zur Kritik von Passanten und Restaurantbetreibern?

Zu der Kritik am Nichteingreifen der Polizei sagt Pressesprecherin Carolin Scherf auf Nachfrage unserer Redaktion: „Die Kritik müssen wir annehmen. Wir verstehen, dass es für die Bürger nicht zufriedenstellend ist, dass wir zu dem Zeitpunkt nicht eingeschritten sind, und dass sich einige mehr als unwohl gefühlt haben.“

Ihr zufolge sind durchaus Passanten auf die Polizei zugegangen, allerdings habe niemand von körperlichen Übergriffen berichtet. Vielmehr seien hauptsächlich Ordnungswidrigkeiten gemeldet worden. „Wir wussten von keinen Passanten, die in Gaststätten flüchten mussten“, sagt Scherf. „Dass das Abbrennen von Nebeltöpfen sehr beunruhigend wirken kann, verstehen wir. Es war sehr tumultig.“

Die Polizei sei zeitgleich aber nicht nur im Magniviertel gewesen, sondern auch an anderen Stellen im Stadtgebiet, wo Pyrotechnik abgebrannt wurde und Abstände nicht eingehalten wurden. Deswegen sei es nicht möglich gewesen, sofort in voller Stärke im Magniviertel einzugreifen. Außerdem: „Wenn wir diesem Klientel gegenüberstehen, wissen wir, dass es zur Eskalation und weiteren körperlichen Auseinandersetzungen kommen kann.“

Inspektionsleiter: Anwohner und andere wurden in nicht zu tolerierender Weise beeinträchtigt

Der Leiter der Polizeiinspektion Braunschweig, Axel Werner, zeigt sich laut der Pressemitteilung enttäuscht vom Verlauf des Abends und insbesondere vom Verhalten der Fußballfans im Magniviertel: „Ich hatte schon erwartet, dass die Begeisterung über den Aufstieg des Vereins nach den Ereignissen am 1. Juli und den Appellen des Oberbürgermeisters und von Eintracht Braunschweig in vernünftigen Bahnen verläuft. Leider haben dies nicht alle verstanden.“

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Magniviertels und unbeteiligte Personen seien in nicht zu tolerierender Weise beeinträchtigt worden. „In derartigen Situationen ist es für die Einsatzkräfte immer schwierig, den Spagat erfolgreich vorzunehmen zwischen der Einhaltung der Regeln und Verordnungen, einem geordneten Verlauf derartiger Veranstaltungen ohne weitere Eskalationen auch in andere Bereiche und der Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“, so Werner. „In diesem Zusammenhang werden wir Verstöße und Straftaten mit Nachdruck verfolgen. Da Einzelne offensichtlich nur auf die Weise erreicht werden können, hoffe ich hier auch auf die entsprechende justizielle Sanktionierung.“

Keine Ansammlungen am Stadion und am Bohlweg

Vorm Stadion und auf dem Schlossplatz gab es am Samstag anders als nach dem Spiel am Mittwoch keine großen Ansammlungen von Fans. Die Polizei hatte vor dem Spiel noch an die Fans appelliert, Abstände zu wahren und sich vorbildhaft zu verhalten.

Allerdings habe am Samstagnachmittag eine Gruppe am Mittelweg Pyrotechnik abgebrannt, so die Polizei. Man habe Strafverfahren eingeleitet und weitere pyrotechnische Gegenstände beschlagnahmt. In der Innenstadt skandierte zudem eine Personengruppe lautstark Beleidigungen zum Nachteil der Polizeibeamten. „Strafanzeigen gegen die Personen wurden gefertigt und Platzverweise für die Braunschweiger Innenstadt ausgesprochen“, heißt es in der Pressemitteilung. Eine Person wurde in Gewahrsam genommen.

Nach der Mittwoch-Partie und dem Aufstieg in die 2. Bundesliga hatten sich einige hundert Menschen vorm Stadion und am Bohlweg versammelt und dort gefeiert – ohne die angesichts der Corona-Pandemie geforderten Abstände einzuhalten. Es gab viel Empörung über die Fans sowie Kritik, dass die Polizei nicht eingeschritten ist. Die Polizei hatte daraufhin erläutert, dass bei einem Eingreifen mit einer Eskalation zu rechnen gewesen wäre. Oberste Prämisse sei gewesen, einen friedlichen Verlauf zu gewährleisten – und das sei gelungen, es habe am Mittwochabend keinerlei Körperverletzungen gegeben.

Der Artikel wurde aktualisiert.

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