„Das ist das größte Projekt, das wir je hatten“

Braunschweig.   Paul Anfang, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von BS Energy, erläutert im Interview die neue Strategie zur Energieerzeugung.

In den nächsten Jahren wird am Heizkraftwerk viel Neues entstehen.

In den nächsten Jahren wird am Heizkraftwerk viel Neues entstehen.

Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Der Kohleausstieg in Braunschweig rückt näher. Drei Jahre lang hat BS Energy geprüft, wie in Braunschweig künftig Wärme und Strom erzeugt werden sollen. Jetzt ist die Entscheidung gefallen – der Aufsichtsrat hat am Mittwoch grünes Licht gegeben: Das Kohlekraftwerk an der Hamburger Straße soll ersetzt werden durch ein Biomasse-Heizkraftwerk für Altholz und durch ein Gasturbinen-Heizkraftwerk. Mehr zu diesen Plänen erläutert der stellvertretende Vorstandsvorsitzende, Paul Anfang, im Interview.

Herr Anfang, Sie haben etliche Optionen zur Energieerzeugung geprüft. Warum ist die Entscheidung auf eine Kombination von Altholz und Gas gefallen?

Für uns sind drei Dinge wichtig: Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz. Die jetzt gewählte Variante stellt dafür die beste Lösung dar – in Verbindung mit unserer bestehenden Gas- und Dampfturbinenanlage. Wir haben sehr viele Varianten analysiert, unter anderem auch Geothermie, obwohl klar war, dass so etwas aufgrund der geologischen Umstände hier in Braunschweig kaum möglich ist. Aber wir haben uns alles angeschaut.

Die jetzt gewählte Lösung ist aus unserer Sicht der richtige Schritt für Braunschweig. Wir setzen wieder auf Kraft-Wärme-Kopplung, um sowohl Wärme als auch Strom erzeugen zu können. Wir investieren damit 220 Millionen Euro in Braunschweig. Das ist eine enorme Summe – historisch das größte Projekt, das wir je hatten. Dieser Standort wird nachhaltig entwickelt und wir sichern die Arbeitsplätze.

Sehr intensiv haben Sie ja auch überlegt, die Abwärme des Stahlwerks in Salzgitter zu nutzen und eine Leitung in die Weststadt zu legen. Warum ist daraus nichts geworden?

Wir haben in den letzten Monaten geprüft, wo die Trasse verlaufen könnte. Gleichzeitig haben wir mit den Eigentümern der Grundstücke gesprochen. Das sind überwiegend Landwirte, ungefähr 20. Wir sind aber nicht weitergekommen. Die Landwirte haben uns nicht abgenommen, dass der unterirdische Bau einer Wärmeleitung durch ihren Acker keine Auswirkungen auf den Ernteertrag hätte. Außerdem war eine grundsätzliche Abwehrhaltung da, die auch mit der Diskussion über das interkommunale Industriegebiet Braunschweig-Salzgitter zusammenhängt. Das ist vom Rat in Salzgitter zwar abgelehnt worden, aber es wirkt noch nach. Es ist uns nicht gelungen, auch nur ein einziges Grundstück zu sichern. Und auf ein langfristiges Planfeststellungsverfahren mit wer weiß wie vielen Klagen wollen und können wir uns nicht einlassen.

Es hätte ein besonderes regionales Projekt werden können, auch aus ökologischer Sicht.

Ja, es hätte aber auch zwei weitere Risiken gegeben: Zum einen arbeitet die Salzgitter AG sehr intensiv an einer Reduzierung des CO-Ausstoßes und plant umfangreiche Erneuerungen in der Produktion. Wir hätten möglicherweise Probleme bekommen können, die erforderlichen Mengen an Wärme zu erhalten. Zum anderen sind trotz einer derzeit stabilen wirtschaftlichen Situation für die Stahlproduktion in Deutschland die globalpolitischen Rahmenbedingungen langfristig nur schwer einschätzbar. Diese beiden Risiken hätte man vielleicht mit einer gewissen Risikobereitschaft und Bürgschaften eingehen können. Aber es scheiterte letztlich an den Grundstücken.

An einer regionalen Zusammenarbeit sind wir dennoch interessiert. Wir werden mit der Geschäftsleitung von Salzgitter Flachstahl und dem Energieversorger in Salzgitter, der WEVG, prüfen, ob wir gemeinsam an einem kleineren Projekt arbeiten können. Man könnte vielleicht einen Teil der Wärme für ein Nahwärmenetz in Salzgitter nutzen.

Zurück nach Braunschweig: Wie ist der Zeitplan? Wann wird das Kohlekraftwerk definitiv vom Netz genommen?

Wir sind vom Zeitplan her sehr eingeengt. Das liegt daran, dass wir im Zuge des politisch gewünschten Kohleausstiegs erhebliche Fördermittel für diese neuen Anlagen bekommen können.

Wir sind übrigens in Niedersachsen eines der ersten Unternehmen, die definitiv schon entschieden haben, aus der Kohle auszusteigen. Im Zuge dessen haben wir in der letzten Woche in Stockholm eine internationale Auszeichnung für unsere Dekarbonisierungsstrategie erhalten.

Die Subventionen werden nur dann fließen, wenn wir bis Ende 2022 mit den neuen Anlagen richtig im Netz sind. Es gibt zwar seit einigen Tagen eine Gesetzesänderung, wonach als spätester Startzeitpunkt 2025 genannt wird – das wären also drei Jahre mehr. Aber diese Änderung steht noch unter dem Vorbehalt der EU-Kommission, und es könnte theoretisch passieren, dass auf EU-Ebene das nationale Recht angegriffen wird. Wir bleiben daher bei unserem Zeitplan.

Vier Jahre sind für ein derartig großes Projekt mit dem Bau von zwei Kraftwerken an dem vom Platz her sehr limitierten Standort an der Hamburger Straße eine echte Nummer. Wir haben ein paar Monate Puffer eingebaut, aber wir müssen jetzt wirklich Gas geben. Konkret heißt das: Wir gehen davon aus, dass wir bis Februar 2019 alle Genehmigungen zusammen haben. Das Bundesamt für Ausfuhrkontrolle (Bafa) ist für Subventionen zuständig, und das Gewerbeaufsichtsamt für Sicherheit, Technik und Emissionen.

Wir starten im Januar schon Vergabeverhandlungen mit Lieferanten und wollen die Kraftwerke bestellen, sobald die Genehmigungen da sind. Die Vorarbeiten sollten dann auch im nächsten Jahr beginnen, und mit dem Bau der Anlagen rechnen wir ab dem zweiten Quartal 2020. Das Kohlekraftwerk würde dann 2023, 2024 sukzessive vom Netz genommen und abgebaut.

Wird auch der Schornstein abgerissen?

Das steht noch nicht ganz fest. Wir gehen im Moment davon aus, dass wir ihn auch weiterhin nutzen. Er trägt ja dazu bei, dass Abgase – trotz sehr guter Rauchgasreinigung – hoch hinaus und weit weg getragen werden.

Mit welchen Emissionen ist bei der Altholz-Verbrennung und der Gasturbine zu rechnen?

Die Emissionen reduzieren sich im Vergleich zur Kohleverbrennung ganz massiv: Bei Kohlendioxid sind es künftig etwa 59 Prozent weniger, bei Stickstoffoxid 75 Prozent, bei Schwefeldioxid 94 Prozent und bei den Staubemissionen 92 Prozent. Das ist übrigens auch ein Argument für zentrale Anlagenstandorte anstelle von dezentralen. Die Emissionsgrenzwerte bei einer großen Anlage sind viel schärfer gesetzlich geregelt als bei kleinen Anlagen. Also ganz vereinfacht gesagt: 50 kleine Anlagen bedeuten mehr Emissionen als eine große.

Woher wird das Altholz kommen?

Aus einem Umkreis von 250 Kilometern um Braunschweig. In diesem Bereich sind pro Jahr insgesamt drei bis vier Millionen Tonnen Altholz verfügbar – wir brauchen 180.000 Tonnen. Es ist also ausreichend Altholz vorhanden.

Hinzu kommt, dass die bestehenden Altholz-Anlagen in unserem Umfeld größtenteils nur Strom erzeugen, keine Wärme. Diese Anlagen werden zurzeit nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz gefördert. Diese Förderung fällt aber im nächsten Jahr weg, und dann sind diese Anlagen nicht mehr wirtschaftlich. Man kann davon ausgehen, dass etliche Anlagen vom Netz gehen. Und dann werden zusätzlich erhebliche Mengen Altholz auf dem Markt sein. Wir haben auch festgestellt, dass wir in einem Umkreis von 170 Kilometern schon 70 Prozent unseres Bedarfs decken können.

Um welche Art von Holz handelt es sich?

Es gibt bei Altholz unterschiedliche Qualitäten. Unbehandeltes Holz wird in der Regel wiederverwendet, zum Beispiel in der Spanplattenproduktion. Behandeltes Altholz muss verbrannt werden – stark behandelt wäre zum Beispiel ein Carport aus dem Baumarkt mit Imprägnierung.

Das bildet eher einen kleineren Teil. Vorwiegend wird weniger behandeltes Altholz verwertet, etwa aus Sperrmüllsammlungen oder aus dem Baubereich. Das wird noch ergänzt um Landschaftspflegeholz: Wenn an Autobahnen und Landstraßen die Böschungen zurückgeschnitten werden, kann man das schreddern und verbrennen.

Soll das Holz wie die Kohle mit der Bahn geliefert werden?

Nein, mit Lastwagen. Wenn man die Bahnstrecke nutzen würde, müsste man für die einzelnen Altholzlieferungen noch außerhalb ein Zwischenlager bauen, wo alles gesammelt und dann auf die Bahn verladen wird. Wir reden hier ja über schätzungsweise 20 Lieferanten im Umkreis. Das noch mit der Bahn zu verbinden, wäre klimamäßig unsinnig und auch wirtschaftlich nicht darstellbar.

Wir haben uns mal die CO-Bilanz der Kohle angeguckt, die wir zurzeit aus Russland bekommen: In einer Entfernung von 6000 Kilometern wird an unterschiedlichen Stellen Kohle abgebaut, per Zug zu Häfen gefahren und dann mit Schiffen hierher gebracht. Wenn wir stattdessen künftig das Altholz aus der Region nutzen, bringt das eine Reduzierung der Logistik-Emissionen von mehr als 72 Prozent.

Wie viele LKW-Ladungen sind pro Tag nötig?

Ungefähr 60 bis 65 pro Tag. Wir haben geprüft, was das für die Hamburger Straße bedeutet. Es geht um eine Strecke von 450 Metern, die betroffen ist und nicht durch ein Wohngebiet führt: von der Autobahnabfahrt bis ins Kraftwerk. Dort sind täglich ungefähr 500 LKW unterwegs. Wir bekommen übrigens auch jetzt schon die Kohle zur Hälfte per LKW – das sind bislang am Tag etwa 40 LKW.

Mit den zusätzlichen Altholz-Transporten käme man auf eine Erhöhung des Gesamtverkehrs von 0,8 Prozent. Außerdem gehen wir davon aus, dass sich der LKW-Verkehr in den nächsten Jahren mit Blick auf Elektromobilität verändern wird.

Braunschweig hat ein sehr umfangreiches Fernwärmenetz. Werden die beiden Anlagen immer im Einsatz sein müssen, um den Bedarf zu decken?

Nein. Die Altholz-Anlage wird für die Grundlast sorgen, und sie wird in Spitzenzeiten ergänzt um die Gasturbine. Diese dient insbesondere dem schnellen Hoch- und Runterfahren. Das heißt, diese Anlage kann innerhalb von ein paar Minuten voll starten und den großen Energiemarkt beliefern. Das ist besonders dann sinnvoll, wenn die Sonne mal nicht scheint und der Wind nicht weht, wenn also die erneuerbaren Energien nicht genügend einspeisen – dann kann so eine Anlage Strom ins Netz drücken und für einen Ausgleich sorgen. Dafür gibt es besondere Vergütungen.

Grundsätzlich werden wir alles so anlegen, dass entweder die Altholz-Anlage oder die neue Gasturbine am kältesten Tag ausfallen können und trotzdem die komplette Fernwärmeversorgung sichergestellt ist und es bei unseren Kunden, 44 Prozent der Braunschweiger Innenstadt, nicht zu Versorgungsausfällen kommt.

Welche Risiken bestehen mit den beiden Anlagen?

Grundsätzlich weiß keiner, was in 10 oder 15 Jahren ist. Und die Anlagen müssen wir auf 25 Jahre planen. Aber die Risiken sind aus unserer Sicht sehr gering. Natürlich haben wir die Abhängigkeit vom russischen Erdgas, das ist aber nicht neu. Ein anderes Thema ist die Holzbeschaffung.

Lässt die sich nicht über langfristige Verträge sichern?

Nein, leider nicht. Dieses Geschäft läuft nur über kurzfristige Verträge von maximal einem Jahr, wenn überhaupt. Da geht es darum: Was ist da, und wie ist der Marktpreis?

Es könnte also eng werden, wenn auch andere Unternehmen in unserer Region solche Altholz-Anlagen bauen?

Theoretisch ja. Aber da müssten schon viele und große Anlagen gebaut werden, bevor ein Engpass entstehen würde. Wenn es doch dazu kommen sollte, könnten wir unser Holz auch woanders besorgen.

Wird das neue Gasturbinen-Kraftwerk der schon bestehenden Gas- und Dampfturbinenanlage ähneln, die seit 2010 auf dem Gelände des Heizkraftwerks in Betrieb ist?

Sie wird nicht ganz so komplex sein. Das wird eine relativ einfach aufgebaute Gasturbine, ähnlich einer Flugzeugturbine.

Bei der Gas- und Dampfturbinenanlage gab es ja in den letzten Jahren Probleme, sie wirtschaftlich betreiben zu können. Ist das immer noch so?

Nein. Sie läuft mittlerweile gut, und sie wird in dem neuen Gefüge ein wesentlicher Baustein sein. Wir werden in die Anlage noch einmal investieren und sie modernisieren, damit sie auf dem aktuellen Stand ist. Durch die neue Gesetzesänderung wird der Betrieb dann nochmal förderwürdig werden.

Wir werden übrigens auch noch einen sogenannten Elektroden-Kessel aufstellen. Der ähnelt einem Tauchsieder: In dem Kessel kann man in Spitzenzeiten Wasser aufheizen, abspeichern und ins Fernwärmenetz pumpen. Damit hat man eine gewisse Flexibilität, um günstigen Strom zu beziehen. Wenn zum Beispiel viel Strom aus Photovoltaik oder Wind im Markt ist, können wir den nutzen und Wasser aufheizen. Und umgekehrt gilt: Wenn wir selbst zu viel Strom haben und ihn an der Börse nicht entsprechend gut verkaufen können, nutzen wir ihn und speichern dann das erhitzte Wasser.

Außerdem werden wir auch noch eine Schredderanlage bauen, um eine gewisse Unabhängigkeit zu haben. Nicht mit dem Ziel, alles selber zu machen, aber um einsteigen zu können, wenn andere es mal nicht machen. Das geht alles ohne Lärm für die Umgebung.

Was auch noch wichtig ist: Wir werden unsere drei Heizwerke West, Süd und Nord modernisieren. Das sind die kleinen Satelliten, die wir eigentlich nur bei außergewöhnlich niedrigen Temperaturen brauchen. Bei so einer Kälte würde die Wärme aus der Zentrale nicht mehr ausreichen, sondern man muss dort zuheizen, um die Versorgung sicherzustellen. Auch diese Modernisierung kostet einige Millionen. In West und Süd stehen Schwerölanlagen, die nur noch eine Ausnahmegenehmigung haben. Wir werden sie umstellen auf leichtes Heizöl. Gas-Anlagen sind nicht möglich, weil dort kein Gas liegt.

Was bedeuten denn die Veränderungen in der Erzeugung für Ihre Beschäftigen? Es werden doch sicherlich weniger Arbeitskräfte benötigt.

Die jetzt gewählte Variante ist die, mit der wir den größtmöglichen Arbeitsplatzerhalt haben. Die Abwärmeleitung hätte gravierendere Auswirkungen gehabt. Im Moment sieht es so aus, dass wir beim Betrieb der neuen Anlagen den Umfang von rund 25 Vollzeitstellen nicht mehr benötigen.

Von wie vielen insgesamt?

Von rund 100. Das Gute ist, von diesen 25 werden durch normale Fluktuation und aufgrund des Alters in den nächsten Jahren mehr als die Hälfte ausscheiden. Für die andere Hälfte werden wir Lösungen finden. Wir haben hier in Braunschweig insgesamt 1100 Mitarbeiter – da bin ich sicher, dass wir über Weiterqualifizierung und Umqualifizierung etwas finden. Ich garantiere allen, dass sich keiner Sorge um seinen Arbeitsplatz machen muss. Wir gehen das gemeinsam mit dem Betriebsrat an. Wir haben in den letzten Jahren schon viele Mitarbeiter bei uns in neue Jobs gebracht. Wir sind hier Veränderungen gewöhnt, und wir sind jetzt alle in einer Stimmung, dass wir schnell loslegen wollen.

Was uns besonders freut: Unser neuer Partner und Anteilseigner, die Thüga AG, sowie auch Veolia haben uns bei den Planungen ein ausgesprochen professionelles Vorgehen bescheinigt. Das ist für uns eine Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

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