Historiker: „Die Monarchie hatte 1918 schlicht versagt“

Braunschweig.  100 Jahre Novemberrevolution in Braunschweig. Geschichtsforscher Hans-Ulrich Ludewig bewertet die Leistung ihrer Protagonisten als positiv.

Die Abordnung, die am 8. November im Braunschweiger Schloss den Thronverzicht von Herzog Ernst August herbeiführte: (von links) Hermann Meier, Hermann Schweiss (beide Soldatenräte), August Merges, Paul Gmeiner, Henry Finke (Arbeiterrat), Friedrich Schubert (Soldatenrat).

Die Abordnung, die am 8. November im Braunschweiger Schloss den Thronverzicht von Herzog Ernst August herbeiführte: (von links) Hermann Meier, Hermann Schweiss (beide Soldatenräte), August Merges, Paul Gmeiner, Henry Finke (Arbeiterrat), Friedrich Schubert (Soldatenrat).

Foto: Wilhelm Fallenstein/Verlag Uwe Krebs

Um einen Tag war Braunschweig dem Deutschen Reich voraus: Anders als in Berlin, wo der SPD-Politiker Philipp Scheidemann am 9. November 1918 die deutsche Republik ausrief, brach die Monarchie in Braunschweig bereits am 8. November zusammen – heute vor 100 Jahren. Hans-Ulrich Ludewig, der 36 Jahre an der Technischen Universität gelehrt hat, ist einer der besten Kenner der Novemberrevolution in Braunschweig. Derzeit schreibt er ein Buch über sie. Andreas Eberhard sprach mit dem 75-jährigen Historiker über die Ereignisse und darüber, wie man heute mit ihnen umgeht.

Herr Ludewig, welche Aktualität besitzt die Novemberrevolution im Jahr 2018?

Vor allem zwei Dinge scheinen mir wichtig: Zum einen wurden damals unterschiedliche Demokratievorstellungen diskutiert. Das machen wir heute auch wieder. Zum anderen: Diese Revolution erinnert uns daran, dass die Demokratie, die da geschaffen wurde, von Anfang an gefährdet war. Und dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, wird heute auch wieder immer deutlicher. Deshalb lohnt es sich, auf diese Revolution zu blicken.

Was war das Besondere an der Revolution 1918 in Braunschweig?

Braunschweig war besonders früh dran. Der braunschweigische Herzog war der erste deutsche Monarch, der abdankte. Außerdem setzte sich die Revolutionsregierung in Braunschweig anders zusammen als in Berlin: In den ersten Wochen waren hier nur die linken Kräfte vertreten und die Mehrheits-SPD fehlte völlig. Der Beginn der Revolution in Braunschweig war linker und radikaler.

Wie erklärt sich dieser besondere Ablauf in Braunschweig?

Die Friedenssehnsucht in Braunschweig war, wie im ganzen Reich, groß. Immer mehr Nachrichten über Gefallene füllten die Zeitungen. Die Stimmung war: Der Krieg muss endlich zu Ende gehen. Zudem war man unzufrieden mit der konkreten Versorgungslage. Gerade in Braunschweig gab es aber auch längerfristige Gründe der Unzufriedenheit. Und im Weltkrieg brachen diese Spannungen auf.

Welche Spannungen waren das?

Zum einen war hier die Polarisierung zwischen dem Bürgertum und der Arbeiterschaft besonders stark. Zum anderen waren die Braunschweiger Arbeiter aber auch besonders protesterprobt. Schon vor dem Krieg gingen sie jährlich zu Tausenden auf die Straße, um gegen das Landtagswahlrecht zu demonstrieren, das sie gegenüber den Vermögenderen benachteiligte. Bereits im August 1917 gab es dann einen großen Streik der Arbeiter in Braunschweig – mit der Forderung nach Frieden und einer Veränderung des politischen Systems. In dieser Situation bedurfte es nur eines kleinen Anstoßes, die Arbeiter auf die Straße zu bringen. Diesen Impuls lieferten dann die revolutionären Matrosen, die in den ersten Novembertagen aus Kiel nach Braunschweig kamen. Aber die Träger der Revolution waren ganz klar die Braunschweiger Arbeiter.

Wie ging es weiter?

Die Arbeiter- und Soldatenräte wurden gebildet. Am 8. November strömten enorme Menschenmassen vor das Schloss. Am Nachmittag nahm eine Delegation um den linken Sozialdemokraten August Merges die Abdankung des Herzogs entgegen. Am 10. November zogen die Massen zum Landtag, dem heutigen Amtsgericht. Dort tagte zum ersten Mal der Arbeiter- und Soldatenrat, und die sogenannte „Sozialistische Republik Braunschweig“ wurde proklamiert – mit August Merges als Staatspräsident und mit Sepp Oerter als Chef der Regierung. Dieser Regierung gehörte Minna Faßhauer als erste Ministerin im Deutschen Reich an.

Lohnt es aus Ihrer Sicht, heute noch an diese Protagonisten zu erinnern?

Unbedingt – eben weil sie für diese Revolution gesorgt haben. Man darf ja nicht vergessen, dass die Monarchie bei den zentralen Aufgaben dieser Zeit versagt hatte, nämlich für erträgliche Lebensbedingungen der Bevölkerung zu sorgen. Auch eine Revolution braucht eine Führungsstruktur und Personen, die Entscheidungen kommunizieren. Die genannten Personen trugen dazu bei, dass die Revolution in Braunschweig – wie auch im Reich – zunächst relativ gewaltfrei blieb. Ich sehe deren Arbeit durchaus positiv. Außerdem lassen sich an Merges, Oerter und Heinrich Jasper, der erst später aus dem Krieg dazu kommt, sowohl die Möglichkeiten als auch die Schwierigkeiten dieser Zeit beispielhaft nachvollziehen.

Welche Schwierigkeiten?

Alle drei, Merges, Oerter und Jasper, waren Vertreter der Arbeiterbewegung, aber diese war gespalten – in die linke USPD und die MSPD, der Jasper angehörte. Man war sich uneinig darüber, wie das künftige politische System aussehen sollte. Konkret ging es um die Form der politischen Repräsentation – Räte oder gewähltes Parlament. Die Räte standen für eine Form der direkten Demokratie. Das war damals eine spannende Auseinandersetzung in einer offenen Situation.

Und über das Braunschweiger Bürgertum haben wir da noch gar nicht gesprochen.

Genau. Das Bürgertum artikulierte sich bemerkenswert schnell. Am 1. Dezember versammelte es sich zu Tausenden im Lokal „Brünings Saalbau“ und bezog Position gegen die Revolution. Später, im April 1919, auf dem Höhepunkt des Konflikts, als die Arbeiter streikten und Freikorpstruppen in Braunschweig einmarschierten, reagierte das Bürgertum mit einem Gegenstreik. Solche politischen Aktionen waren im Bürgertum schon etwas Außergewöhnliches.

Wie wichtig waren die Braunschweiger Ereignisse für Deutschland als Ganzes?

Man kann den Eindruck gewinnen, die Braunschweiger Revolutionäre hielten sich manchmal für den Nabel der Welt. Dabei waren sie eine Insel. Spätestens ab Januar 1919 hatten die Braunschweiger schwerste Konflikte mit der Reichsregierung. Wenn man die Quellen liest, fragt man sich: Ja, wissen die Braunschweiger eigentlich nicht, wie klein ihr Land ist? Andererseits gab es an mehreren Orten in Deutschland ähnlich radikale Entwicklungen – in München, in Hamburg, in Bremen und in den mitteldeutschen Industriegebieten. Aus Berliner Sicht braute sich da schon etwas Bedrohliches zusammen – spätestens ab Januar 1919, als die Gewalt zunehmend eskalierte. Und da war Braunschweig ein Mosaiksteinchen im Gesamtbild. Wie wir heute wissen, wurde die Gefahr einer deutschen Oktoberrevolution nach russischem Vorbild völlig überschätzt, aber manche Zeitgenossen nahmen sie so wahr. Es gab die Angst, dass alles im komplettem Chaos endet.

Wie hat sich der Blick auf die Novemberrevolution in den letzten Jahrzehnten gewandelt?

In der Bundesrepublik hieß es lange: Es gab 1918/19 nur die Alternative zwischen parlamentarischer Demokratie im Bündnis mit den alten Eliten auf der einen Seite und dem Bolschewismus auf der anderen. Das hat so nie gestimmt. Ab den sechziger Jahren zeigten dann neue Untersuchungen, dass die Arbeiter- und Soldatenräte keineswegs bolschewistisch waren, sondern ein enormes demokratisches Potenzial hatten. Dass sie nicht für das russische Modell standen, sieht man am Reichsrätekongress im Dezember 1918. Dort sprachen sich die Arbeiter- und Soldatenräte mit überwältigender Mehrheit für den Parlamentarismus aus.

Trotzdem kann man nach wie vor den Eindruck haben, dass sich Deutschland mit dieser Revolution schwer tut.

Ich teile diesen Eindruck. Die Novemberrevolution hat sich in unserem öffentlichen Bewusstsein nie richtig festgesetzt – gerade im Vergleich mit dem 14. Juli in Frankreich oder dem Unabhängigkeitstag in den USA. Auch das waren politische Systemwechsel, und unsere Novemberrevolution hatte immerhin unsere demokratische Verfassung zur Folge – mit allem, was dazugehört, etwa dem Frauenwahlrecht. Aber diese Revolution ist nicht nur wichtig für das politische System, unsere Republik, sie hat auch einen bleibenden Beitrag zu unserem Sozialsystem geleistet. In Folge der Novemberrevolution wurde der Achtstundentag eingeführt, die betriebliche Mitbestimmung auf den Weg gebracht und erstmals Gewerkschaften von Unternehmern – und damit auch vom Staat – anerkannt.

Woran liegt es denn, dass diese Revolution so wenig präsent ist?

Nach wie vor neigen wir dazu, 1918 durch die Brille des Jahres 1933 zu betrachten. So kommt man schnell zum Befund: Diese Revolution ist gescheitert. Die Adjektive, die man ihr angehängt hat, zeigen das: „vergessen“, „steckengeblieben“, „halb“ oder „verraten“. Aber eine Einbahnstraße von der Novemberrevolution zur NS-Zeit zu sehen, halte ich für falsch. Man muss den Ereignissen von 1918 ihre Eigenständigkeit zurückgeben. Das war eine offene Situation, in der vieles möglich war. Diese offenere Betrachtungsweise möchte ich auch in meinem Buch zeigen.

Wird der Braunschweiger Revolution aus Ihrer Sicht 2018 angemessen gedacht?

Es gibt dieses Jahr zwei wissenschaftliche Tagungen, es gibt Ausstellungen, Lesungen und Stadtführungen. Aber aufs Ganze geblickt, finde ich es doch alles etwas bemüht. Interessant ist der Vergleich mit den Feierlichkeiten 2013 zum 100. Jahrestag der Braunschweiger Fürstenhochzeit von Ernst August und Viktoria Luise. Dem gegenüber scheint mir das politisch-öffentliche – auch finanzielle – Engagement heute geringer zu sein, zumindest bisher. Das ist doch schade. Die Revolution 1918 ist immerhin der Beginn unserer Demokratie.

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