Westlich das Gedicht, östlich die Atmung
Wolfsburg In einer Folge von Lesung und Übung haben Hanns Zischler sowie Katharina und Julian Middendorf einen Abend der Stille gestaltet.
„Es ist für uns ein Experiment“, sagte Hanns Zischler, zuversichtlich allerdings, dass es gelingen werde. Es ist gelungen am Donnerstagabend im Freiraum der Autostadt. Unter dem Titel „Die Stille bringt es an den Tag“ haben der in Berlin lebende Schauspieler Hanns Zischler und die beiden Berliner Yoga-Lehrer Katharina und Julian Middendorf einen west-östlichen Diwan der Stille vermittelt. Annähernd 200 Zuhörer, unter ihnen vielleicht 10 Männer, lassen sich darauf nieder.
Zuhörer ist nur ein teilweise zutreffendes Wort, denn die Yoga-Lehrer führen ihr Publikum aus der passiv zuhörenden in eine aktiv mitmachende Rolle. Doch zunächst, gegen 19.30 Uhr, ist alles wie immer, wenn es um Literatur geht. Hanns Zischler betritt die Bühne, nimmt am Lesepult Platz und hebt an mit gekonnter Prononcierung zu lesen. Er ist ein versierter Schauspieler, noch dazu ein Regisseur, sogar Verleger.
Als Schauspieler ist Zischler mit allen Wassern gewaschen und deshalb sehr gefragt, gleich ob in Krimiserien wie der schwedischen Beck oder als Ufa-Filmproduzent Erich Pommer in der Filmbiografie über Hildegard Knef. Er ist präsent, er ist geistesgegenwärtig, wirkt vertrauenerweckend und stark. So liest er an diesem Abend auch teilweise beklemmende, teilweise romantische, auch beschauliche und philosophische Betrachtungen über die Stille, die Natur und das Verhältnis des Menschen dazu. Es ist europäische Lyrik und Epik. So tief lotend wie „der Schnee“ aus dem Zauberberg von Thomas Mann, aber auch so empfindsam philosophierend wie die Gedichte über die Wolken von Hans Magnus Enzensberger. Vorab spricht Zischler ein eigenes, seiner Enkeltochter Lea gewidmetes Essay über die Stille.
Das ist der westliche Teil dieses Abends, zugleich der intellektuelle, an den Verstand über den Kopf gehende. Zutiefst berührend, zum Innehalten und Nachdenken anregend dank der hohen literarischen Qualität und der ihr ebenbürtigen Vortragskunst.
Im östlichen Teil, der indischen Kunst des Yoga, führen in zwei eigenständigen Sequenzen zuerst Katharina, dann Julian Middendorf ihre zufälligen Schüler zu inneren Erfahrungen. In ruhigem Ton, mit tiefer Gelassenheit und hoher Selbstsicherheit treten sie beide auf, zeigen wie Haltung und Atmung miteinander in Verbindung stehen. Sie zeigen es nicht nur, sie machen es erfahrbar, mit- und damit nachvollziehbar. Haltung, das bedeutet genaues Sitzen, bestimmte Fuß- und Handstellungen, dann deren Bewegungen dazu beitragen, den eigenen Körper, einzelne Knochenpartien und Organe wahrzunehmen. Die Leute folgen brav allen Anweisungen bis hin zum Summen der Hummeln.
Aber sie lernen dabei über ihre körperlichen Wahrnehmungen und ihre Atmung etwas über die Stille und deren innere Kraft. Das ist eine in der westlichen Kultur wenig praktizierte und bekannte Art des Lernens und Entspannens. Die beiden Yoga-Lehrer erwarben ihr Können in Indien und geben es weiter.
Julian Middendorf ist s der Sohn von Hanns Zischler, Katharina Middendorf seine Schwiegertochter.

