Lausbuben wie aus dem Bilderbuch
Wolfenbüttel Wilhelm Busch war häufig in Wolfenbüttel. Leser Michael Dahlke hat die Idee, dass Busch dort die Anregung für „Max und Moritz“ bekam.
Ob es einen gewissen Zusammenhang zwischen Franz und Hans aus Wolfenbüttel und Max und Moritz aus der Feder Wilhelm Buchs gibt, ist nicht belegt. Aber auch nicht widerlegt. Das inspirierte den Verfasser zu seiner Erzählung, wie es gewesen sein könnte:
Als gestrenger Hüter einer wildgewordenen Kinderschar in meiner einklassigen Schule hier zu Wolfenbüttel schreite ich jeden Vormittag im Bratenrock, fein säuberlichen Halstuch und Rohrstock in meiner linken Hand von Abteilung zu Abteilung meiner mir anvertrauten gottesfürchtigen Mädels und Jungen. Sie müssen nicht nur das Abc lernen, sondern Lesen, Schreiben und Rechnen stehen jeden Tag auf dem Plan. Nicht zu vergessen die erbauliche Religion, aus der mancherlei Nutzen zu ziehen ist.
Die Schüler, in Abteilungen nach Alter eingerichtet, sitzen in langen Bänken. Vor ihnen Tintenfässer und in der Hand die unentbehrlichen Schiefertafeln für allerlei Aufgaben, mit Schwämmchen und Griffel.
„Herr Lehrer, der Franz hat mir meinen Zopf ins Tintenfass gestippt!“ – „Und mir hat der Hans Hagebutten ins Kleid gesteckt!“
Ich habe die beiden Schlingel schon lange unter Beobachtung.
Der eine, rothaarig mit Sommersprossen, der andere mit Segelohren und Stupsnase. Die beiden hocken immer zusammen und hecken dabei neue Streiche aus, die gegen Sitte und Anstand verstoßen.
Beim Räuber-und-Gendarm-Spiel während der von mir zu beaufsichtigenden Pausen muss ich oft genug ihre Prügeleien mit den Jungens aus den oberen Abteilungen unterbinden. „Ab in den Karzer“! Hier reißen sie Fliegen die Flügel aus, und rauchen heimlich Zigaretten.
Sie tun sich sehr wichtig und stören das Himmel-und-Hölle-Spiel oder das Seilspringen der Mädchen, wann immer sie nur können. Dann kommen die Mädchen in ihren weißen Schürzen und wehenden Zöpfen weinend zu mir gelaufen. „Der Franz läuft beim Seilspringen immer dazwischen!“ „Und mir hat Hans die Steine beim Himmel-und-Hölle-Spiel geklaut!“
Beide konnten aus Holunderholz wunderbare Blasrohre herstellen. Allerdings verschossen sie die Erbsen oder zerkautes Löschpapier während des Unterrichts in Richtung unschuldiger Mädels.
Auch wurden sie schon beobachtet, wie sie mit einer Zwille – gebastelt aus einer Astgabel und Einmachgummi – auf die Hühner meiner Nachbarin, schießen. Diese flattern dann wie verrückt durcheinander, und die gute Frau hat für den Tag wieder mal keine Eier und beschwert sich natürlich bei mir, dem kleinen Dorfschullehrerlein, der neben Eintrichtern von Wissen in die Kinderhohlköpfe auch noch das Orgelspiel und die Küsterdienste in der Trinitatis-Kirche zu versehen hat.
Auch meine im Lehrergarten gezogenen Kirschen sind nicht vor den beiden sicher. „Wir wollten nur die Stare verscheuchen!“, sind sie um keine Ausrede verlegen.
Ermahnungen, Nachsitzen und Strafarbeiten mit 100-mal aufschreiben des Satzes „ Ich darf keine Reißzwecken auf den Lehrerplatz legen!“ oder „ Ich darf der Katze von Frau Kramer keine Konservendose an den Schwanz binden!“ helfen nicht. Selbst Züchtigungen zur Besserung dieser beiden armen Menschenkinder mit meinem Rohrstock auf Finger und Hände bringen keine Veränderung ihres Verhaltens, meine pädagogischen Mühen keinen Erfolg.
Doch eines Tages merke ich beim Gang durch die Bankreihen, wie ruhig es im Klassenraum ist, wie fleißig meine Schüler arbeiten. Etwas fehlt mir in dieser ungewöhnlichen Ruhe. Doch die beiden, Franz und Hans, bleiben verschwunden.
Und heute Abend kommt Wilhelm Busch mal wieder zu Besuch nach Wolfenbüttel. Wir treffen uns nachher im „Forsthaus“ zu einem geziemenden Umtrunk und einer starken Pfeife. Dann will ich ihm einmal diese seltsame Geschichte von Franz und Hans erzählen. Wer weiß, vielleicht macht der Busch ja eine Geschichte daraus?
