Corona: 13 Frauen in Braunschweiger Bruchstraße gestrandet

Braunschweig.  Die ausländischen Prostituierten haben kein Geld, weil sie nicht arbeiten dürfen – können aber auch nicht zurück in ihre Heimat.

Ehrenamtliche Helfer der Gruppe „Foodsharing“ verteilen in der Bruchstraße kostenlose Lebensmittel. Das Fernsehen macht Aufnahmen.

Ehrenamtliche Helfer der Gruppe „Foodsharing“ verteilen in der Bruchstraße kostenlose Lebensmittel. Das Fernsehen macht Aufnahmen.

Foto: Norbert Jonscher

Ana, Monica, Sofia, Angelica und all die anderen Frauen von der Bruchstraße haben schon bessere Tage gesehen. Sie hocken ohne Kundschaft in ihren Studios und wenn sie aus dem Fenster schauen, sehen sie nur Tristesse. Tote Hose. Lockdown auch im ältesten Gewerbe der Welt, das zum Erliegen gekommen ist. 13 ausländische Frauen sind in der Braunschweiger Amüsiermeile gestrandet. Sie sitzen dort seit Wochen fest, ohne Geld, ohne Einkünfte, und können nicht in ihre Heimat zurückkehren, wo ihre Familien auf sie warten.

„Ich habe einen zehnjährigen Sohn, der ist traurig, weil er seine Mama nicht sehen kann“, sagt die 30-jährige Monica, eine Bulgarin, die in der „Gondel“ arbeitet, besser: gearbeitet hat, denn seit Wochen ist dort Schluss mit lustig. Immerhin, per Notebook hilft sie ihrem Sohn täglich bei den Schularbeiten. Denn auch in Bulgarien sind die Schulen geschlossen.

Letzter Flieger ohne sie

Die Corona-Krise hat die jungen Bulgarinnen, Rumäninnen und Jamaikanerinnen, die in der Bruchstraße jetzt noch die Stellung halten, knallhart getroffen. Die Corona-Verordnung von Mitte März kam für sie unerwartet, keine Zeit mehr, den letzten Flieger in ihre Heimat noch zu erwischen. Er flog ohne sie.

Seit Wochen haben sie alle keine Kundschaft mehr. Der Staat will es so, und die Begründung ist stichhaltig: Zu groß ist die Ansteckungsgefahr gerade hier, wo man sich näher kommt als es die Polizei derzeit erlaubt. Für die Frauen lauert hinter dem strikten Berufsverbot aber auch eine Gefahr: Sollten sie dem Drängen eines Freiers, die unvermindert in der Meile lustwandeln, nachgeben, droht empfindliches Bußgeld – im vierstelligen Bereich. Denn rein rechtlich gelten die Frauen als selbstständige Unternehmerinnen und hier sieht der Bußgeldkatalog schnell Beträge zwischen 1.000 und 3.000 Euro vor.

Ansprüche aus Corona-Fonds?

Die jungen Ich-AGs könnten – theoretisch – Ansprüche aus staatlichen Corona-Hilfsfonds geltend machen. Doch wie soll das funktionieren, wenn man nur sehr gebrochen Deutsch spricht, nicht mal ein eigenes Girokonto hat und keiner einem sagt, dass es einen solchen Fonds überhaupt gibt? Eine weitere Voraussetzung: dass regelmäßig Steuern gezahlt werden, denn sonst könnte der Schuss schnell nach hinten losgehen.

Bis Ende 2021 warten?

Wir hören uns um. Allen Frauen ist klar: Sie, die Prostituierten, werden die letzten sein, die ihren Job wieder aufnehmen können. Nicht vor Ende 2021 werde das sein, hat man ihnen gesagt. Doch was tun ohne Geld? Die Hände in den Schoß legen? Immerhin, sie alle mussten ihre Zimmer – Kosten zumeist 60 Euro pro Tag – nicht räumen, nicht den Gang in die Obdachlosigkeit antreten. Die Vermieter zeigen Herz – und lassen die Frauen kostenlos in ihren Zimmern weiter wohnen. „Das wäre sonst eine Katastrophe. Ich müsste auf der Straße schlafen“, sagt uns eine.

Und der Staat? Tut sich schwer, den Frauen zu helfen. Sozialarbeiterinnen des Gesundheitsamtes seien jetzt unterwegs, die die Frauen beraten und nach Möglichkeit unterstützen, etwa bei der Antragstellung auf Arbeitslosengeld II (Hartz IV), sagt Rainer Keunecke, Sprecher der Stadtverwaltung. Es seien einige Anträge gestellt worden. Dies gestalte sich aber schwierig, da den Frauen zumeist Voraussetzungen wie Meldebescheinigungen, Versicherungen bei einer Krankenkasse oder ein eigenes Bankkonto fehlen. Keunecke: „Erschwerend kommt die Angst vor einer damit verbundenen Meldung beim Finanzamt hinzu, die in ihren Augen als behördliche Verfolgung betrachtet wird.“ Durch das Erfassen personengebundener Daten befürchteten die zumeist aus dem Ausland stammenden Frauen, dass ihre Tätigkeit in ihren Heimatländern bekannt wird.

Finanzielle Unterstützung erhalten die Frauen übrigens nach Kenntnis der Stadtverwaltung von dort bislang nicht. Verschiedene Braunschweiger Initiativen wie Schrill e.V. und die ehrenamtliche Gruppe „Foodsharing” helfen ihnen mit Lebensmitteln. „Auch die Spenden am Gabenzaun bei Karstadt werden von den mittellosen Frauen genutzt.“

Bei Bekannten Geld gepumpt

Um sich über Wasser zu halten, pumpen sich die meisten Geld von Freunden und Bekannten, wie sie uns berichten. Das sie später wieder abarbeiten müssen. Rücklagen gebe es keine. Was übrig bleibt vom Liebeslohn, wird umgehend in die Heimat überwiesen.

Und so hocken die Frauen nun mittellos in den Freudenhäusern der Bruchstraße, in der „Libelle“, der „Orchidee“, im „Moulin Rouge“, im „Pigalle“, im „Blauen Engel“, in der „Schwarzen Katze“ und wie die pikanten Etablissements heißen.

Zwei bis drei Mal wöchentlich kommt Essen auf Rädern für sie vorbei. Mitarbeiterinnen vom „Foodsharing“ haben frisches Obst und Gemüse dabei, auch Süßigkeiten und Konserven, die abgegeben wurden. „Die Frauen nehmen die Sachen gerne und freuen sich jedesmal, wenn sie uns sehen“, berichtet Kathrin Monyer-Rogner. Sie hat ihre Ware hinten im Kofferraum dabei. Wie im Lebensmittelmarkt können die Frauen auswählen, sich die Zutaten für eine warme Mahlzeit zusammenstellen

Psychische Probleme

Wir schauen uns weiter um. Zwar sind viele der Zimmer in der verwinkelten Fachwerkgasse kaum größer als zehn Quadratmeter. Doch auf den meisten Etagen gibt es Kochgelegenheiten. Immerhin. Ansonsten seien die Tage sehr lang, ohne Abwechslung. Monica hat deshalb jetzt Besuch bekommen, aus Göttingen. Eine Freundin namens Violetta (38) ist da, sie arbeitet ebenfalls in der Branche, hat aber derzeit psychische Probleme, wie sie sagt. Sie sei in einem Krankenhaus behandelt worden, sagt die Bulgarin. Dort habe man ihr Tabletten verschrieben. Doch kaufen könne sie die nicht – und zeigt auf ein leeres Portemonnaie.

Auch Solwodi steht bereit

Beide Frauen haben sich helfen lassen – und gemeinsam mit Sozialarbeiterinnen Hartz IV-Anträge ausgefüllt. Geld sei aber noch nicht eingetroffen. Hilfe bietet Prostituierten in Not auch die Beratungsstelle Solwodi in der Bernerstraße an. Sogar per Notfallhandy sind die Beraterinnen erreichbar. „Wir hatten eigentlich mit Anfragen gerechnet“, sagt uns eine Mitarbeiterin. Das sei aber nicht der Fall gewesen. Die Frauen versuchten, nach allem, was man wisse, sich auf eigene Faust durchzuschlagen.

Dass hin und wieder Frauen gegen die Regeln verstoßen und ihre Dienste außerhalb der Bruchstraße anbieten, wird dort nicht sehr gern gesehen. Die Nachfrage nach bezahltem Sex ist trotz des Risikos, sich mit dem Virus zu infizieren, immer noch da, das sieht man an interessierten Bruchstraßen-Passanten. Doch längst sitzen keine Frauen mehr im Fenster, bieten ihren Körper an. Aufsichtspersonal achtet darauf, dass rund um die Amüsiermeile, im Volksmund „Banane“ genannt, nichts anbrennt.

Doch wenn Frauen ihre Kunden im angrenzenden Parkhaus empfangen, sagt uns einer, dagegen könne man schwer etwas tun. Das sei dann reines Privatvergnügen.

Der Artikel wurde aktualisiert. In einer früheren Version war versehentlich die Rede davon, dass Mitarbeiter der Braunschweiger Tafel Lebensmittel vorbeibringen. Das war falsch. Stattdessen ist hier die ehrenamtliche Initiative „Foodsharing“ engagiert. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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