Wolfsburger Stadtwerke – Das Schweigen der Männer
Wolfsburg Indizien, Andeutungen, Gerüchte: Im Prozess gegen Maik Nahrstedt stehen Anklage und Gericht vor einer schwierigen Aufgabe.
Ist die Bombe nun geplatzt? Oder nur eingeschlagen? Und was davon wäre eigentlich schlimmer?
Es sind solche sprachliche Feinheiten, die das Gericht in diesem mühevollen Prozess gegen Maik Nahrstedt rund um anonyme Schmähbriefe und VIP-Fußballtickets beschäftigen.
Die verbale Bombe gelegt haben soll der Vorstandsvorsitzende der Stadtwerke, Frank Kästner. Laut zwei Gesprächsprotokollen soll der damalige LSW-Geschäftsführer 2009 gegenüber Stadtwerkern (unter ihnen den damaligen Stadtwerke-Chef Markus Karp) gesagt haben: Jetzt platzt eine Bombe. Der Grund: Dass die Stadtwerke in Zukunft ihren Strom nicht mehr von der Tochter LSW beziehen wollten, soll den eigentlich als ruhig geltenden Kästner in Rage versetzt haben.
„Diese militaristische Sprache ist nicht meine Sache“, sagte Kästner gestern vor Gericht. Genau an seine Worte erinnern könne er sich aber nicht. „Vorstellbar ist, dass ich gesagt habe: Das wird einschlagen wie eine Bombe.“ Gemeint sei damit die zu erwartende Aufruhr innerhalb der LSW gewesen.
Eines steht fest: Zwei Tage nach dem angeblich gelegten sprachlichen Sprengsatz landete am 6. August 2009 ein Schmähbrief auf den Tischen ausgewählter Wolfsburger. Mit den Briefen zu tun habe er nichts, betont Kästner. „Weder bin ich der Verfasser, noch kenne ich die Autoren“, sagte er vor Gericht. Auch habe er niemals wissentlich und willentlich dabei geholfen, sie zu verfassen. Wer es sein könnte? „Ich beteilige mich nicht an Spekulationen.“
Wer wissen will, wie die Atmosphäre in einem Unternehmen durch persönliche Auseinandersetzungen bis zur Unkenntlichkeit vergiftet werden kann, ist an diesem regnerischen Montag im Saal F des Amtsgerichts genau richtig. Feinde und Freunde treffen hier aufeinander. Die Aussagen bewegen sich im Ungefähren. Nichts Genaues weiß man nicht.
Fakt ist: Die Schmähbriefe wurden geschrieben. Fakt ist auch: Die Schreiben wurden anonym verbreitet, enthielten Schmähungen und Beleidigungen, unter anderem gegen den damaligen Stadtwerke-Chef Markus Karp. Fakt ist außerdem: Keiner will’s gewesen sein. Schon gar nicht Maik Nahrstedt. Der Angeklagte in diesem langwierigen Verfahren hat schon mehrfach seine Unschuld beteuert. An diesem Verhandlungstag aber hat Nahrstedt weitgehend Pause.
Wo Fakten fehlen, versucht es der Vorsitzende Richter Ingo Verch einfach direkt. „Sind Sie der Autor der Briefe? Wissen Sie, wer sie geschrieben hat?“, fragt er die Zeugen. „Ich war es nicht“, sagt der Stadtwerke-Prokurist Marc-Fredrik Augath, der ansonsten durch kurze, monotone Antworten wenig zum Prozess beitragen kann. Immerhin: Die Tatsache, dass er statt das Fest zum 70. Geburtstag der Stadtwerke lieber ein AC/DC-Konzert besuchte, sorgt kurz für Heiterkeit. „Ich war es nicht“, sagt auch Michael Rex, bis 2008 technischer Vorstand der Stadtwerke und im Unfrieden aus dem Unternehmen ausgeschieden. Immerhin: Er könne verstehen, dass der Verdacht naheliegen könnte. „Aber ich war es nicht und weiß auch nicht, wer es war. Und ich möchte es auch gar nicht wissen.“
Fast in den Hintergrund rückt dabei die Frage nach den VIP-Karten, die Nahrstedt zusammen mit dem damaligen Prokuristen Stefan Griesemann unrechtmäßig auf Kosten der Stadtwerke abgerechnet haben soll. Der frühere Vorstand Torsten Hasenpflug habe den Sachverhalt aufklären wollen. „Ich wollte zunächst wissen, wer überhaupt im Stadion dabei war.“ Antworten habe er auf diese Frage nicht erhalten – auch nicht vom Stadtwerke-Aufsichtsrat und Wolfsburger SPD-Fraktionschef Hans-Georg Bachmann, der ihn stattdessen angeblich warnte und ihm prophezeite, dass er sich umschauen würde, in welches Wespennest er da gestoßen habe. „Ich hatte die Namen nicht und konnte sie ihm daher auch nicht mitteilen“, sagte Bachmann auf WN-Nachfrage. Ob ein Ausdruck wie Wespennest gefallen sei, könne er aus der Erinnerung heraus weder bejahen noch verneinen. Am 9. Juli wird die Verhandlung fortgesetzt.
