Südafrika - Fallersleberin beginnt Abenteuer ihres Lebens
Wolfsburg Änne Homann ist 19 Jahre alt, wohnt in Fallersleben – und ist kurz davor, ihre Arbeit in einem südafrikanischen Waisenhaus aufzunehmen. Ein Tagebuch.
„Ach Änne, es wird so herrlich leise sein, wenn du nicht mehr da bist.“ „Juhu, endlich ein Zimmer mehr für mich.“ „Wer bekommt denn dann ihr Taschengeld?“ So etwas hört man sich doch gerne an von seiner Familie. Und besonders gerne, wenn man in genau sechs Tagen 16 575 Kilometer weit von Zuhause entfernt ist, um im Rahmen des staatlich geförderten Programms „Weltwärts“ mit dem Deutsch-Südafrikanischen Jugendwerk einen einjährigen Freiwilligendienst in einem Kinderheim zu leisten.
In Wirklichkeit plagt sich meine Mama schon seit Monaten mit Sorgen um ihre älteste Tochter, erzählt mir Horror-Geschichten, die irgendwelchen entfernten Bekannten in Südafrika widerfahren sind, knallt mir Zeitungsartikel über ermordete Farmer dort auf den Tisch und kauft literweise Pfefferspray. Auf die Top-Frage der letzten Woche „Und wie fühlst du dich?“ antwortete ich stets mit: „Ich übernehme die Vorfreude, meine Mutter die Ängste.“
Aber so ganz stimmt auch das nicht. Ich schlafe kaum noch. In vielen Nächten schrecke ich schweißgebadet hoch, weil ich von Löwen, Schlangen, Moskitos, von Menschen, die mich erschießen, vergewaltigen, ausrauben geträumt habe. Was für ein Quatsch! Oft genug wurde uns bei dem Vorbereitungsseminar für das FSJ eingetrichtert, dass wir uns in unserem Dörfchen frei bewegen können, nie allein, nie unvorsichtig, aber frei.
Eine ganze Woche im Mai war ich für dieses Vorbereitungsseminar in Bad Honnef, wo ich auch schon meine Mitfreiwilligen kennenlernen durfte. Ich kam mit unzähligen Fragen. Und ging mit noch mehr Antworten, neuen Freunden, den ersten Brocken Afrikaans und einem beruhigten Lächeln.
Danach erledigte ich all das Organisatorische: Visum beantragen, Versicherung abschließen, Konto eröffnen und unzählige Male impfen lassen. So verstrichen die Wochen. Die letzten Abiturprüfungen, Urlaube, Festivals und Partys haben mich so sehr in Beschlag genommen, dass für die weitere emotionale und praktische Vorbereitung auf Südafrika schlichtweg keine Zeit blieb.
Doch in den letzten Tagen macht sich so langsam ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bemerkbar. Worauf habe ich mich da eingelassen? So sehr ich es mir versuche einzureden, das beruhigte Gefühl der letzten Monate hat sich in Luft aufgelöst. Manchmal geht es sogar so weit, dass ich mein gesamtes Vorhaben in Frage stelle.
Während ich das hier schreibe, muss ich selber über mich lachen. Südafrika war immer mein Traum, mit Kindern zu arbeiten noch mehr, und so überwiegt meistens die Vorfreude. Doch die Träume kommen immer wieder und mit ihnen die Zweifel. Das Gefühlschaos bleibt!
Mittlerweile habe ich meiner Mama dann auch doch erlaubt, das Pfefferspray als Erstes in den Koffer zu packen. Apropos packen! Haben Sie schon mal versucht, den Kram, den Sie für ein ganzes Jahr brauchen auf 23 Kilogramm zu komprimieren? Ich verrate Ihnen – das geht nicht. Jedenfalls nicht ohne Verluste.

