„Wir erwarten sehr gefährliche Erreger“
Braunschweig Für einen besseren Kampf gegen gefährliche Viren und Bakterien wird am Mittwoch in Braunschweig das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung gegründet.
Krankheiten wie Aids, Malaria und Grippe zählen zu den häufigsten Todesursachen. Die Erreger können sich sehr schnell verändern und weltweit verbreiten. Damit es künftig schneller Medikamente gegen gefährliche Viren und Bakterien gibt, wird heute in Braunschweig das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) gegründet. Es ist ein Zusammenschluss von 32 Universitäten, Kliniken und Forschungsinstituten aus ganz Deutschland und wird beim Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) angesiedelt. Über die Aufgaben des neuen Zentrums sprach Cornelia Steiner mit dem Geschäftsführer der Geschäftsstelle, Dr. Timo Jäger, und mit dem wissenschaftlichen Geschäftsführer des HZI, Professor Dirk Heinz.
Wie kann das neue Zentrum die Infektionsforschung voranbringen?
Timo Jäger: Das Ziel ist, dass die beteiligten Forschungseinrichtungen ihre Kompetenz bündeln. Wir wollen gemeinsam Erkenntnisse über Krankheitserreger sammeln und Ansätze für neue Medikamente, Impfstoffe und Impfverfahren finden.
Dirk Heinz: Man muss sich das DZIF als virtuelles Zentrum vorstellen, das über die Republik verteilt ist. Es gibt sieben Standorte – einer davon ist die Region Hannover-Braunschweig. Der Bund und die Länder fördern das DZIF: Bis 2015 fließen 75 Millionen Euro, danach sind pro Jahr rund 40 Millionen Euro vorgesehen. Wie das Geld verteilt wird, entscheiden die Mitgliederversammlung und der Vorstand. Dem Vorstand obliegt auch die Qualitätskontrolle der Projekte.
Welche Einrichtungen aus unserer Region gehören zum Zentrum?
Timo Jäger: In Hannover sind es die Medizinische Hochschule, das Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung (Twincore) und die Stiftung Tierärztliche Hochschule. Aus Braunschweig gehören die Technische Universität, die Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen sowie das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung dazu.
Diese Einrichtungen sind bekannte Größen in der Infektionsforschung, ebenso die Partner an den übrigen sechs Standorten des Zentrums, also etwa in Heidelberg, München und Tübingen. Was können Sie alle denn noch besser machen als bisher?
Dirk Heinz: Unsere Grundlagenforschung läuft bereits hervorragend, aber wir müssen unsere Ergebnisse schneller in die Kliniken führen. An dieser Stelle gibt es einen Bruch.
Woran liegt das?
Dirk Heinz: Die Grundlagenforschung ist sich oft selbst genug, sie ist in der Regel eher wenig strategisch ausgerichtet. Künftig müssen wir aber auch im Sinne des Steuerzahlers noch viel mehr fragen: Wie lassen sich Forschungsergebnisse leichter anwenden? Das DZIF ist ein Wegbereiter für eine intensivere Zusammenarbeit mit Kliniken.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit Pharmafirmen aus?
Dirk Heinz: Besonders aus der Infektionsforschung hat sich die Pharmaindustrie weitgehend zurückgezogen, weil sich mit Antibiotika und Impfstoffen nicht so viel Geld verdienen lässt wie etwa mit Medikamenten gegen chronische Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Trotzdem kostet die Entwicklung eines Antibiotikums auch rund eine Milliarde Euro. Aus unternehmerischer Sicht rechnet sich das nicht.
Eine Milliarde! Was kann denn das DZIF überhaupt bewirken, wenn es pro Jahr künftig gerade mal 40 Millionen Euro Fördergeld bekommt?
Dirk Heinz: Das hört sich zunächst wenig an, aber die einzelnen Entwicklungsphasen eines Wirkstoffes sind mit unterschiedlichen Kosten verbunden – es wird erst zum Ende hin sehr teuer.
Der Prozess beginnt mit der Grundlagenforschung; man muss das Wirkprinzip im Labor aufklären. Dann muss die Wirkung an Tieren überprüft werden, ehe man mit den klinischen Tests beginnen kann. Danach folgt die erste klinische Phase: An gesunden Probanden wird geprüft, ob es Nebenwirkungen gibt. In der zweiten klinischen Phase testet man die Wirkprinzipien, Dosis und Nebenwirkungen an Patienten. Außerdem muss nachgewiesen werden, dass der neue Wirkstoff Vorteile gegenüber vorhandenen Wirkstoffen hat.
Bis zum Beginn der zweiten Phase sind die Kosten relativ überschaubar; da reden wir über einige Millionen, und in dem Bereich kann das DZIF tätig werden. Ab der dritten klinischen Phase wird es aber richtig teuer, weil der Wirkstoff an mehreren tausend Patienten getestet wird – das muss die Industrie finanzieren.
Das DZIF leistet also die Vorarbeit für die Pharmaindustrie.
Dirk Heinz: Genau, wir wollen interessante Ergebnisse erzielen, so dass die Industrie bereit ist, weiterzumachen. Wir sind also die Brücke von der Grundlagenforschung in die Industrie – im Sinne einer Öffentlich-Privaten Partnerschaft.
Vor welchen Herausforderungen steht die Infektionsforschung?
Timo Jäger: Ein großes Thema ist die weltweit wachsende Resistenz von Krankheitserregern – das heißt, dass sie gegen einen Wirkstoff immun sind. Ein Beispiel dafür sind multiresistente Krankenhauskeime, die sich nicht mehr mit herkömmlichen Antibiotika bekämpfen lassen. Wir brauchen neuartige Antibiotika, um im Wettlauf mit den Mikroben die Nase vorn zu behalten.
Ein weiterer Risikofaktor ist die zunehmende Mobilität der Bevölkerung, die eine extrem schnelle Verbreitung der Infektionskrankheiten ermöglicht. Wir haben das vor zehn Jahren bei der Sars-Pandemie erlebt: Innerhalb von 48 Stunden hatte sich der Erreger von China aus weltweit ausgebreitet.
An der Lungenkrankheit sind damals fast 800 Menschen gestorben. Wie groß ist die Gefahr, dass in den nächsten Jahren ein noch aggressiverer Erreger leicht von Mensch zu Mensch übertragen werden kann?
Timo Jäger: Vorhersagen zufolge ist in den nächsten 20 Jahren mit mindestens einem neuen hochgefährlichen Erregertyp zu rechnen. Wir sprechen von „emerging infections“, von neuen Infektionskrankheiten. Sie entstehen meistens in tierischen Reservoirs, wo Menschen und Tiere in sehr engem Kontakt leben, also wo sich etwa Hühner im Haus aufhalten. Die Influenza ist das Paradebeispiel dafür – von ihr gibt es verschiedene mehr oder weniger gefährliche Erregerstämme.
Auch das Darmbakterium Ehec ist ein Beispiel für eine neue Infektionskrankheit. Der Erreger kam vor einem Jahr durch kontaminierte Sprossen nach Norddeutschland. Völlig gesunde Personen sind den Bakterien zum Opfer gefallen. Damals ist es recht gut gelungen, eine schnelle Diagnostik auf den Weg zu bringen. Aber die vorhandenen Antibiotika waren eher kontraproduktiv – zum Glück hat sich der Erreger nicht weiter verbreitet.
Wie kann sich die Infektionsforschung denn gegen einen unbekannten Erreger wappnen?
Timo Jäger: Es ist nicht zu erwarten, dass sich ein ganz und gar neuer Erreger entwickelt, sondern es wird sich um Mutationen bekannter Stämme handeln. Deswegen hilft es, die Entstehung von Epidemien und Pandemien weltweit genau zu verfolgen. Wir erforschen ständig, wie sich Viren entwickeln und wo ihre Angriffsstellen sind. So stehen wir einer neuen Infektionskrankheit nicht völlig machtlos gegenüber. Durch das DZIF können wir noch schlagkräftiger werden.
