„Das Astor ist kein neues, aber ein ganz anderes Kino“

Braunschweig.  Interview mit Kinobetreiber Hans-Joachim Flebbe nach der Renovierung seines Großkinos in Braunschweig.

Kino-Betreiber Hans-Joachim Flebbe (68) hat in den Umbau vom C1 Cinema zum Astor Filmtheater 8 Millionen Euro investiert. Besonders stolz ist er auf Saal 8 des Großkinos, das sogar den Dolby-Atmos-Sound bieten kann.

Kino-Betreiber Hans-Joachim Flebbe (68) hat in den Umbau vom C1 Cinema zum Astor Filmtheater 8 Millionen Euro investiert. Besonders stolz ist er auf Saal 8 des Großkinos, das sogar den Dolby-Atmos-Sound bieten kann.

Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Hans-Joachim Flebbe begann seine Kino-Karriere 1973 als Programmgestalter des Apollo-Kinos in Hannover-Linden. 1989 war er Begründer der Cinemaxx-Kette, aus der er jedoch nach Differenzen über die Ausrichtung der Multiplex-Kinos 2009 ausschied. In Braunschweig übernahm Flebbe 2010 das Cinemaxx und machte das C1 Cinema daraus. Nun wird das Haus zum Astor Filmtheater. Wir sprachen mit Flebbe über seine Ambitionen.

Andere Kinos haben den Rotstift angesetzt, Sie investieren in Ihr Astor-Kino 8 Millionen Euro. Warum?

Die Kinobranche durchlebt im Augenblick schwierige Zeiten. Streaming-Dienste wie Amazon oder Netflix sind natürlich für die Kinos eine sehr starke Konkurrenz.

Da gibt es für mich nur zwei Alternativen: Ich kann sparen und Billigkino anbieten, so wie es viele meiner Kollegen machen, oder ich stelle die besonderen Möglichkeiten heraus, die das Kino dem Fernsehen und dem Filmkonsum zuhause voraus hat. Wir haben uns entschieden, die Kinos derart zu renovieren, dass sie wirklich etwas Besonderes darstellen: besten Komfort, gute Technik und guten Service. Die Besucher werden in Braunschweig jetzt ein Kino erleben, wie sie es noch nie gesehen haben.

Ich glaube, dass die Menschen irgendwann die Nase davon voll haben, Filme alleine zuhause auf dem Sofa zu schauen.

Kino hingegen bietet ein schönes Gemeinschaftserlebnis. Das ist wie beim Essen: Kann man zuhause gut und günstig haben, aber ab und zu möchte man eben auch mal in ein nettes Restaurant gehen für ein besonderes Erlebnis.

Warum heißt das C1 Cinema nun Astor Filmtheater?

Ich mache immer den Taxifahrer-Test, wenn ich in Braunschweig am Bahnhof ankomme. Ich sage dann: Ich möchte zum Großkino in der Langen Straße. Die Taxifahrer antworten dann meistens: Ach, ins Cinemaxx! Das hat mir gezeigt, dass sich der Name C1 Cinema selbst über die vielen Jahre nicht in den Köpfen verfestigt hat.

Außerdem klingt Astor doch auch viel vornehmer. Das Astor ist kein neues Kino, aber ein ganz anderes. Das wollen wir nach außen hin zeigen.

Wird sich mit dem neuen Namen Astor auch die Programmausrichtung ändern?

Wir haben ja hier in Braunschweig ein gutes Miteinander mit dem Universum-Filmtheater. Letztendlich werden in der Stadt fast alle Filme gezeigt, die von den Filmverleihern angeboten werden. An der Aufteilung wird sich nichts ändern: Das Universum ist auf Arthaus-Filme spezialisiert, wir zeigen gehobenen Mainstream. Das soll auch so bleiben.

Allerdings werden wir künftig verstärkt auf Originalfassungen setzen, weil immer mehr Besucher danach fragen. Vor allem die jüngeren Besucher, die Originalfassungen von Netflix und Amazon gewöhnt sind, möchten die Originalsprache auch im Kino hören.

Was hat es mit dem neuen Sound Dolby Atmos auf sich?

Der Sound im Kino hat sich in den vergangenen Jahren massiv verändert. Da liegen Welten dazwischen. Dolby Atmos, wie wir es jetzt in Saal 8 bieten, ist eine Neuentwicklung, die den sogenannten Raumklang erzeugen will.

Es geht dabei nicht darum, lauter zu werden, sondern prägnanter. Man sitzt mittendrin in einem Meer von Lautsprechern: an den Wänden (für Innenarchitekten ein Horror), in den Decken und natürlich massiv hinter der Leinwand. Dolby Atmos hat den Anspruch, dass man den Ton in jedem Teil des Raumes nicht nur sehr gut, sondern auch in der selben Lautstärke empfangen kann.

Diese Technik kostet richtig viel Geld, und es gibt in Deutschland von den 4500 Kinos nur etwa 100, die es eingebaut haben. Also ein verschwindend kleiner Anteil. Das Publikum kann den Unterschied deutlich merken. In Braunschweig werden wir nach und nach auch die anderen Säle umrüsten.

Das C1 Cinema in Braunschweig wird zum Astor Filmtheater
Das C1 Cinema in Braunschweig wird zum Astor Filmtheater

Sie gehen ein großes finanzielles Risiko ein ...

Ja, und wir müssen natürlich auch erstmal schauen, ob die Braunschweiger den Wandel zum Astor überhaupt akzeptieren. Ob sie bereit sind, im Schnitt 2,50 Euro mehr zu bezahlen.

Schon jetzt wird Kritik laut, der Besuch Ihres Kinos sei zu teuer …

Wir haben das Haus ja bewusst zum Premium-Kino gemacht, um es konkurrenzfähig und zukunftsträchtig zu machen. Wir werden aber alle Filme für alle Besucher, die vor 16.30 Uhr ins Kino kommen, für 6,99 Euro spielen – egal, auf welchen Plätzen sie sitzen. Familientickets bleiben natürlich auch bestehen. Das wird an allen Tagen gelten, von montags bis sonntags.

Unsere Erfahrungen mit dem Astor in Hannover haben jedoch gezeigt, dass die teuren Logen-Plätze immer als erstes ausverkauft sind. Die Menschen wissen, dass wir für den Aufpreis auch etwas Besonderes bieten. So haben wir die Sitzplatzanzahl fast um 30 Prozent verringert ­­ – zugunsten der großen Beinfreiheit. Es gibt Garderobe, einen Begrüßungsdrink für die Logen, wo man auch am Platz bedient wird. Wir haben unser Personal dafür verdoppelt.

Sie haben Premiumkinos in Hannover, Hamburg, München, Köln und eröffnen demnächst in Frankfurt. Jedermann weiß, dass Bau- und Umbauarbeiten gehörig an die Nerven gehen können. Warum tun Sie sich diesen Stress an?

Mir macht es durchaus Spaß, Kinos umzubauen. Das ist spannend (lacht). Hinterher ist mir manchmal langweilig. Nur leider verschieben sich häufig Termine so unglücklich, dass Wiedereröffnungen – wie jetzt in Frankfurt und Braunschweig – so dicht aufeinander folgen, dass wir doch einigen Stress haben, obwohl eigentlich geplant hatten, dass ein halbes Jahr zwischen den Eröffnungen liegen sollte. Aber man steckt da eben nicht drin.

Haben Sie Angst, dass Cola und Popcorn Ihr teuer renoviertes Kino schnell wieder ruinieren könnten?

Ich habe ja einige Erfahrung aus anderen Städten. Es ist merkwürdig: Die Besucher verhalten sich in den Premium-Kinos rücksichtsvoller, weil sie spüren, wieviel Wert wir auf Komfort gelegt haben. Aber natürlich geht nach jeder Vorstellung auch ein Putzteam durch den Saal, damit sich bei der nächsten Vorstellung niemand auf einen verschmutzten Platz setzen muss.

Was waren die besonderen Herausforderungen dieses Umbaus?

Mich hat immer gestört, dass Geräusche aus den angrenzenden Kinos durch die Wände gedrungen sind. Der Ton ist inzwischen so differenziert geworden, dass er sich durch den Beton in andere Säle überträgt. Die Wände waren dafür nicht ausgerichtet. Wir sind die einzigen Kinobetreiber, die bewusst investieren, um dieses Problem abzustellen. Akustiker haben jeden Raum vermessen.

Schließlich haben wir die Stärke der Wände verdoppelt. Allein die Maßnahmen zur Dämmung haben mindestens 1,5 Millionen Euro gekostet. Irgendwann dachte ich mir dann: Wenn wir schon solch einen Aufwand betreiben, können wir doch gleich auch die Reihenabstände der Plätze vergrößern.

Zudem sind die Stufen neu ausgerichtet, um die Sicht zu optimieren. Und dann haben wir uns eben auch für Stühle aus Leder entschieden. Weil die besser riechen und sich leichter säubern lassen.

Wieviel müssen Sie von einem Ticket an die Verleiher abgeben?

Rund 50 Prozent. Bei Blockbustern wie „James Bond“ oder „Star Wars“ geht es sogar mal rauf bis 53 Prozent. Günstiger wiederum wird es, wenn ein Film eine lange Wochenlaufzeit hat. Hält er sich etwa zehn Wochen, was heute allerdings nur noch selten vorkommt, dann zahlt man vielleicht nur noch 43 Prozent.

Die Tickets sind immer noch unsere Haupteinnahmequelle, aber natürlich leben wir auch vom Verkauf von Popcorn, Cola und Co.

Und ein bisschen Geld kommt über Werbung rein. Wir haben uns aber bewusst dafür entschieden, das Vorprogramm nicht länger als 25 Minuten dauern zu lassen. Ich bin ja selbst Kinogänger und werde wahnsinnig, wenn ich in anderen Häusern ein Vorprogramm von einer Dreiviertelstunde über mich ergehen lassen muss. Wir setzen aber bewusst auf Trailer, damit die Besucher wissen, was sie demnächst im Kino erleben können.

Sie haben auch mal selbst Filme produziert, das machen Sie aber gar nicht mehr, oder?

(Lacht). Ich habe doch fast nur Flops produziert. Der größte war 1999 „Waschen, schneiden, legen“ mit Guildo Horn. Ich glaube, der hat in Deutschland weniger als 3000 Besucher gehabt, was deutlich unter der Grasnarbe liegt...

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten an die deutsche Filmindustrie...

… dann würde ich mir wünschen, dass sie mehr den Zuschauer im Fokus hätte. Viele Filme werden ja nach wie vor gedreht, weil die Fördergremien etwas gut finden und weil der Regisseur ein Anliegen hat. Am Ende aber hat man das Gefühl, dass der Zuschauer gar nicht im Zentrum des Interesses steht. Sonst würden ja auch nicht so viele Filme durchfallen. Wenn wir in Deutschland über ein gutes Kinojahr reden, dann muss der deutsche Film einen Anteil haben von mindestens 25 Prozent. Das ist meistens dann der Fall, wenn Til Schweiger oder Bully Herbig einen Film gemacht haben.

Ich würde mir auch wünschen, dass jedes Jahr ein Film wie „Fack ju Göthe“ raus käme. Filme wie diese Komödie sind echte Butterfilme. Dann kann man sich durchaus auch ein paar Flops leisten.

Welchen Film mögen Sie persönlich besonders?

Ich schwärme gerne noch in der Vergangenheit. Früher kannte ich jeden Italo-Western. Zur Zeit meines Studiums war ich totaler Fan. Ich kannte damals quasi jeden Toningenieur und jeden Kameramann mit Namen. Filme wie „Leichen pflastern seinen Weg“ mit Klaus Kinski oder „Hängt ihn höher“ mit Clint Eastwood habe ich geliebt. Heute mag ich eher Komödien.

Einer meiner Lieblingsfilme war immer auch „Easy Rider“. Der hat damals mein Jugendgefühl ausgedrückt. Ich hatte das Glück, dass ich Hauptdarsteller Peter Fonda persönlich kennenlernen durfte.

Mit ihm war ich sogar in Braunschweig. Er stellte damals den Film „Peppermint Frieden“ vor. Wir hatten erst eine Premiere im Kino am Raschplatz in Hannover und wollten dann nach Braunschweig düsen. Damals hatte ich noch die „Lupe“ und das „Broadway“. Ich fuhr damals einen Porsche, mein Freund einen Mercedes. Fonda, total autobegeistert, freute sich, auf der „German Autobahn“ mal so richtig brettern zu können.

Fonda saß im Mercedes, ich fuhr vorneweg. Plötzlich war der Mercedes auf meiner Höhe, ich guckte rüber – und sah auf den nackten Hintern von Peter Fonda. Da hatte der Mann doch tatsächlich bei 180 auf der Autobahn blankgezogen. Eine herrliche Erinnerung.

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