Der Kapp-Putsch – so lief er vor 100 Jahren in Braunschweig ab

Braunschweig.  Während eines DGB-Seminars wurden die Ereignisse während des Kapp-Putsches rekonstruiert. Referenten waren Klaus Gietinger und Claus Kristen

Kapp-Putschisten im März 1920 auf dem Potsdamer Platz, Berlin. 

Kapp-Putschisten im März 1920 auf dem Potsdamer Platz, Berlin. 

Foto: Bundesarchiv / Otto Haeckel

Der Kapp-Putsch vom März 1920: ein fast vergessenes Kapitel der deutschen Geschichte. Er war anderthalb Jahre nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg der Versuch von demoralisierten, rachsüchtigen und gewalttätigen Resten der kaiserlichen Armee, die Weimarer Republik zu zerschlagen. Der Generalstreik der Arbeiter brachte den Putsch innerhalb weniger Tage in ganz Deutschland zum Erliegen.

Der Historiker Klaus Gietinger nennt den Streik „die größte Aufstandsbewegung seit den Bauernkriegen 1525“. Versuch einer Rekonstruktion der Geschehnisse von 1920 in einer Veranstaltung des DGB. Gietinger, auch als „Tatort“-Regisseur bekannt, ist aus Frankfurt da. Der Braunschweiger Buchhändler Claus Kristen liest mit Silvia Saß Passagen aus Kristens Buch „Ein Leben in Manneszucht. Von Kolonien und Novemberrevolution – `Städtebezwinger´ Georg Maercker“. Jener Maercker, der im April 1919 mit seinem Freikorps in Braunschweig einmarschierte und hier die Spitzen der revolutionären Regierung verhaftete oder unter Hausarrest stellte. Dann der Kapp-Putsch in Berlin, der Deutschland erschütterte. In Braunschweig riefen die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), die SPD, die KPD und die Deutsche Demokratische Partei (DDP) zu einer Versammlung im Konzerthaus auf. Die Forderungen: Entwaffnung der Einwohnerwehr, Bewaffnung der Arbeiterschaft, Freilassung der politischen Gefangenen. Am 15. März 1920 begann ein Generalstreik in 141 Braunschweiger Betrieben. Es fuhren keine Busse. Im Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk wurde nicht gearbeitet. Reichswehrgarnison und Sicherheitspolizei gingen brutal gegen die Streikenden vor.

Am 15. März fuhren Sicherheitspolizisten mitten in eine Streikversammlung. Am Bohlweg und Steinweg wurden zwei jugendliche Arbeiter erschossen, ein weiteres Opfer war am nächsten Tag zu beklagen. In Schöningen wurde die als Heeresreserve dienende Einwohnerwehr entwaffnet. Dabei wurden acht Arbeiter und ein Mitglied der Einwohnerwehr getötet. In Broitzem starben zwei Menschen. Nach dem Scheitern des Kapp-Putsches in Berlin und anderswo bröckelte in Braunschweig die Streikfront.

Wie Kristen in seinem Buch schreibt, setzten sich die Arbeiter gleichwohl mit zwei Forderungen durch: Auflösung des Braunschweiger Landtags und Amnestie für die Gefangenen. Die Vorgänge in Braunschweig lassen sich nur verstehen vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Berlin. Die Militärs empörten sich insbesondere über den Artikel 160 des Friedensvertrages von Versailles. Danach sollten das deutsche Heer auf 100.000 Mann reduziert, die Freikorps, bestehend aus ehemaligen Soldaten und Ungedienten, aufgelöst werden. Der Anweisung der Interalliierten Militär-Kontrollkommission folgend, löste Reichswehrminister Gustav Noske am 29. Februar 1920 die 6000 Mann starke Marine-Brigade Ehrhardt und das Freikorps Loewenfeld auf. Das Fanal für den Putsch.

General Walther von Lüttwitz besetzte an der Spitze der ihm unterstehenden Marine-Brigade (mit Hakenkreuzen an den Stahlhelmen) das Berliner Regierungsviertel und ernannte den Generallandschaftsdirektor und Aufsichtsrat der Deutschen Bank, Wolfgang Kapp, zum Reichskanzler. Die Reichswehr, die gegen die Putschisten hätte vorgehen können, blieb untätig. „Truppe schießt nicht auf Truppe“, erklärte General und Chef der Heeresleitung Hans von Seeckt. Reichspräsident Friedrich Ebert und Reichskanzler Gustav Bauer flohen mit etlichen Ministern aus Berlin. Doch der Putsch brach schon nach fünf Tagen durch den Generalstreik zusammen. In Berlin gab es weder Wasser, noch Strom, noch Gas. Zudem wurden die Anweisungen Kapps und seiner Leute von den meisten Beamten nicht befolgt. Kapp entkam nach Schweden, stellte sich aber im April 1922 dem Reichsgericht. Zwei Monate später erlag er in der Untersuchungshaft in Leipzig einem Krebsleiden. Lüttwitz setzte sich nach Ungarn ab, wurde 1925 begnadigt und kehrte nach Deutschland zurück. Wie ging es 1920, im Jahr des Kapp-Putsches, in Braunschweig weiter? Der Hass zwischen den Lagern blieb. Und doch gab es ein Zeichen der Ermutigung: Aus ganz Deutschland kamen am 30. September die Friedenssüchtigen, darunter der „Bund für radikale Ethik“ und der Friedensbund der Kriegsteilnehmer, nach Braunschweig zum Pazifistenkongress. Tausend, auf bessere Zeiten hoffend, füllten das Park-Hotel.

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